Retrofit, Retooling und Relokation liegen voll im Trend. Seit etwa zehn Jahren erlebt die Intralogistik-Branche einen massiven Aufschwung im Hinblick auf die Modernisierung, den Umbau, das System-Tuning, die Revitalisierung und die Erweiterung bestehender Fördertechnikanlagen. Carsten Schmidt, Geschäftsführer des Bereichs Fördersysteme bei der SEH Engineering GmbH, kennt die Gründe ganz genau; denn der Fördertechnikspezialist aus dem niedersächsischen Ostrhauderfehn registriert schon seit Längerem eine verstärkte Nachfrage nach seinem Retrofit-Programm. Um der Marktentwicklung noch besser Rechnung tragen zu können, hat das Unternehmen sein Retrofit-Geschäft 2024 in einer eigenen Business-Unit konzentriert. Schmidt zufolge erscheine in wirtschaftlich unsicheren Zeiten insbesondere mittelständischen Unternehmen das Um- und Nachrüsten vorhandener Anlagen gegenüber einer kompletten Neuinvestition die weniger riskante Alternative. So lasse sich der Investitionsbedarf für eine Power-and-Free-Anlage bei der Verwendung von Retrofit-Komponenten um bis zu 50 Prozent reduzieren.
Retrofit schont Ressourcen und spart Kosten
Als weiteren Grund nennt Schmidt das Thema Nachhaltigkeit. Dieses erfahre nun bei zahlreichen Kunden einen immer höheren Stellenwert. SEH Engineering erhalte momentan zahlreiche Projektanfragen, bei denen die Interessenten mit Hilfe eines intelligenten Anlagen-Retrofits eine „signifikant“ höhere Energieeffizienz anstreben, um auf diese Weise die explosionsartig gestiegenen Energiekosten aufzufangen. Die gegenwärtig zu beobachtende Tendenz, lieber in eine Bestandsimmobilie zu investieren als in einen Neubau, begünstige ebenfalls den Retrofit-Boom. Zudem ließen sich ältere Systeme, die in vielen Fällen nicht mehr die heutigen Vorschriften für Statik, Brandschutz oder Arbeitssicherheit erfüllten, im Rahmen eines Retrofit vergleichsweise kostengünstig anpassen und nachrüsten. Das Gleiche gelte für Anlagen, deren Layout nach mehreren Produktionsumstellungen einer weiteren Produktivitätssteigerung im Weg stehe oder nicht mehr allen Anforderungen genüge. Die ab 2027 verschärften Regularien in Sachen Cyber-Sicherheit (unter anderem Inkrafttreten der letzten Etappe des EU Cyber Resilience Act CRA) würden den Bedarf in puncto Retrofit weiter beflügeln, so die Prognose von Schmidt.
Das Retrofit-Programm von SEH Engineering beruht auf der sofortigen Lieferfähigkeit gebrauchter mechanischer Komponenten. Es erstreckt sich aktuell in erster Linie auf Power-and-Free-Anlagen, soll jedoch nicht darauf beschränkt bleiben. Langfristig soll es die klassische C1-Elektrohängebahn oder das innovative „Skyrail“-System mit einbeziehen. Die derzeitige Fokussierung folgt einer wohlüberlegten Strategie, die bewusst fürs Erste das besonders widerstandsfähige, in vielen Industriezweigen weit verbreitete kardanische Fördersystem für die Wiederverwendung mechanischer Komponenten priorisiert. „Power-and-Free-Förderer sind auf Robustheit und Langlebigkeit ausgelegt und infolgedessen selbst bei Einsatz unter extremen Bedingungen im Hinblick auf ihre Mechanik, die Schienen und andere Hardware-Komponenten praktisch unverwüstlich“, erklärt dazu Schmidt. Seiner Meinung nach wäre es Geldverschwendung, diese Materialien gegebenenfalls nicht weiterhin zu nutzen.
Zwei Retrofit-Ansätze für bestehende Förderanlagen
Grundsätzlich unterscheiden die Retrofit-Experten bei SEH Engineering zwischen einer reinen Modernisierung und dem darüberhinausgehenden Aus- und Umbau einer bestehenden Anlage mit komplett wiederaufbereiteter Power-and-Free-Hardware. Bei der ersten Kategorie wird die Anlage steuerungs- und sicherheitstechnisch auf den neuesten Stand gebracht. Dazu werden Elektrik-, Elektronik- und Steuerungskomponenten sowie gegebenenfalls die Antriebstechnik gegen Neuteile ausgetauscht und an geänderte Prozesse angepasst. Parallel dazu überprüfen die Service-Techniker von SEH Engineering im Zuge einer Generalüberholung Verschleißteile wie Kette, Laufrollen, Lager oder die Horizontal- und Vertikalbögen auf ihre Funktionsfähigkeit und ersetzen diese bei Bedarf. Die zweite Kategorie sieht zusätzlich zu den in der ersten Rubrik aufgezählten Maßnahmen den Einsatz von mechanischen Retrofit-Komponenten und größere Optimierungen bei Erweiterung. Umbau oder Erneuerung einer Anlage vor. Sofern der Kunde dies wünscht, bezieht SEH Engineering auch in die Angebote von Neuanlagen Retrofit-Teile mit ein.
Schmidt erkennt viel Potenzial in der Wiederaufarbeitung von Komponenten aus abgebauten Anlagen; denn diese eignen sich ohne Weiteres als Ressource für die Realisierung von neuen Fördertechnikprojekten. So entstünden regelrecht neue Power-and-Free-Systeme aus gebrauchter und runderneuerter Hardware, jedoch mit völlig anderem Layout als die Ausgangsanlage und top-moderner Steuerungs- und Kommunikationstechnik. Dazu kaufe SEH Engineering gebrauchte Anlagen auf und zerlege sie in ihre Einzelteile. Diese würden professionell überholt, um wieder ihre volle Funktionsfähigkeit herzustellen. „Mittlerweile haben wir ein eigenes, sehr umfangreiches Lager für Retrofit-Komponenten. Dadurch können wir schneller liefern als bei der Verwendung von Neuteilen“, fährt Schmidt fort. Dies sei gerade bei dringend benötigten Ersatzteilen sehr hilfreich. Der Clou: „Mit unseren aufbereiteten Bauteilen können wir gewährleisten, dass die modernisierte Anlage in puncto Robustheit, Zuverlässigkeit und Haltbarkeit einer Neuanlage in nichts nachsteht. Daher gewähren wir für alle Retrofit-Bauteile die gleiche Garantie wie bei einer Neuanlage.“
Wiederaufbereitung von Ketten als Retrofit-Baustein
Doch es muss nicht in jedem Fall gleich eine komplette Retrofit-Anlage sein. Immer mehr Kunden von SEH Engineering setzen auf die Wiederaufbereitung von Power-and-Free-Ketten. Der Ringtausch bestehender Kettenkreise ermöglicht dem Kunden sukzessive eine vollständige Erneuerung seiner Ketten – bis zu 60 Prozent unter Neupreis. Insofern sind viele Unternehmen dankbar, dass SEH Engineering einen Service für die Wartung und Erneuerung von Ketten offeriert. 2025 machte dieses spezielle Segment, das im Service-Center in Weigersdorf angesiedelt ist, mehr als die Hälfte des Retrofit-Umsatzes aus, den der ostfriesische Fördertechnikspezialist erzielt hat. Das 90 Kilometer östlich von Dresden in der Nähe von Bautzen gelegene Service-Center ist zugleich der Hauptstandort für die Retrofit-Aktivitäten von SEH Engineering. Dort befindet sich auch das Lager, in dem das Unternehmen gebrauchte, für die Wiederaufbereitung vorgesehene Komponenten konzentriert und vorrätig hält.
Der Umstand, dass bei einem Retrofit vorhandene Gebäudestrukturen beibehalten werden, bietet dem Kunden einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Er bleibt größtenteils von Betriebsunterbrechungen verschont und kann nahezu uneingeschränkt seine Produktion fortführen. SEH Engineering nutzt bei Retrofit-Maßnahmen das bei Greenfield-Projekten bewährte Instrument des „Predictive Engineering“. Dieses sorgt nicht nur für eine optimale Planung, sondern eliminiert dank 3D-Scan und VR-Technologien bereits im Vorfeld potenzielle Kollisionen. Deren Vermeidung zählt zu den größten Herausforderungen, die ein Retrofit bei laufendem Betrieb mit sich bringt.
Hans Jürgen Jüngling
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Beitrag als PDF herunterladen | 199.69 KB |
· Artikel im Heft ·






































