Retrofit im Rekordtempo

Keg-Abfüllung im laufenden Betrieb erfolgreich modernisiert

Die Keg-Abfüllung des Staatlichen Hofbräuhaus München ist seit Jahrzehnten ein zentraler Bestandteil der Produktionskette. Über die Hälfte des gesamten Ausstoßes wird in Kegs abgefüllt, die vor allem in der Gastronomie und im Export eine entscheidende Rolle spielen. Nun ersetzt eine dezentrale IE5-Antriebstechnik die 35 Jahre alte Linie. Das Ergebnis: mehr Abfüllleistung, weniger Energiebedarf und eine höhere Verfügbarkeit.

1105
Mit der neuen Keg-Anlage konnte die Abfüllleistung von 240 auf 400 Fässer pro Stunde erhöht werden. So lassen sich Kapazitäts­engpässe in Spitzenzeiten vermeiden. Bild: Hofbräu / Lars Wiedemann
Mit der neuen Keg-Anlage konnte die Abfüllleistung von 240 auf 400 Fässer pro Stunde erhöht werden. So lassen sich Kapazitäts­engpässe in Spitzenzeiten vermeiden. Bild: Hofbräu / Lars Wiedemann

Nach 35 Jahren intensiver Nutzung war die bestehende Anlage technisch am Ende ihres Lebenszyklus angekommen. Ersatzteile wurden knapp, die Steuerungstechnik war veraltet, und neue Fassformate ließen sich nur mit erheblichem Aufwand integrieren. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen an Energieeffizienz, Prozesssicherheit und hygienische Standards. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Brauerei Anfang 2024 für ein umfassendes Retrofit, das die bestehende Infrastruktur nutzt, aber zentrale Komponenten vollständig erneuert.

Ausgangssituation und Modernisierungsbedarf

Die alte Keg-Linie aus dem Jahr 1988 war trotz regelmäßiger Anpassungen nicht mehr zukunftsfähig. Die mechanischen Komponenten zeigten deutliche Verschleißerscheinungen, und die elektrische Ausrüstung entsprach nicht mehr den aktuellen Normen. „Die Nutzungsdauer der alten Keg-Anlage war ausgeschöpft“, erklärt Silvio Di Tano, Leiter des Elektro-Teams. Besonders kritisch war die Tatsache, dass die Abfüllleistung nicht mehr mit dem steigenden Bedarf Schritt halten konnte.

Während die Brauerei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen war, blieb die Kapazität der Keg-Abfüllung nahezu unverändert. Ein kompletter Neubau hätte umfangreiche bauliche Maßnahmen erfordert, die den Betrieb über Monate hinweg beeinträchtigt hätten. Das Retrofit bot dagegen die Möglichkeit, die vorhandene Struktur zu erhalten und gleichzeitig die gesamte Technik auf ein modernes Niveau zu heben.

Umbau im Bestand unter engen Zeitvorgaben

Der Umbau erfolgte im Januar und Februar 2024 – bewusst in einer Phase geringerer Gastronomienachfrage. Die Demontage der alten Linie, die Bodensanierung und die Installation der neuen Anlage wurden in nur sechs Wochen abgeschlossen. Um die Versorgung sicherzustellen, wurde vorab ein großer Fassbierpuffer aufgebaut. Parallel entstand ein neuer Bereich für die CIP-Anlage, der die Reinigungsprozesse effizienter und hygienischer gestaltet.

Die logistische Herausforderung bestand darin, den Umbau im Bestand durchzuführen, ohne den laufenden Betrieb zu beeinträchtigen. Die räumlichen Gegebenheiten im historischen Brauereigebäude machten die Planung zusätzlich anspruchsvoll. Enge Wege, begrenzte Deckenhöhen und die Notwendigkeit, bestehende Leitungen zu berücksichtigen, erforderten eine präzise Abstimmung aller Gewerke.

Dezentrale Antriebstechnik als Herzstück des Retrofits

Der größte technische Schritt war der vollständige Umstieg auf dezentrale Movigear performance Antriebe in IE5 Effizienzklasse. Diese Antriebe kombinieren Motor, Getriebe und Elektronik in einem kompakten Gehäuse und ermöglichen eine besonders energieeffiziente und platzsparende Installation. „Das Besondere an diesem Projekt war, dass erstmals eine Keg-Abfüllanlage komplett mit dezentraler Antriebstechnik von SEW-Eurodrive ausgestattet wurde“, betont Di Tano.

Insgesamt wurden rund 85 Antriebe erneuert, überwiegend dezentral. Die neue Technik reduziert den Verkabelungsaufwand erheblich, da Leistung und Kommunikation direkt im Feld verteilt werden. Gleichzeitig ermöglicht die modulare Struktur eine flexible Anpassung an zukünftige Erweiterungen oder Prozessänderungen.

Vorteile für Wartung und Instandhaltung

Die dezentrale Struktur bringt klare Vorteile für die Instandhaltung. Sensorik wird direkt im Feld verarbeitet, was externe Komponenten reduziert und Störungen minimiert. Die Profinet-Kommunikation ermöglicht eine schnelle Diagnose und erleichtert die Fehlersuche. Durch die geringere Variantenvielfalt sinkt der Aufwand für Ersatzteilhaltung und Service. Die robuste Bauweise der Movigear-Antriebe sorgt zudem für hohe Verfügbarkeit, selbst in feuchten Umgebungen.

Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, Zustandsdaten in Echtzeit auszuwerten. So können potenzielle Probleme frühzeitig erkannt und behoben werden, bevor es zu einem ungeplanten Stillstand kommt. Für die Brauerei bedeutet dies eine deutlich höhere Prozesssicherheit und eine bessere Planbarkeit von Wartungsarbeiten.

Messbare Effizienzsteigerungen

Der Retrofit zeigt deutliche Effekte: Die Abfüllleistung stieg von 240 auf 400 Fässer pro Stunde. „Durch kompaktere Bauformen und die dezentrale Ausführung aller Antriebe können wir jetzt auf der gleichen Grundfläche die doppelte Abfüllleistung erzielen“, erklärt Di Tano. Der Wasserverbrauch sank auf rund 30 Prozent der alten Anlage, der CO2-Fußabdruck wurde nahezu halbiert. Die IE5 Motoren übertreffen die geforderte IE3 Klasse deutlich und tragen wesentlich zur Energieeinsparung bei.

Auch die Prozessstabilität hat sich verbessert: Die neue Steuerungstechnik ermöglicht eine präzisere Regelung der einzelnen Schritte, was zu einer gleichmäßigeren Produktqualität führt. Die automatische Dokumentation aller Prozessparameter erleichtert zudem die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und interner Qualitätsstandards.

Modernisierung der Fördertechnik und Palettierung

Auch die Fördertechnik wurde vollständig erneuert. Edelstahlbänder mit Movigear-Antrieben transportieren die Kegs zur Abfüllung. Ein Knickarmroboter übernimmt das Palettenhandling, während Standard-Getriebemotoren die Hebe- und Sicherungssysteme antreiben. Die modernisierte End-of-Line Technik sorgt für einen stabilen Materialfluss und reduziert manuelle Eingriffe.

Für die Instandhaltung bedeutet das eine klar strukturierte, einheitliche Antriebstechnik über die gesamte Linie hinweg. Die neue Fördertechnik ist zudem so ausgelegt, dass sie zukünftige Erweiterungen problemlos aufnehmen kann. Dies gibt der Brauerei die nötige Flexibilität, um auf Marktveränderungen oder neue Verpackungsanforderungen zu reagieren.

Integration in die bestehende Steuerungslandschaft

Die neue Abfülllinie wurde nahtlos in die bestehende Brauereisteuerung integriert. Der Braumeister überwacht alle Prozessschritte zentral und kann bei Störungen sofort eingreifen. Automatisierte Reinigungsprogramme und moderne Softwaretools sichern eine gleichbleibende Bierqualität. Die Kombination aus neuer Technik und bestehender Infrastruktur zeigt, wie ein Retrofit die Leistungsfähigkeit einer Anlage deutlich steigern kann, ohne den Betrieb grundlegend umzubauen.

Besonders wichtig war die Schulung des Bedienpersonals, das frühzeitig in das Projekt eingebunden wurde. So konnten Erfahrungen aus dem täglichen Betrieb direkt in die Planung einfließen, was die Akzeptanz der neuen Technik erhöhte und die Inbetriebnahme erleichterte.

Fazit: Retrofit als Zukunftsstrategie

Der Umbau der Keg-Abfüllung ist ein Beispiel dafür, wie ein konsequent geplantes Retrofit die Effizienz und Verfügbarkeit einer Bestandsanlage massiv erhöhen kann. Die Verbindung aus dezentraler Antriebstechnik, energieeffizienten IE5 Motoren und moderner Fördertechnik macht die Linie zukunftssicher. Für Hofbräu München ist das Projekt ein Beleg dafür, dass sich Tradition und moderne Instandhaltungsstrategien erfolgreich verbinden lassen. Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass ein Retrofit nicht nur eine kostengünstige Alternative zum Neubau ist, sondern auch eine nachhaltige Lösung, die Ressourcen schont und die Lebensdauer bestehender Anlagen deutlich verlängert. Die Brauerei ist damit bestens gerüstet, um den steigenden Anforderungen des Marktes gerecht zu werden und gleichzeitig ihren hohen Qualitätsanspruch zu wahren.

Eine Information von SEW Eurodrive Firmenprofil siehe Seite 67

» Das Besondere an diesem Projekt war, dass erstmals eine Keg-Abfüllanlage komplett mit dezentraler Antriebstechnik von SEW-Eurodrive ausgestattet wurde.

Silivia Di Tano, Leiter des Elektro-Teams im Hofbräuhaus

» Durch kompaktere Bauformen und die dezentrale Ausführung aller Antriebe können wir jetzt auf der gleichen Grundfläche die doppelte Abfüllleistung erzielen.

Silivia Di Tano, Leiter des Elektro-Teams im Hofbräuhau

Das Hofbräuhaus

Geschichte und Geschichten

Gegründet wurde das Hofbräuhaus am 27. September 1589 vom bayerischen Herzog Wilhelm V. Es war ursprünglich ausschließlich dafür gedacht, den bayerischen Hof mit Bier zu versorgen. Dank des Reinheitsgebots wurde hier von Anfang an Bier von hoher Qualität gebraut.

Das Hofbräuhaus als Wirtshaus, eröffnet 1828

1828 öffnete König Ludwig I. das Hofbräuhaus für die Bevölkerung.

Er bewilligte den öffentlichen Ausschank und die Bewirtung, es ist die Geburtsstunde des Hofbräuhauses als Münchner Wirtshaus.

Der Erfolg von Hofbräu musste jedoch geschützt werden

Viele andere Brauereien versuchten den Erfolg des Hofbräu-Biers für sich zu nutzen und kopierten das HB-Logo, so dass 1879 das „HB“ als Schutzmarke eingetragen wurde.

Der Umbau des Hofbräuhauses von 1896 bis 1897

Die große Beliebtheit des Hofbräuhauses hatte einen immer größeren Platzmangel zur Folge. Deswegen wurde die Brauerei nach Haidhausen in den heutigen Hofbräukeller verlegt. Seit 1988 hat die Brauerei ihren Standort in Riem.

Am 22. Mai 1896 wurde zum letzten Mal im Hofbräuhaus am Platzl Bier gebraut. 1896/1897 wurde das Hofbräuhaus zum heutigen Wirtshaus umgebaut. Trotz großer Umbauarbeiten lief der Ausschank weiter.

Bereits am 09.02.1897 wurde die „neue“ Schwemme, in der vorher das Bier gebraut wurde, als Gastraum eröffnet.

Quelle: www.hofbrauhaus.de

Gunthart Mau

Gunthart Mau
ReferentFachpresse, SEW-Eurodrive
AnhangGröße
Beitrag als PDF herunterladen489.52 KB

· Artikel im Heft ·

Retrofit im Rekordtempo
Seite 52 bis 55
11.06.2026
Modernisierung bestehender Anlagen wird zur strategischen Option für Betreiber
Steigende Anforderungen an Verfügbarkeit, IT-Integration und Betriebssicherheit erhöhen den Druck auf Betreiber bestehender Intralogistik-Anlagen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Retrofit...
06.05.2025
Umfassendes Retrofit bei Brau Union Österreich bringt Befüllanlage auf den neuesten Stand
Im Arbeitsalltag der Brau Union Österreich gilt „Safety First“ als oberstes Arbeitsprinzip: Bestehende Anlagen und Prozesse werden regelmäßig einem Safety-Check unterzogen. Am Standort Wieselburg in...
11.06.2026
Retrofit des Lagerverwaltungssystems und der Fördertechnik bei riha WeserGold
Steigende Anforderungen an Effizienz, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit machten eine grundlegende Modernisierung der bestehenden Intralogistik bei riha WeserGold notwendig. Das bisherige...
14.10.2025
Braucht die Intralogistik noch zentrale Lifte?
Klassische Shuttle-Systeme mit zentralen Liften sind seit Jahren Standard in der Lagerautomatisierung. Doch gerade diese Hubwerke sind ihr größter Engpass: Sie bündeln den gesamten Ebenenwechsel, sind...
28.08.2023
Gezielte Modernisierungen sichern maximale Verfügbarkeit der Anlagen
Als „Arbeitstiere“ unzähliger Hochregallager sind automatisierte Regalbediengeräte längst unentbehrlich geworden. Eine regelmäßige und sorgfältige Wartung vorausgesetzt, können die robusten Maschinen...
11.06.2026
Ein Gespräch mit und über einen Mittelständler und dessen erfolgreichen Weg im Retrofit
Der Plattitüden gibt es viele. „Planung ist das halbe Leben“ist so eine. Dennoch steckt immer mindestens ein Funken Wahrheit drin. Im Falle von Retrofit eine ganze Menge. Wie man ein Retrofit-Projekt...