Zukünftige IT-Landschaften im Fokus

Veränderungen in den Softwaresystemen der Intralogistik
Die Logistik-IT befindet sich im Wandel. Modulare Softwarepakete mit spezialisierten Funktionalitäten ergänzen in den letzten Jahren immer häufiger die bisher üblichen großen, monolithischen Softwaresysteme zur Steuerung der logistischen Prozesse. Dabei gibt es einen maßgeblichen Unterschied zwischen der strategischen, normativen Planungsebene, die übergeordnet und zentral organisiert weiter bestehen wird, und dem echtzeitnahen und operativen Planungsbereich, der zunehmend in dezentralen Systemen organisiert werden muss.
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Aufbau einer IT-Systemlandschaft und Integration von nebenstehenden Systemen, angelehnt an die VDI-Richtlinie 3601 Bild: IML
Aufbau einer IT-Systemlandschaft und Integration von nebenstehenden Systemen, angelehnt an die VDI-Richtlinie 3601 Bild: IML

Mit dem Grundsatz von Henry Ford (1913) - „People can have the Model T in any colour as long as it’s black.“- lässt sich der Endkunde heutzutage nicht mehr zufriedenstellen. Steigende Marktanforderungen an die Dynamik und an die Flexibilität von Unternehmen im Hinblick auf Produktvarianz, Lieferzeiten, Verfügbarkeit und nicht zuletzt auch an die Robustheit gegenüber ungeplanten Ereignissen führen zu einer Steigerung der Komplexität sowie zu einer Erhöhung der Änderungsgeschwindigkeit von logistischen Prozessen. Die Ausnahme wird zum Standard, und Planung und Steuerung der Prozessvarianz und -dynamik werden zu einer kaum noch zu bewältigenden Aufgabe für bestehende Logistik-IT-Systeme. Auf die IT-Systeme kommen zwei große Herausforderungen zu: Treffen von echtzeitnahen Entscheidungen und die Integration einer großen Anzahl hochspezialisierter funktionaler Anforderungen.

Auswirkungen auf die Logistik-IT-Architektur

Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, drängen aktuell immer mehr digitale Services und Apps sowie hochspezialisierte Softwaremodule auf den Logistik-IT-Markt. Diese stellen eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Logistik-IT-Systemen wie WMS, ERP und TMS dar. In Kombination mit einer zunehmenden Modularisierung der ehemals monolithisch aufgesetzten großen Logistik-IT-Systeme bietet dies dem Kunden die Möglichkeit, seine eigene Logistik-IT-Systemlandschaft zu gestalten. Zukünftig wird es notwendig sein, sowohl gezielt einzelne Module von ehemals monolithischen Logistik-IT-Systemen wie WMS und TMS als auch kleinere hochspezialisierte Softwarelösungen und dezentral agierende Devices für eine erfolgreiche Logistikabwicklung einzubinden. WMS unterstützen softwareseitig die Prozesssteuerung, -kontrolle und -optimierung im Lager und bilden häufig den Mittelpunkt unternehmensspezifischer IT-Systemlandschaften. Nebenstehende Systeme wie TMS, SLS, RPS, BI oder Pick-by-Systeme sowie untergeordnete Systeme wie Materialflusssteuerungen strukturieren sich um ein WMS und bieten Funktionalitäten für zusätzliche Bereiche (Bild 1). Ist an einem Lagerstandort beispielsweise eine hohe Anzahl an Staplern im Einsatz, so kann die Systemarchitektur um Spezialsoftware ergänzt werden. Die Systemlandschaft wird um ein zusätzliches System erweitert, das möglicherweise auch von einem weiteren Softwareanbieter stammt.

Modulare Logistik-IT-Landschaften bieten hohe Flexibilität

Softwareanwender profitieren durch modulare IT-Systemlandschaften von branchenspezifischen Funktionalitäten und einer hohen Flexibilität. Systeme können flexibel über standardisierte Schnittstellen ergänzt oder reduziert werden. Dabei ist eine erfolgreiche Anbindung unabhängig vom Anbieter, was zudem die preisliche Attraktivität und Effizienz steigert. Im Gegensatz dazu ist die Zusammensetzung an Logistik-IT-Systemen bei der Integration von Komplettlösungen weniger dynamisch.

Bereits im Rahmen der initialen Definition von Anforderungen und der Auswahl von Anbietern ist die Berücksichtigung von langfristigen Entwicklungen entscheidend. Es besteht das Risiko, bereits zu Beginn der Softwareeinführung ungenutzte Funktionalitäten einzuplanen. Beobachtungen des Marktes zeigen zudem eine limitierte Anzahl an Anbietern, die Komplettlösungen mit allen gefragten Modulen vertreiben. Bei der Wahl einer Komplettlösung ergeben sich im Wesentlichen die Mehrwerte einer Minimierung von Schnittstellen zu anderen Systemen sowie eines geringen Abstimmungs- und Administrationsaufwands durch nur einen Hauptansprechpartner.

Softwareanbieter mit erweitertem Produktportfolio

Marktbeobachtungen zeigen, dass ein steigendes Angebot an ergänzenden Softwaresystemen oder funktionsstarken Systemen die Antwort von Softwareanbietern auf eine hohe Nachfrage an funktionaler Konvergenz ist.

Dies ermöglicht eine horizontale und vertikale Integration von Funktionalitäten in individuellen IT-Systemlandschaften aus Sicht des zentralen WMS. Erkenntnisse des WMS-Marktreports Kompakt 2020 des Dortmunder Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) bestätigen den Trend der Portfolioerweiterung, denn beispielsweise 35 % der befragten WMS-Anbieter vertreiben bereits ergänzend mindestens ein TMS, wobei fast 80 % dieser Systeme autark einsetzbar sind.

Knapp die Hälfte der analysierten Anbieter erweiterten ihre softwareseitige Intralogistikkompetenz durch Entwicklungen von Zusatzsystemen für die Kommissionierung, das einem vergleichbaren Angebot an Pick-by-Systemen entspricht (Bild 2).

Auswahl der richtigen Systemkombination

Neben einer Steigerung der Effizienz und der Produktivität im Lager bringen die Modularisierung von IT-Systemlandschaften und das kontinuierliche Wachstum des Marktes für Logistik-IT auch Herausforderungen bei der Auswahl und Implementierung mit sich. Klare Definitionen der Schnittstellen sind eine wichtige Voraussetzung für heterogene IT-Systemlandschaften, um die Kompatibilität und Datensicherheit der Systeme gewährleisten zu können. Dabei sind die Bestimmung sowie die Abgrenzung des Datenaustausches als auch der Verantwortlichkeiten essenziell, um von einer gezielten und verlässlichen softwareseitigen Unterstützung der Lagerprozesse zu profitieren.

„Logistik-IT-Datenbank“ unterstützt Interessenten

Die anforderungsbasierte Auswahl eines oder mehrerer Logistik-IT-Systeme ist demnach nicht nur der zielorientierteste und effizienteste, sondern auch der herausforderndste Ansatz. Mit der Erweiterung ihrer bisherigen „WMS-Online-Auswahl“ zu einer „Logistik-IT-Online-Auswahl“ entwickelt das „Team warehouse logistics“ des Dortmunder Fraunhofer-IML eine Online-Plattform zum funktionalen und anbieterunabhängigen Vergleich von WMS, TMS, SLS, RPS, BI und Pick-by-Systemen. Lagerbetreiber werden anhand eines umfassenden Fragenkatalogs strukturiert durch die Aufnahme von Anforderungen an ihre zukünftige Software geleitet. Die „Logistik-IT-Online-Auswahl“ baut auf eine stetig wachsende Datenbank mit gelisteten Systemen und Anbietern auf. Unterwarehouse-logistics.com präsentieren aktuell über 70 Systemanbieter ihr Produktportfolio auf der Plattform und lassen die insgesamt 96 Systeme vom herstellerunabhängigen „Team warehouse logistics“ validieren. Nach einer erfolgreichen Validierung erhält das System das Validierungs-Signet, ein Qualitätssiegel der Branche.

Linda Maria Wings

Linda Maria Wings
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, „Team warehouse logistics“, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) Dortmun

Kira Schmeltzpfenning

Kira Schmeltzpfenning
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, „Team warehouse logistics“, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) Dortmun
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Zukünftige IT-Landschaften im Fokus
Seite 38 bis 39
09.12.2019
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