Retrofit im Rekordtempo
Nach 35 Jahren intensiver Nutzung war die bestehende Anlage technisch am Ende ihres Lebenszyklus angekommen. Ersatzteile wurden knapp, die Steuerungstechnik war veraltet, und neue Fassformate ließen sich nur mit erheblichem Aufwand integrieren. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen an Energieeffizienz, Prozesssicherheit und hygienische Standards. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Brauerei Anfang 2024 für ein umfassendes Retrofit, das die bestehende Infrastruktur nutzt, aber zentrale Komponenten vollständig erneuert.
Ausgangssituation und Modernisierungsbedarf
Die alte Keg-Linie aus dem Jahr 1988 war trotz regelmäßiger Anpassungen nicht mehr zukunftsfähig. Die mechanischen Komponenten zeigten deutliche Verschleißerscheinungen, und die elektrische Ausrüstung entsprach nicht mehr den aktuellen Normen. „Die Nutzungsdauer der alten Keg-Anlage war ausgeschöpft“, erklärt Silvio Di Tano, Leiter des Elektro-Teams. Besonders kritisch war die Tatsache, dass die Abfüllleistung nicht mehr mit dem steigenden Bedarf Schritt halten konnte.
Während die Brauerei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen war, blieb die Kapazität der Keg-Abfüllung nahezu unverändert. Ein kompletter Neubau hätte umfangreiche bauliche Maßnahmen erfordert, die den Betrieb über Monate hinweg beeinträchtigt hätten. Das Retrofit bot dagegen die Möglichkeit, die vorhandene Struktur zu erhalten und gleichzeitig die gesamte Technik auf ein modernes Niveau zu heben.
Umbau im Bestand unter engen Zeitvorgaben
Der Umbau erfolgte im Januar und Februar 2024 – bewusst in einer Phase geringerer Gastronomienachfrage. Die Demontage der alten Linie, die Bodensanierung und die Installation der neuen Anlage wurden in nur sechs Wochen abgeschlossen. Um die Versorgung sicherzustellen, wurde vorab ein großer Fassbierpuffer aufgebaut. Parallel entstand ein neuer Bereich für die CIP-Anlage, der die Reinigungsprozesse effizienter und hygienischer gestaltet.
Die logistische Herausforderung bestand darin, den Umbau im Bestand durchzuführen, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen. Die räumlichen Gegebenheiten im historischen Brauereigebäude machten die Planung zusätzlich anspruchsvoll. Enge Wege, begrenzte Deckenhöhen und die Notwendigkeit, bestehende Leitungen zu berücksichtigen, erforderten eine präzise Abstimmung aller Gewerke.
Dezentrale Antriebstechnik als Herzstück des Retrofits
Der größte technische Schritt war der vollständige Umstieg auf dezentrale Movigear performance Antriebe in IE5 Effizienzklasse. Diese Antriebe kombinieren Motor, Getriebe und Elektronik in einem kompakten Gehäuse und ermöglichen eine besonders energieeffiziente und platzsparende Installation. „Das Besondere an diesem Projekt war, dass erstmals eine Keg-Abfüllanlage komplett mit dezentraler Antriebstechnik von SEW-Eurodrive ausgestattet wurde“, betont Di Tano.
Insgesamt wurden rund 85 Antriebe erneuert, überwiegend dezentral. Die neue Technik reduziert den Verkabelungsaufwand erheblich, da Leistung und Kommunikation direkt im Feld verteilt werden. Gleichzeitig ermöglicht die modulare Struktur eine flexible Anpassung an zukünftige Erweiterungen oder Prozessänderungen.
Vorteile für Wartung und Instandhaltung
Die dezentrale Struktur bringt klare Vorteile für die Instandhaltung. Sensorik wird direkt im Feld verarbeitet, was externe Komponenten reduziert und Störungen minimiert. Die Profinet-Kommunikation ermöglicht eine schnelle Diagnose und erleichtert die Fehlersuche. Durch die geringere Variantenvielfalt sinkt der Aufwand für Ersatzteilhaltung und Service. Die robuste Bauweise der Movigear-Antriebe sorgt zudem für hohe Verfügbarkeit, selbst in feuchten Umgebungen.
Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, Zustandsdaten in Echtzeit auszuwerten. So können potenzielle Probleme frühzeitig erkannt und behoben werden, bevor es zu einem ungeplanten Stillstand kommt. Für die Brauerei bedeutet dies eine deutlich höhere Prozesssicherheit und eine bessere Planbarkeit von Wartungsarbeiten.
Messbare Effizienzsteigerungen
Der Retrofit zeigt deutliche Effekte: Die Abfüllleistung stieg von 240 auf 400 Fässer pro Stunde. „Durch kompaktere Bauformen und die dezentrale Ausführung aller Antriebe können wir jetzt auf der gleichen Grundfläche die doppelte Abfüllleistung erzielen“, erklärt Di Tano. Der Wasserverbrauch sank auf rund 30 Prozent der alten Anlage, der CO2-Fußabdruck wurde nahezu halbiert. Die IE5 Motoren übertreffen die geforderte IE3 Klasse deutlich und tragen wesentlich zur Energieeinsparung bei.
Auch die Prozessstabilität hat sich verbessert: Die neue Steuerungstechnik ermöglicht eine präzisere Regelung der einzelnen Schritte, was zu einer gleichmäßigeren Produktqualität führt. Die automatische Dokumentation aller Prozessparameter erleichtert zudem die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und interner Qualitätsstandards.
Modernisierung der Fördertechnik und Palettierung
Auch die Fördertechnik wurde vollständig erneuert. Edelstahlbänder mit Movigear-Antrieben transportieren die Kegs zur Abfüllung. Ein Knickarmroboter übernimmt das Palettenhandling, während Standard-Getriebemotoren die Hebe- und Sicherungssysteme antreiben. Die modernisierte End-of-Line Technik sorgt für einen stabilen Materialfluss und reduziert manuelle Eingriffe.
Für die Instandhaltung bedeutet das eine klar strukturierte, einheitliche Antriebstechnik über die gesamte Linie hinweg. Die neue Fördertechnik ist zudem so ausgelegt, dass sie zukünftige Erweiterungen problemlos aufnehmen kann. Dies gibt der Brauerei die nötige Flexibilität, um auf Marktveränderungen oder neue Verpackungsanforderungen zu reagieren.
Integration in die bestehende Steuerungslandschaft
Die neue Abfülllinie wurde nahtlos in die bestehende Brauereisteuerung integriert. Der Braumeister überwacht alle Prozessschritte zentral und kann bei Störungen sofort eingreifen. Automatisierte Reinigungsprogramme und moderne Softwaretools sichern eine gleichbleibende Bierqualität. Die Kombination aus neuer Technik und bestehender Infrastruktur zeigt, wie ein Retrofit die Leistungsfähigkeit einer Anlage deutlich steigern kann, ohne den Betrieb grundlegend umzubauen.
Besonders wichtig war die Schulung des Bedienpersonals, das frühzeitig in das Projekt eingebunden wurde. So konnten Erfahrungen aus dem täglichen Betrieb direkt in die Planung einfließen, was die Akzeptanz der neuen Technik erhöhte und die Inbetriebnahme erleichterte.
Fazit: Retrofit als Zukunftsstrategie
Der Umbau der Keg-Abfüllung ist ein Beispiel dafür, wie ein konsequent geplantes Retrofit die Effizienz und Verfügbarkeit einer Bestandsanlage massiv erhöhen kann. Die Verbindung aus dezentraler Antriebstechnik, energieeffizienten IE5 Motoren und moderner Fördertechnik macht die Linie zukunftssicher. Für Hofbräu München ist das Projekt ein Beleg dafür, dass sich Tradition und moderne Instandhaltungsstrategien erfolgreich verbinden lassen. Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass ein Retrofit nicht nur eine kostengünstige Alternative zum Neubau ist, sondern auch eine nachhaltige Lösung, die Ressourcen schont und die Lebensdauer bestehender Anlagen deutlich verlängert. Die Brauerei ist damit bestens gerüstet, um den steigenden Anforderungen des Marktes gerecht zu werden und gleichzeitig ihren hohen Qualitätsanspruch zu wahren.
Eine Information von SEW Eurodrive Firmenprofil siehe Seite 67


Dezentrale Antriebe „Movigear performance“ von SEW-Eurodrive ermöglichen den energieeffizienten Betrieb der Edelstahl-förderbänder in der Brauerei Bild: Hofbräu / Lars Wiedemann


Standard-Getriebemotoren von SEW-Eurodrive (im Bild der Getriebemotor SA47 DRN71M4) treiben die Hebesysteme an. Bild: SEW-Eurodrive


Ein Knickarmroboter nimmt die Fässer vom Band und setzt sie auf Paletten, die anschließend mit dem Gabelstapler ins Lager gefahren werden. Bild: Hofbräu / Lars Wiedemann


Der komplette Brauvorgang wird mit moderner Computertechnik überwacht und gesteuert. So ist es möglich, eine gleichbleibende Bierqualität zu erzielen und alle Reinigungsprogramme vollautomatisch und sicher ablaufen zu lassen. Bild: SEW-Eurodrive


Daumen hoch für die neue Fassabfüllung! Der Elektro-Teamleiter Silvio Di Tano (links) und SEW-Kundenbetreuer Albert Schenker freuen sich über das gemeinsam Erreichte. Bild: SEW-Eurodrive
» Das Besondere an diesem Projekt war, dass erstmals eine Keg-Abfüllanlage komplett mit dezentraler Antriebstechnik von SEW-Eurodrive ausgestattet wurde.
» Durch kompaktere Bauformen und die dezentrale Ausführung aller Antriebe können wir jetzt auf der gleichen Grundfläche die doppelte Abfüllleistung erzielen.
Das Hofbräuhaus
Geschichte und Geschichten
Gegründet wurde das Hofbräuhaus am 27. September 1589 vom bayerischen Herzog Wilhelm V. Es war ursprünglich ausschließlich dafür gedacht, den bayerischen Hof mit Bier zu versorgen. Dank des Reinheitsgebots wurde hier von Anfang an Bier von hoher Qualität gebraut.
Gunthart Mau
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