Nachhaltig bis ins letzte Molekül
Neben der Effizienz und Leistungsfähigkeit rückt Dematic seit Jahren den Nachhaltigkeitsaspekt bei der Entwicklung eigener Lösungen in den Fokus. Die Innovationsabteilung rund um Susanna Felker, Research Engineer Innovation and Advanced Automation bei Dematic, hat sich daher mit der Frage beschäftigt, welche ökologischen Auswirkungen die Lösungen von Dematic haben. Eine wichtige Aufgabe, denn die Nachfrage nach umweltfreundlichen Lösungen steigt. Um genau zu prüfen, welche Nachhaltigkeitskriterien Dematic bereits erfüllt, entschied sich das Team dazu, eine Zertifizierung nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip anzustreben. Felker erklärt: „Das Siegel verbindet Ökologie mit technischer Innovation und bietet damit einen idealen Ansatzpunkt für unseren Weg zu nachhaltigeren Lösungen.“
Unendliche Materialkreisläufe für nachhaltige Lösungen
„Cradle to Cradle“, auf Deutsch „von der Wiege zur Wiege“, beschreibt ursprünglich ein Designprinzip, das in den 1990er Jahren von Prof. Dr. Michael Braungart, William McDonough und der Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) in Hamburg entwickelt wurde. Grundlage des Prinzips ist die Annahme der unendlichen Zirkulation von Materialien und Nährstoffen in Kreisläufen. Dabei sind alle Bestandteile chemisch unbedenklich und recycelbar, sodass ausschließlich nutzbare Nährstoffe entstehen.
Das Cradle to Cradle Products Innovation Institute (C2CPII) überprüft im Rahmen seines wissenschaftlich fundierten Zertifizierungsprogramms unter anderem, inwiefern eingesetzte Materialien sicher, kreislauffähig und verantwortungsvoll eingesetzt werden. So sollen Lösungen entstehen, die für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft geeignet sind. Verbrauchsprodukte wie Reinigungsmittel oder Textilien müssen in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden können. Technische Lösungen müssen wiederum aus wiederverwendbaren und gesunden Materialien bestehen, die endlos im technischen Kreislauf zirkulieren können – je reiner die verwendeten Materialien, desto besser. Systeme, die mit der C2C-Zertifizierung ausgezeichnet werden, erhalten diese basierend auf ihrer Leistung in fünf verschiedenen Nachhaltigkeitsbereichen: Materialgesundheit, Produktkreislauf, saubere Luft und Klimaschutz, Wasser- und Bodenschutz sowie soziale Gerechtigkeit. Möglich ist die Zertifizierung in den Kategorien Bronze, Silber, Gold und Platin.
Komplexes System trifft auf Zertifizierungsprozess
Das „Dematic Multishuttle 2“ ist ein System, das die Lagerung, Zwischenpufferung und Sequenzierung sowie die Kommissionierung und Auftragszusammenstellung von Produkten automatisiert. Es besteht aus mehreren Regalebenen, Shuttles, Liften, Pufferförderern, Steuerungstechnik sowie einer Softwareplattform zur Lagerverwaltung. Produziert wird es größtenteils in Stříbro, Tschechien.
Felker und ihr Team wählten das „Dematic Multishuttle 2“ für die Zertifizierung aus, da es als Aushängeschild des Unternehmens gilt und seine komplexe Struktur aus rund 400 Komponenten ein spannendes Forschungsobjekt bietet. „Wir wollten die Zertifizierung für eine besonders anspruchsvolle Lösung anstreben, um möglichst viele Komponenten zu prüfen und herauszufinden, ob eine Zertifizierung eines derart komplexen Systems überhaupt möglich ist“, erklärt Felker. Denn: Im Rahmen des Zertifizierungsprozesses muss eine umfangreiche Detailanalyse hinsichtlich der Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit aller verbauten Komponenten durchgeführt werden. Dafür arbeitete Dematic eng mit der EPEA GmbH zusammen: Die deutsche Assessment-Organisation unterstützte Dematic bei der Prüfung verschiedener Nachweise, bei der Bewertung der Materialgesundheit und der Kreislauffähigkeit sowie bei der Datenbeschaffung.
Letzteres war für das Team rund um Felker die größte Herausforderung: „Für alle 400 Komponenten mussten wir detailliert angeben, aus welchen Materialzusammensetzungen sie bestehen. Dafür waren wir auf die Kooperation unserer rund 50 Lieferanten angewiesen, die uns diese Informationen zur Verfügung stellten“, sagt Felker. Das Problem: Nicht alle Lieferanten verfügten über eine vollständige Datenlage.
„In diesem Fall recherchierten wir bei den entsprechenden Vorlieferanten – so entstand ein komplexes Datennetzwerk zu unseren Komponenten“, fasst Felker zusammen und ergänzt: „Durch eine klare und offene Kommunikation mit unseren Lieferanten konnten wir ein umfassendes Bewusstsein für die Relevanz dieses Themas schaffen, was entscheidend zum konstruktiven Austausch und damit zum Erfolg dieses Projekts beigetragen hat.“
Auch für die EPEA GmbH war es die bisher umfangreichste Analyse, erklärt Dr. Annette Winterl, Projektleiterin bei der EPEA GmbH: „Aus Gutachterperspektive erwies sich das „Multishuttle 2“-Projekt nicht nur als technisch anspruchsvoll, sondern auch als besonders spannend. Mit hunderten von Komponenten und einem weit verzweigten Netzwerk an Lieferanten und Sublieferanten zählt es zu den komplexesten technischen Produkten, die wir bislang bewertet haben.“ Besonders beeindruckend sei vor allem, mit wie viel Engagement das Dematic-Team die Zirkularität des Produkts überprüft und optimiert habe, um sichere, saubere Recyclingströme zu unterstützen. Besonders im dynamisch wachsenden Elektroniksektor sei das ein wichtiges Signal: „Mit dem ‚Multishuttle 2‘ hat Dematic eindrucksvoll gezeigt, dass führende Unternehmen Innovation vorantreiben können, ohne dabei auf verantwortungsvolle Materialentscheidungen und transparente Lieferketten zu verzichten“, sagt Winterl.
Langfristige Optimierung: Bronze erreicht, Silber im Blick
Nachdem die Detailanalyse abgeschlossen war, bewarb sich Dematic beim Cradle to Cradle Products Innovation Institute, dem unabhängigem Zertifizierungsinstitut, das das finale Audit durchführte. Das Ergebnis: Die Zertifizierung für das „Dematic Multishuttle 2“ in Bronze. Angesichts der hohen Anforderungen gilt das Erreichen des Bronze-Siegels bereits als beachtliche Leistung. Felker betont: „Die Zertifizierung ist nicht nur ein großer Erfolg für unser Team, sondern setzt auch einen neuen Standard für nachhaltiges Handeln in unserer Branche.“ Aktuell ist das Unternehmen der einzige Anbieter am Markt, der eine solche Zertifizierung vorweisen kann.
Neben dem „Multishuttle“ wurde auch die Nachhaltigkeitsstrategie bewertet. „In Bereichen wie der Wasser- und Energienutzung sowie Social Fairness liegen wir bereits über dem Bronze-Standard. Auch bei der Materialgesundheit erzielten wir gute Ergebnisse, doch hier bestehen noch gezielte Verbesserungspotenziale“, so Felker. Ein Beispiel ist das Material PVC: Der Kunststoff wird branchenweit verwendet, etwa für die Produktion von Kabeln, und lässt sich nur schwer ersetzen. In Zukunft will Dematic jedoch eine Alternative finden, die den bewährten Qualitätsstandard fortführt, um die Nachhaltigkeit des „Multishuttles“ weiter zu verbessern. Felker erklärt: „Die C2C-Zertifizierung ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess. In drei Jahren wird überprüft, inwiefern wir die angestrebten Verbesserungen tatsächlich umgesetzt haben, damit wir nicht nur das Bronze-Siegel behalten, sondern auch Silber erreichen.“
Nachhaltigkeit als strategisches Unternehmensziel
Die C2C-Zertifizierung hat sowohl für Dematic als auch für den Mutterkonzern Kion eine wichtige strategische Bedeutung und wird zukünftig von einer spezialisierten Abteilung vorangetrieben, die aktuell bereits Produkte und Lösungen in sogenannten „Life Cycle Assessments“ (Lebenszyklus-Analysen) hinsichtlich ihrer Umwelteinwirkungen bewertet. Konkret plant Kion, Zertifizierungen für weitere Lösungen anzustreben und arbeitet bereits daran, die Effizienz des Prozesses zu erhöhen: So sollen relevante Daten systematisch und von Beginn an bei neuen Lieferanten abgefragt sowie über ein automatisiertes Tool erfasst werden. Das Zertifikat dient dabei nicht nur als Nachweis für nachhaltige Ansätze, sondern auch als Instrument, um Transparenz zu schaffen und Optimierungspotenziale aufzuzeigen. „Die Zertifizierung ist ein wichtiges Unternehmensziel und setzt strategische Impulse für die nachhaltige Produktentwicklung“, fasst Felkerzusammen. (ck)
Redaktion (allg.)
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