Planung ist das A und O

Ein Gespräch mit und über einen Mittelständler und dessen erfolgreichen Weg im Retrofit

Der Plattitüden gibt es viele. „Planung ist das halbe Leben“ist so eine. Dennoch steckt immer mindestens ein Funken Wahrheit drin. Im Falle von Retrofit eine ganze Menge. Wie man ein Retrofit-Projekt richtig angeht und welche Fallstricke lauern können – darüber und über einiges mehr haben sich Wolfgang Cieplik, Inhaber der Unitechnik Systems GmbH, und Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, am Rande der Logimat 2026 in Stuttgart unterhalten.

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Wolfgang Cieplik (rechts im Bild), Inhaber der Unitechnik Systems GmbH, und Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, auf derr Logimat 2026 in Stuttgart. Bild: Unitechnik
Wolfgang Cieplik (rechts im Bild), Inhaber der Unitechnik Systems GmbH, und Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, auf derr Logimat 2026 in Stuttgart. Bild: Unitechnik

Jan Kaulfuhs-Berger: Unitechnik, Wolfgang Cieplik, ist in der Branche natürlich ein Begriff. Dennoch bitte noch zwei, drei Worte zum Unternehmen.

Wolfgang Cieplik: Unitechnik ist ein mittelständisches Familienunternehmen in zweiter Generation. Es wurde 1971 von meinem Vater und Heinz Poppek gegründet und ist vor einigen Jahren auf uns Söhne übergegangen. Wir verstehen uns als Experte für Industrieautomation und haben uns an unserem Stammsitz in Wiehl, Nordrhein-Westfalen, auf die Planung und den Bau automatisierter Logistikzentren spezialisiert. Von der Mitarbeiteranzahl her sind wir in der Gruppe über 300 Mitarbeitende, darunter 200 in Wiehl und 100 in Eisenhüttenstadt. In Wiehl liegt der Schwerpunkt auf Logistiksystemen, mit denen wir den Hauptumsatz machen, und Schaltanlagenbau. In Eisenhüttenstadt, Brandenburg, beschäftigen wir uns mit der Automatisierung metallurgischer Anlagen, hauptsächlich im Walzwerksumfeld.

Bleiben wir im Bereich der Intralogistik.

Gern. Wir sind herstellerunabhängiger Generalunternehmer und Systemintegrator für automatisierte Logistiksysteme. Die eigene Wertschöpfung von Unitechnik liegt in der gesamten elektrischen Ausrüstung und der Software. Vom Lagerverwaltungssystem mit Materialflusssteuerung und Anlagenvisualisierung über die Steuerungs- und Sicherheitstechnik bis hin zur Elektrokonstruktion und dem eigenen Schaltanlagenbau. Dazu kommt natürlich das Projektmanagement. Das sind genau die Kompetenzen, die bei einem Retrofit gefragt sind, ergänzt um die Erfahrungen aus zahlreichen durchgeführten Anlagenmodernisierung – die meisten davon im laufenden Betrieb.

So wie Unitechnik aufgestellt ist, so scheint es uns, ist es sicher auch ein Alleinstellungsmerkmal im Markt.

Das unterscheidet uns zumindest von vielen anderen Anbietern. Neben dem Software-Know-How und der elektrotechnischen Kompetenz haben wir ein tiefes Prozessverständnis für Produktion und Materialfluss in der Industrie. Das liegt quasi in unserer DNA. Wir merken, dass es sehr gut harmoniert, wenn wir mit inhabergeführten produzierenden Unternehmen, dem klassischen Mittelstand, zusammenarbeiten. Das sind an der Stelle auch unsere Zielkunden.

Auf welche Regionen konzentrieren Sie sich im Weltmarkt?

Generell haben wir Projekte auch schon weltweit gemacht, beispielsweise im Flughafenbereich, und würden das jederzeit wieder tun. Aber wir streben mit unseren Kunden eine Live-Time-Partnerschaft an, beginnend mit der Planung über die Realisierung bis zum ausgeprägten Service für unsere Kunden. Da machen kurze Wege einfach Sinn. Da wir vertrieblich die ganze Welt sowieso nicht bearbeiten können, konzentrieren wir uns derzeit tatsächlich auf Deutschland.

Sie sagten eben Live-Time-Partnerschaft. Damit sind wir mitten im Thema Retrofit, das ja immer bedeutender wird, nicht nur in unserer Branche.

Plakativ gesagt: Retrofit ist die nachhaltige Alternative zur Neuinvestition. Die Lebensdauer von bestehenden Maschinen und Fördertechnik wird deutlich verlängert, indem die Steuerungs- und Leittechnik auf den neuesten Stand der Technik gebracht wird. Im Zuge der neuen EU-Maschinenverordnung kommen Pflichten in Bezug auf Sicherheit und Cybersecurity auf die Betreiber von Maschinen und Anlagen zu, die einen zusätzlichen Handlungsdruck für eine Modernisierung mit sich bringen. Wir haben generell die Situation, dass vor 20, 25 Jahren sehr viele Logistikanlagen gebaut wurden. Diese Anlagen funktionieren zwar noch mechanisch, aber die Steuerungstechnik kommt an ihre Grenzen. Ersatzteile sind nicht mehr verfügbar, Komponenten sind vom Hersteller häufig abgekündigt.

Und dazu kommt die angesprochene EU-Maschinenrichtlinie.

Ja, durch die neue EU-Maschinenverordnung ist man immer mehr Regularien unterworfen. Alte Komponenten sind nicht mehr zulässig, weil sie nicht softwaremäßig aktualisiert werden. Ein Beispiel: Im Steuerungsbereich haben Sie einen Antriebsregler, und auf diesem Regler ist Software, die nach der neuen Maschinenversordnung auf dem aktuellen Stand zu halten ist. Ist dieser Regler aber schon seit zehn Jahren abgekündigt, gibt es hier keine neue Software mehr.

Und der Betreiber ist verpflichtet, solche Komponenten auszutauschen, nehmen wir an.

Richtig, da kommt schnell der Punkt, wo Flickschusterei keinen Sinn mehr macht, sondern die gesamte Anlage modernisiert werden muss. Es stellt sich dann die Frage, ob es wirtschaftlich Sinn macht, dieses Retrofit als nachhaltige Alternative zu sehen oder neu zu bauen …

… also die Überlegung: Reißt man das Ganze einfach ab und baut es an anderer Stelle wieder neu auf.

Ja, und häufig fehlt aber dafür der Platz oder ein alternativer Standort, und der laufende Betrieb muss auch aufrechterhalten werden. In vielen Bereichen ist also das Retrofit alternativlos. Ich nutze meine Mechanik, meinen Stahlbau und meine Maschinen weiter, die halten ja 30, sogar 50 Jahre. Aber die Steuerungstechnik hat eine viel kleinere Halbwertzeit – und bei der Software für Lagerverwaltung und Materialfluss ist der Lebenszyklus noch viel kürzer.

Wann sollte man modernisieren und wann nicht?

Es ist wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema Retrofit zu beschäftigen, unabhängig von Branchen. Es dauert von der ersten Bestandsaufnahme bis zur Umsetzung schnell mal ein bis drei Jahre. Besonders relevant ist das Thema Retrofit für produzierende Industriebetriebe. Häufig ist die Intralogistik dort eng mit der Produktion verwoben. Ein Neubau des Lagers auf der grünen Wiese ist für ein solches Unternehmen oft nicht realisierbar. Bei manchem Handelsunternehmen ist diese Option realistischer. Wenn sich die Anforderungen an das Logistiksystem aber grundlegend geändert haben und von der bestehenden Logistikanlage nicht erfüllt werden können, ist es sinnvoller, die Intralogistik von Grund auf neu zu planen.

Den Projekt-Ablauf kurz zu skizzieren wäre zu komplex, oder?

Nein, das kann man sehr gut machen.

Dann los!

Zum Anfang eines Projektes steht eine erste Bestandsaufnahme, verbunden mit einem unverbindlichen Beratungsgespräch. Wenn die Technik gut dokumentiert ist, können wir aufgrund dieser Daten ein Festpreisangebot machen. Ansonsten bieten wir dem Kunden auf Wunsch eine gemeinsame Erstellung des Lastenheftes an. Das ist die erste Phase des Kundenkontaktes. Der Kunde weiß anschließend, was er tun kann oder tun müsste und was ihn das grob kostet, sodass er Planungssicherheit hat, ohne sich schon auf einen Anbieter festzulegen

Das ist die Ausgangssituation, nehmen wir an.

Ja, und wenn man diese einmal definiert und ein Festpreisangebot erstellt hat, das der Kunde akzeptiert und den Auftrag vergibt, folgt der zweite Schritt. Unitechnik erstellt ein detailliertes Pflichtenheft, in dem unter anderem alle technischen Schnittstellen, die Bediendialoge, die Sicherheitstechnik und die Migrationsstrategie beschrieben sind. Wir unterscheiden zwischen zwei Arten der Migration: Die „Big Bang“-Umstellung, bei der das gesamte System auf einen Schlag umgestellt wird. Die Alternative ist die stufenweise Umstellung nach Anlagenbereichen. Das Retrofit wird also detailliert geplant: Wie soll das System nachher aussehen, was soll sich ändern?

Kommen wir zur Realisierungsphase.

In dieser erstellen wir einen digitalen Zwilling der Logistikanlage, mit dem wir in der Lage sind, alle Schnittstellen abzubilden, beispielsweise zum ERP-System, zur Steuerung und zur Sensorik. Diese Emulation dient dem Testen der Software. So können wir sowohl die Steuerungstechnik als auch das Lagerverwaltungssystem komplett testen, bevor wir auf die Baustelle gehen. Vor Ort kann in dieser Projektphase bereits nachzurüstende Sicherheitstechnik errichtet werden. Diese Phase findet überwiegend in unserem Büro statt. Für die eigentliche Umstellung sind wir meist mit einer großen Mannschaft vor Ort. Schaltschränke, Steuerstellen und Bedienterminals werden getauscht, Verkabelungen erneuert – parallel an vielen Stellen gleichzeitig. Die Software wird eingespielt und final getestet. Die Instandhaltung des Kunden ist aktiv eingebunden. Die Mitarbeiter werden in die Bedienung der Anlage eingewiesen. Nach dem Hochlauf begleiten wir den Betrieb so lange, bis alles flüssig läuft.

Ohne gute Planung scheint hier nichts zu gehen.

Die Planung ist echt das A und O. Wir reden hier von einem kompakten Zeitraum, manchmal sogar nur ein verlängertes Wochenende, für den gesamten Umbau und die Inbetriebnahme der gesamten Anlage. Das ist schon eine sportliche Herausforderung, für die ein eng getakteter Projektplan auf dem Tisch liegen muss. Dazu kommt die Koordination der Arbeiten, die kundenseitig erbracht werden müssen.

Was macht man mit einem Betrieb, der 24/7 arbeiten muss?

Nun, wir benötigen die Anlage bzw. Teile davon eine gewisse Zeit für uns. Im ungünstigsten Fall müssen die Arbeiten zeitlich und räumlich segmentiert werden. Das haben wir schon mal beim Retrofit der Gepäckförderanlage des Athener Flughafens gemacht. Viel effizienter und kostengünstiger ist es, wenn die Anlage ein paar Tage runtergefahren werden kann.

Welche Fallstricke gibt es generell bei Retrofit-Projekten?

Ein ganz gefährlicher Fallstrick ist die CE-Kennzeichnung. Die bestehende Anlage wurde vom damaligen Anlagenlieferanten mit einer CE-Kennzeichnung übergeben. Diese bezieht sich auf den Zeitpunkt, zu dem die Anlage in Verkehr gebracht wurde. Kommt es im Zuge einer Nachrüstung zu einer „wesentlichen Änderung“ der Anlage im Sinne der EU-Maschinenordnung, so erlischt die CE-Kennzeichnung. Die Anlage müsste neu in Verkehr gebracht werden. Ein gigantischer Aufwand!

Was ist eine „wesentliche Änderung“?

Nun, das schreibt die EU-Maschinenverordnung vor. Jede Änderung muss darauf bewertet werden, ob eine neue „Gesamtheit von Maschinen“ entsteht oder ob es neue Gefährdungen gibt. Will ein Kunde zum Beispiel seinen Materialfluss ändern, hier oder dort eine Förderstrecke nachrüsten, dann müssen wir genau schauen, ob das im Sinne der Maschinenverordnung eine „wesentliche Änderung“ ist oder nicht. Sollte dies der Fall sein, finden wir meist gemeinsam mit dem Kunden eine alternative Lösung.

Hinzu kommt sicher noch der Energieverbrauch der Anlage, oder?

Tja, aber das sehe ich eher als Chance, denn als ein Fallstrick. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ein Retrofit ist eine gute Gelegenheit, den Energieverbrauch der Logistikanlage zu senken. Zum einen kann das über Hardwaremaßnahmen erfolgen, wie moderne Antriebstechnik mit Energierückspeisung und -pufferung, zum anderen durch schlaueres Management der Energie, zum Beispiel Energiesparmodi.

Bleiben wir noch bei den Fallstricken. Welche gibt es noch?

Der Kunde hat keine klare Zieldefinition, was er mit der Maßnahme erreichen will, oder die Bestandsaufnahme war lückenhaft. Beides erzeugt eine unvollständige Aufgabenbeschreibung. Die daraus resultierenden Änderungswünsche bedeuten mehr Aufwand, mehr Kosten und bringen oft den Zeitplan durcheinander. Ein weiterer Fallstrick ist die mangelnde Vorbereitung der Umstellung. Die reibungslose Wiederinbetriebnahme im laufenden Betrieb erfordert ein detailliertes Migrationskonzept und intensive Tests. Ansonsten drohen ungeplante Betriebsunterbrechungen. Also erst gründlich testen, dann umstellen. Sonst gibt es auf beiden Seiten richtig viel Stress.

Eine Information der Unitechnik GmbH

Firmenprofil siehe Seite 71

Den wünschen wir niemanden, Wolfgang Cieplik. Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

» Die reibungslose Umstellung erfordert ein detailliertes Migrationskonzept und intensive Tests.

Wolfgang Cieplik, Inhaber, Unitechnik GmbH

» Wir streben mit unseren Kunden eine Live-Time-Partnerschaft an.

Wolfgang Cieplik, Inhaber, Unitechnik GmbH

» Es ist wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema Retrofit zu beschäftigen.

Wolfgang Cieplik, Inhaber, Unitechnik GmbH

Studie

Unitechnik hat eine Studie zum Thema „Retrofit in der Intralogistik“ mit über 100 Teilnehmern durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie und ein Whitepaper dazu können Interessierte gern herunterladen unter

www.unitechnik.com/logistiksysteme/retrofit.html

Jan Kaulfuhs-Berger

Chefredakteur (V.i.S.d.P.)
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Planung ist das A und O
Seite 24 bis 26
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