„Retrofit gewinnt an Bedeutung“

Modernisierung bestehender Anlagen wird zur strategischen Option für Betreiber

Steigende Anforderungen an Verfügbarkeit, IT-Integration und Betriebssicherheit erhöhen den Druck auf Betreiber bestehender Intralogistik-Anlagen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Retrofit-Strategien, um vorhandene Systeme wirtschaftlich und technisch auf den aktuellen Stand zu bringen. Im Interview mit „Technische Logistik“ erläutern Michael Rueff, Head of Sales Retrofit Solutions bei der Syncore GmbH, und Andreas Weingärtner, CSO bei Syncore, die zentralen Auslöser, Herausforderungen und Grenzen von Retrofit-Projekten.

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 Bild: Syncore
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Christina Kasper: Herr Rueff, das Thema Modernisierung gewinnt aktuell stark an Bedeutung. Welche Rolle spielt Retrofit in der Gesamtstrategie von Syncore?

Michael Rueff::Retrofit ist kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Der Ausgangspunkt ist immer der Bestand beim Kunden. In vielen Projekten sehen wir funktionierende mechanische Strukturen, aber veraltete Steuerungs-, Antriebs- oder IT-Systeme. Genau dort setzen wir an. Unser Ziel ist es, bestehende Anlagen wirtschaftlich und technisch wieder auf einen zukunftsfähigen Stand zu bringen – mit klarer Fokussierung auf Verfügbarkeit, Ersatzteilfähigkeit und Integrationsfähigkeit in moderne IT-Systeme.

Sehen Sie Retrofit eher als Ergänzung oder als gleichwertige Alternative zu Greenfield-Projekten?

Michael Rueff: Beides, aber nicht pauschal. Retrofit ist die erste Option, wenn die mechanische Substanz noch tragfähig ist und das Layout grundsätzlich funktioniert. Gerade wenn Umbauten im laufenden Betrieb erfolgen müssen, ist Retrofit oft die einzige realistische Lösung. Greenfield-Projekte werden dann sinnvoll, wenn Struktur, Leistung oder Gebäudegrenzen nicht mehr passen. Wir entscheiden immer projektbezogen nicht aus dem Bauch, sondern aus dem Bestand heraus.

Welche Marktentwicklungen treiben die Nachfrage nach Retrofit aktuell besonders an?

Michael Rueff: Häufig geht es zunächst um abgekündigte Technik oder Software, etwa wenn Steuerungen, Antriebe oder Systeme wie die Lagerverwaltungssoftware nicht mehr verfügbar sind. Damit einher geht oft eine zunehmende Ersatzteilproblematik, die das Risiko ungeplanter Stillstände deutlich erhöht. Ein weiterer zentraler Treiber sind gestiegene IT- und Systemanforderungen: Bestehende Anlagen lassen sich vielfach nicht mehr ohne Weiteres an moderne ERP- oder Warehouse-Management-Systeme anbinden. Vor diesem Hintergrund spielt auch die Investitionslogik eine wichtige Rolle. Viele Unternehmen verfolgen den Ansatz, vorhandene Automatisierungstechnik möglichst weiter zu nutzen und gezielt zu modernisieren, anstatt komplette Anlagen neu zu errichten.

Herr Weingärtner, welche Vorteile ergeben sich für Retrofit-Projekte aus dem Zusammenschluss von Reesink, AM und Lalesse Logistic Solutions?

Andreas Weingärtner: Im Zuge des Zusammenschlusses werden die Prozesse in den Bereichen Sales Retrofit, Engineering, Software, Projektmanagement und Service gezielt harmonisiert und optimiert. Dadurch verkürzen sich Angebotszyklen, die Umsetzungsqualität wird gesteigert, Projektrisiken werden reduziert und ein nahtloser Übergang in den Service sichergestellt. Darauf aufbauend profitieren auch die Wartungskonzepte nach der Modernisierung: Standardisierte Lösungen, durchgängige Dokumentation und gebündeltes Know-how ermöglichen eine effizientere Instandhaltung, schnellere Reaktionszeiten und eine langfristig höhere Anlagenverfügbarkeit. Durch den gemeinsamen Marktauftritt stärken wir unsere Wahrnehmung als leistungsfähiger und international agierender Retrofit-Partner.

Wie profitieren Kunden von der integrierten Organisation über Engineering, Software und Service hinweg?

Andreas Weingärtner: Die enge Zusammenarbeit von Engineering, Software, Projektmanagement und Service ermöglicht eine durchgängige Umsetzung von Retrofit-Projekten von der ersten Idee bis zum stabilen Betrieb. Gleichzeitig profitieren unsere Kunden von einer vereinfachten Kommunikation durch einen zentralen Ansprechpartner unter Syncore, was die Komplexität reduziert.

Welche typischen Ausgangssituationen begegnen Ihnen bei Retrofit-Projekten in bestehenden Lagern?

Michael Rueff: In Retrofit-Projekten arbeiten wir selten mit „klaren“ Ausgangssituationen, sondern fast immer mit gewachsenen Systemen. Typisch sind Anlagen, die über 20 oder 30 Jahre in Betrieb sind und in dieser Zeit mehrfach erweitert oder angepasst wurden. Das führt dazu, dass innerhalb einer Anlage unterschiedliche Technologiestände parallel existieren. Das bedeutet konkret, dass die mechanische Grundstruktur häufig weiterhin robust und langlebig ausgelegt ist, insbesondere bei Regalbediengeräten oder Fördertechnik. Gleichzeitig ist die eingesetzte Steuerungstechnik vielfach veraltet, etwa wenn noch Systeme wie S5- oder frühe S7-Generationen im Einsatz sind. Hinzu kommt eine heterogene Antriebstechnik mit unterschiedlichen Kommunikationsstandards. Auch die Dokumentation ist in vielen Fällen unvollständig oder nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Darüber hinaus bestehen häufig historisch gewachsene Schnittstellen zu übergeordneten Systemen, die über Jahre hinweg angepasst wurden und heute zusätzliche Komplexität in der IT- und Prozesslandschaft verursachen. Die eigentliche Herausforderung liegt weniger in der einzelnen Komponente, sondern im Gesamtsystem. Viele Anlagen sind über Jahre funktional erweitert worden, aber ohne durchgängige Systemarchitektur. Deshalb ist der erste Schritt in jedem Retrofit-Projekt nicht die Lösung, sondern das Verstehen des Bestands.

Wo liegen die größten technischen Herausforderungen bei einem Retrofit?

Michael Rueff: Die zentralen Herausforderungen bei Retrofit-Projekten liegen im Zusammenspiel der Gewerke, insbesondere in der Steuerungs- und Antriebstechnik. Sie ist häufig der Auslöser, da abgekündigte Komponenten, fehlende Ersatzteile und veraltete Bussysteme die Betriebssicherheit beeinträchtigen. Die eigentliche Komplexität entsteht allerdings weniger durch den Austausch selbst, sondern durch die Umsetzung im laufenden Betrieb. Umbauten müssen in engen Zeitfenstern erfolgen, während gleichzeitig eine schrittweise Migration und ein kontrollierter Übergang auf neue Systeme sichergestellt werden müssen. Zusätzlich ist die bestehende Logik oft über Jahre gewachsen und nur unvollständig dokumentiert, was eine vorgelagerte Analyse und Strukturierung erforderlich macht. Besonders anspruchsvoll ist die Software- und IT-Integration. Historisch gewachsene und unzureichend dokumentierte Schnittstellen sowie teilweise nicht mehr supportfähige Systeme erschweren die Anbindung. Daher müssen bestehende Kommunikationsstrukturen zunächst analysiert und darauf aufbauend klare Schnittstellen sowie konsistente Datenmodelle definiert werden. Dieser Bereich ist entscheidend für die Gesamtfunktion der Anlage und entsprechend planungs- und testintensiv. Die Mechanik ist dagegen selten Auslöser, bleibt aber ein wichtiger Bewertungsfaktor. Zwar ist die Grundstruktur häufig weiter nutzbar, jedoch sind Zustand, Verschleiß sowie Ersatzteilverfügbarkeit kritisch zu prüfen.

Wie gehen Sie mit heterogenen Bestandsanlagen und unterschiedlichen Schnittstellen um?

Michael Rueff: Das Grundprinzip bei Retrofit-Projekten lautet: erst strukturieren, dann modernisieren. Im ersten Schritt wird der Bestand systematisch aufgenommen, um Transparenz über alle Komponenten und Abhängigkeiten zu schaffen. Darauf aufbauend erfolgt eine klare logische Trennung der Systeme sowie die Standardisierung der Schnittstellen. Erst auf dieser strukturierten Basis lässt sich die Integration moderner Technologien sinnvoll umsetzen.

Wie lassen sich Systeme wie Autostore, AMR oder Shuttle-Lösungen sinnvoll in bestehende Infrastrukturen integrieren?

Michael Rueff: Entscheidend ist nicht nur die Technologie, sondern vor allem die Integration und genau hier liegt im Retrofit ein großer Vorteil. Durch die Modernisierung übernehmen wir im Idealfall sowohl die Steuerungsebene als auch die Warehouse-Control-Systemebene. Dadurch entsteht eine deutlich höhere Flexibilität in der Schnittstellenanpassung. Das ermöglicht eine saubere Integration neuer Systeme in bestehende Materialflussstrukturen. Neue Technologien wie Autostore, AMR oder Shuttle-Systeme werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern gezielt in den vorhandenen Materialfluss integriert. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass wir den Bestand im Detail verstehen und die Schnittstellen entsprechend gezielt auslegen können. Dadurch wird die Integration nicht einfacher im Sinne von trivial, aber deutlich kontrollierter und effizienter umsetzbar.Zusätzlich entstehen Synergien, wenn Erweiterungen direkt im Rahmen eines Retrofit-Projekts umgesetzt werden. Planung, Entwicklung und Umsetzung greifen ineinander, was sich sowohl technisch als auch wirtschaftlich positiv auswirkt. Retrofit ist damit nicht nur Modernisierung, sondern in vielen Fällen auch die Basis für gezielte Erweiterungen in der Fördertechnik, in der Lagerung oder durch zusätzlicheAutomatisierungslösungen.

Gibt es Grenzen, ab denen sich ein Retrofit wirtschaftlich oder technisch nicht mehr lohnt?

Michael Rueff: Ja, und die müssen klar benannt werden. Grenzen sind erreicht, wenn das bestehende Layout strukturell ungeeignet ist, ein erhebliches Leistungsdefizit vorliegt oder die mechanische Substanz der Anlage nicht mehr tragfähig ist. In solchen Fällen muss geprüft werden, ob eine grundlegende Neuplanung sinnvoller ist.

Welche technologischen Entwicklungen werden Retrofit in den nächsten Jahren besonders prägen?

Michael Rueff: Ein klarer Trend ist die zunehmende Integration neuer Technologien in bestehende Systeme. Dazu gehören insbesondere Robotiklösungen in Kombination mit flexibler Software (KI), AMR-Systeme zur Erweiterung bestehender Materialflüsse und eine stärkere Nutzung von Daten zur Optimierung von Prozessen. Die technologische Entwicklung geht dabei weniger in Richtung einzelner Komponenten, sondern hin zu flexiblen und integrierbaren Gesamtsystemen.

Wird Retrofit künftig zum dominierenden Modell in der Intralogistik?

Michael Rueff: Retrofit wird deutlich an Bedeutung gewinnen. Hintergrund ist vor allem die große installierte Basis bestehender Anlagen, die weiterhin genutzt werden soll. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Verfügbarkeit und IT-Integration kontinuierlich. Hinzu kommt ein wachsendes Risiko durch veraltete Systeme und Software, das den Modernisierungsdruck erhöht und Retrofit zunehmend zur strategischen Option macht. Gerade bei Anlagen mit hohem Durchsatz und entsprechendem Umsatzvolumen entsteht ein zunehmender Druck, die Systeme stabil und zukunftsfähig zu halten. In diesem Umfeld ist Retrofit kein Sonderfall mehr, sondern für viele Betreiber der zentrale Ansatz.

Welche Rolle spielen Themen wie KI, Simulation oder Digital Twins im Kontext von Modernisierungen?

Michael Rueff: Simulation und Digital Twins gewinnen im Retrofit deutlich an Bedeutung. Vor allem, um eine Modernisierung besser planbar und sicherer zu machen. Simulation hilft dabei, bestehende Anlagen virtuell abzubilden und verschiedene Umbau- oder Erweiterungszenarien im Voraus zu testen. So lässt sich früh erkennen, welche Lösung am besten funktioniert, ohne direkt in den laufenden Betrieb eingreifen zu müssen. Ein wichtiger Schritt ist dabei auch die virtuelle Inbetriebnahme. Neue Steuerungslogiken können bereits vor dem eigentlichen Umbau getestet werden, was Risiken und Stillstandszeiten deutlich reduziert. Digital Twins gehen noch einen Schritt weiter. Sie bilden die Anlage als digitales Gesamtmodell ab und schaffen so eine klare Grundlage, um Veränderungen nachvollziehbar zu planen und Systeme schrittweise weiterzuentwickeln. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit von Daten werden diese Ansätze künftig noch wichtiger, weil sie es ermöglichen, bestehende Anlagen gezielt zu verbessern und langfristig flexibel an neue Anforderungen anzupassen.

Eine Information der Syncore GmbH Firmenprofil siehe Seite 69

Herr Rueff, Herr Weingärtner, vielen Dank für das Interview.

» Durch den gemeinsamen Marktauftritt stärken wir unsere Wahrnehmung als leistungsfähiger und international agierender Retrofit-Partner.

Andreas Weingärtner, CSO, Syncore GmbH

» Unsere Kunden profitieren von einer vereinfachten Kommunikation durch einen zentralen Ansprechpartner unter Syncore, was die Komplexität reduziert.

Andreas Weingärtner, CSO, Syncore GmbH

» Der erste Schritt in jedem Retrofit-Projekt ist nicht die Lösung, sondern das Verstehen des Bestands.

Michael Rueff, Head of Sales Retrofit Solutions, Syncore GmbH

» Retrofit ist nicht nur Modernisierung, sondern in vielen Fällen auch die Basis für gezielte Erweiterungen in der Fördertechnik, in der Lagerung oder durch zusätzliche Automatisierungslösungen.

Michael Rueff, Head of Sales Retrofit Solutions, Syncore GmbH

 

Christina Kasper

Christina Kasper
Redakteurin, Zeitschrift"Technische-Logistik-HebezeugeFördermittel", HUSS-MEDIENGmbH
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· Artikel im Heft ·

„Retrofit gewinnt an Bedeutung“
Seite 20 bis 23
29.08.2024
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