Shuttle-System als Türöffner

Beschlaghersteller wagt den Einstieg in die Automatisierung in Eigenregie

Die Realisierung von Shuttle-Lagern kann ein kompliziertes Unterfangen sein. Die Software ist komplex, die Hardware muss präzise ineinandergreifen und das System sollte möglichst nahtlos in die vor- und nachgelagerten Prozesse integriert werden. Aber mit der richtigen Technologie und dem richtigen Partner ist sie auch kein Hexenwerk. Das zeigt der polnische Beschlaghersteller Domino mit einem – nahezu – in Eigenregie realisierten und integrierten Shuttle-System von HWArobotics.

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 Bild: HWArobotics
Bild: HWArobotics

Domino Polska ist eine feste Größe bei der Ausstattung polnischer Privat- und Geschäftshäuser. In vielen Immobilien des Landes sind Türgriffe, Beschläge oder Scharniere des renommierten Herstellers verbaut. Dieser hat sich in drei Jahrzehnten vom kleinen Betrieb zu einem marktführenden Unternehmen entwickelt, in dessen Sortiment sich heute unter anderem auch Holz- und Laminatböden der Marke Wild Wood und Lackiermaschinen des US-Herstellers Graco finden. Trotz seiner rasanten Entwicklung ist Domino ein Familienunternehmen geblieben, und damit ist natürlich auch die Logistik Familiensache: Die Verantwortung dafür liegt beim Sohn des Firmengründers. Der nahm die Sache selbst in die Hand, als die Entscheidung fiel, mit einem neuen Shuttlelager in die Automatisierung zu starten.

Leuchtturm für Europa

Als internationaler Einkäufer bestens vertraut im Handel mit asiatischen Anbietern, nahm Mateusz Świszcz, Mitglied des Vorstandes bei Domino, auch den chinesischen Anbieter HWArobotics mit in die Ausschreibung. Hierzulande bewegt sich HWArobotics noch weitgehend unter dem Radar, dabei wurden weltweit bereits über 15.000 Shuttles der Marke installiert. Zu den namhaften Kunden zählen Unternehmen wie JD.COM, Siemens, Sony, Samsung oder Bosch. Das Geschäftsmodell des Unternehmens fußt auf zwei Säulen: leistungsstarke Technologie made in China und Integrations- und Logistikkompetenz vor Ort in neuen Zielmärkten. Diese liegen vermehrt außerhalb des asiatischen Raums, das Domino-Projekt markiert als größeres Leuchtturmprojekt den Auftakt einer Offensive in Europa. Auch andernorts kommt bereits Shuttle-Technologie dieses Anbieters zum Einsatz, zum Beispiel bei einem namhaften Sportartikelhändler in Spanien. Bei der Markterschließung setzt das Unternehmen einerseits auf ein wachsendes Ökosystem erfahrener Systemintegratoren, andererseits auf ein homogenes und kompatibles Portfolio von Hard- und Softwarekomponenten, die möglichst unkompliziert in die logistischen Abläufe integriert werden können.

Komplettlager frei Shanghai

Bei Domino kam vor allem dieser zweite Aspekt zum Tragen: HWArobotics lieferte ein Komplettpaket vom Regal über die Shuttle-Fahrzeuge bis zum Förderband frei Shanghai, der Kunde kümmerte sich um Transport und Montage der Anlage, die Integration des Materialflussrechners und des Lagerverwaltungssystems kurzerhand selbst, unterstützt von einem HWA-Experten auf der Anlage. Nicht unbedingt die Regel, denn so viel Eigenleistung ist eine seltene Ausnahme. Sie kann jedoch als Beleg für die Kompatibilität der Technologie herangezogen werden. Wie beim Hausbau lässt sich durch Eigenleistung die Investitionssumme reduzieren, zugleich wird eigenes Know-how aufgebaut, sofern das gewünscht ist und Kapazitäten vorhanden sind. Durch das flexible Geschäftsmodell kann dabei der Leistungsumfang der Integratoren den eigenen Ressourcen und Kompetenzen angepasst werden.

Flexible Plattform mit Reserven

Mit vier Gassen, 17 Shuttles auf 17 Regal-Ebenen, 500 Doppelspielen pro Stunde und 17.510 Stellplätzen für Behälter im Format 600 × 400 Millimetern stellt das System (noch) keine Rekorde auf, aber es markiert einen Riesensprung im Vergleich zu den früheren manuellen Lagerbereichen. Als flexible Plattform bietet es zudem reichlich Reserven für spätere Leistungssteigerungen, zum Beispiel durch weitere Shuttle-Fahrzeuge. Im Zentrum der Lösung steht das Vier-Wege-Shuttlesystem SLS600. Die Eigenentwicklung von HWArobotics ermöglicht eine flexible Bewegung zwischen den Gassen und ist für Anwendungen mit moderatem Durchsatz und hoher Dichte konzipiert. Innerhalb des Systems können sich die Shuttle-Fahrzeuge je nach Ausbaustand horizontal und vertikal bewegen und ermöglichen so einen schnellen und effizienten Zugang zu jedem gelagerten Behälter in der Regalstruktur. Bei Domino bewegen sich die Fahrzeuge ausschließlich in jeweils einer ihnen fest zugewiesenen Ebene. Der vertikale Transport der Behälter erfolgt über zwei zentrale Lifte, die die Ebenen miteinander und mit der Fördertechnik auf der Grundfläche verbinden.

Die Stärke speziell dieser Shuttle-Technologie liegt in der kompakten und hochflexiblen Lageranordnung, in der redundanten und skalierbaren Ausführung und in der besonders effizienten automatischen Lagerung von Behältern sowie Kartonagen unterschiedlicher Formate und Abmessungen. Das System kann individuell auf das jeweilige Anforderungsprofil angepasst werden, hier sogar in einer Doppelrolle: Die Einrichtung ist darauf ausgelegt, einerseits die Domino-eigenen Marken zu bedienen, andererseits aber auch das 3PL-Geschäft des Unternehmens zu stützen. In beiden Fällen wird die Anlage samt dreier vorgelagerter Kommissionierarbeitsplätze zum Kommissionieren von Kleinartikeln eingesetzt. Insgesamt wurde das automatische Shuttle-Lager überdies mit Blick auf das weitere Wachstum des E-Commerce Business ausgerichtet.

Die Weichen für Wachstum stellen

Nach nur zwölf Monaten Realisationszeit bildet das System das Herzstück einer leistungsstarken Logistik, die auf Zuwachs geplant, aber nicht überdimensioniert gebaut wurde. „Mit dem neuen System konnten wir unser Lager den in vielen Jahren stetig gestiegenen Anforderungen an die Logistik anpassen – und schon jetzt die Weichen für Leistungssteigerungen im Zuge des weiteren Wachstums stellen“, so Mateusz Świszcz. (ck)

Redaktion (allg.)

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· Artikel im Heft ·

Shuttle-System als Türöffner
Seite 40 bis 41
10.09.2024
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