„Das ist Fördertechnik!“

Christian Landschützer über Fördertechnik und Nachhaltigkeit

Christian Landschützer ist Associate Professor am Institut für Technische Logistik der TU Graz. Dort lehrt und forscht er hauptsächlich im Bereich Fördertechnik. Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, hat ihn im Rahmen der Logistikwerkstatt Graz am Standort „Alte Technik“ der Technischen Universität in Graz getroffen.

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Prof. Christian Landschützer (rechts) gab während der Logistikwerkstatt in Graz dem Chefredakteur von „Technische Logistik", Jan Kaulfuhs-Berger, ein Interview. Bild: TU Graz
Prof. Christian Landschützer (rechts) gab während der Logistikwerkstatt in Graz dem Chefredakteur von „Technische Logistik", Jan Kaulfuhs-Berger, ein Interview. Bild: TU Graz

Jan Kaulfuhs-Berger: Fördertechnik, das kann ja theoretisch alles sein. Wie grenzt man diesen Begriff eigentlich ab?

Prof. Landschützer: Gute Frage. Wenn ich mich an mein Studium erinnere, war es das Durchdeklinieren von Auslegungsschemen und das systematische Kennenlernen von Maschinen. Wenn man von den Bereichen Intralogistik, Distribution und Produktion spricht, dann ist Fördertechnik oftmals nur ein Rollenförderer. Wenn man technische Nachschlagewerke heranzieht, dann stehen im Kapitel Fördertechnik sogar auch Läger und Baumaschinen.

Das trifft jetzt aber nicht mehr wirklich den Zahn der Zeit.

Nein, von den ganzen neuen Bereichen, die mit dem aufkommenden E-Commerce und den Express-Dienstleistungen zu tun haben, wo viel klassische Fördertechnik drin ist, da ist das abzugrenzen.

Ein Versuch wäre es wert.

Ich versuche einmal, das abzugrenzen, weil Begriffe wie Materialflusstechnik oder Technische Logistik – im Gegensatz zu Fördertechnik – weiter gefasst oder sogar moderner erscheinen; und nein, das ist keine Anspielung an den Magazintitel (lacht). Wobei Materialflusstechnik aber schon im Wortsinn eher einschränkend ist, weil Fördertechnik ja auch Personen befördert: Seilbahnen, Aufzüge, Fahrtreppen; und diese Personen sind ja kein Material (lacht), das gilt auch für die Technische Logistik. Also in einem Satz gesagt: Bewegung von Personen und Gütern, ob stetig oder unstetig von A nach B - das ist Fördertechnik, solange diese Wege eingegrenzt sind, sonst sind wir ja bei der Verkehrstechnik. Und zur Fördertechnik gehört noch viel mehr, als die sichtbar-physische Ausprägung der Geräte.

Mittlerweile kommt ja das Thema IT, Stichwort „Digital Engineering“, mit dazu. Wie geht die Fördertechnik damit um?

Die Fördertechnik geht damit innovativer um, als man es ihr zutrauen würde. Wenn man den gesamten Produktlebenszyklus ansieht, dann ist natürlich „Digital Engineering“ ganz vorne und früh mit dabei, wenn beispielsweise die Logistikplaner hier virtuell arbeiten, bevor sie andere Fachbereiche wie die Konstruktion bzw. das Produktmanagement einbinden, die ebenso und schon lange digital bzw. virtuell aufgestellt sind. „Digital Engineering“ wird natürlich auch auf die Geräte und Produkte heruntergebrochen – insbesondere, wenn es sich um neue Produkte handelt, die es in der Fördertechnik durchaus gibt und dient uns dann, ebendiese sicherer und effizienter in allen Betriebszuständen zu machen.

Wir sind hier an der „Alten Technik“ der TU Graz. Wie geht man denn am Institut für Technische Logistik mit Neuheiten um?

Wir sind als Institut sehr gut darin, uns neue Funktionsprinzipien auszudenken, es weniger kompliziert zu machen und alte Prinzipien, wie die Schwerkraft, zu nutzen. Die Innovation ist nicht nur im neuen Gerät, sondern in Wirkprinzipien und im Angehen an die Herausforderungen, nicht nur darin, noch mehr Motoren, noch mehr Steuerungslogik und noch komplexere Geräte zu bauen.

Also hin zu einfacheren Geräten, nutzen was vorhanden ist?

Nun, die Geräte sind das eine, das andere ist der gesamte Bereich von energieeffizienten Motoren bis hin zu intelligenten Betriebsstrategien. Der Förderer oder noch bekannter die Fahrtreppe, der/die den ganzen Tag leerläuft, ist noch nicht lange her. Heute sind Geräte intelligent und schalten sich, mit Sensorik kombiniert, selbst ab. Wir müssen also die Dinge angehen, die relevant für die Zukunft sind.

Stichwort Zukunft: Ist das Thema Nachhaltigkeit in der Fördertechnik bereits angekommen?

Ich hoffe! Zumindest kann ich das beobachten. Das fängt bei den großen Grundstoffindustrien an. Der Schaufelradbagger baggert auch nur, wenn der Strom gerade billig ist. Das kann man durchdeklinieren bis zu den kleinsten Maschinen hinunter, die vielleicht nicht so große Antriebe haben, sondern viele kleine und in Summe auch einiges an Ressourcen verbrauchen.

Trotzdem hat man das Gefühl, es geht vielen Firmen immer noch um das Thema „höher, schneller, weiter“.

Mein Lieblingsslogan, der durchaus biblisch angelegt ist und den Turmbau zu Babel avisiert, heißt: Nicht alles was möglich ist, ist sinnvoll. Was als sinnvoll definiert ist, sagt uns in den logistischen Leistungen wie E-Commerce und Distributionslogistik zur Zeit der Kunde. Der Kunde will es schnell haben, und alle Anbieter liefern mit. Technisch eine Meisterleistung. Aber ob das die Antwort auf die brennenden gesellschaftlichen, politischen und Überlebensfragen der Zukunft ist, bezweifle ich ein bisschen.

Muss man jedem Trend hinterherlaufen, weil der Kunde das verlangt oder gibt es da auch andere Überlegungen?

Die Marktwirtschaft, glaube ich, sagt da „Ja, man muss“. Niemand hätte wohl freiwillig Elektroautos gebaut. Aber da war der Gesetzgeber mit den Lobbyisten im Hintergrund da und hat gesagt, strengt euch an!

Frei nach dem Motto von Kennedy: Wir fliegen zum Mond, aber wissen nicht wie.

Ja, aber wir wollen es. Um in der Logistik schneller, leistungsfähiger und besser zu werden, muss man auch nachhaltiger, effizienter und ressourcenschonender werden wollen. Zu wünschen wäre es. Aber das ist kein intrinsisches Motiv. Das macht es schwierig, dass Einzelne, die mit innovativen Ansätzen im Detail schon jahrelang versuchen, Fördertechnik grüner und effizienter zu machen, nicht vorangehen können. Aber solange der Druck von oben nicht da ist, ist das meines Erachtens schwierig. Dennoch heben viele Unternehmen in ihrer Kommunikation das Thema Nachhaltigkeit hervor.

Ist das dann eher ein Etikettenschwindel?

Sicher nicht. Ich sehe da schon ganz viele Bemühungen und Unternehmungen, um nachhaltiger zu werden. Aber unterm Strich ist es zu wenig. Weil es das eine CO2-Ziel für das zugestellte Paket oder eien abstrakte logistische Leistung in 2030 eben noch nicht gibt. Wenn wir jetzt von der EU vorgegeben bekommen, dass meine E-Commerce-Sendung aus China X-Gramm CO2 verbraucht haben darf und 99 Prozent davon darf auf den Transport fallen und nicht auf die Fördertechnik, dann bleibt für die Fördertechnik nicht viel über, wo sie einsparen kann. Da sehe ich hoffentlich das Bewusstwerden einer Gesellschaft, die erkennt, dass nicht alles, was wir die letzten zwanzig, dreißig Jahre gewöhnt waren, sinnvoll ist, nämlich jederzeit alles und immer so billig wie möglich zu bekommen. Und vielleicht haben wir jetzt die Möglichkeit, Lehren aus der Pandemie und aus dem Ukraine-Krieg zu ziehen.

Also back to the roots, aber mit den modernen Mitteln effizienter machen.

Ich kann natürlich sagen, ich erfinde das Beamen und schaffe damit alle Fördertechnik und Logistik ab. Aber solange wir keine anderen Energieformen zu nutzen gelernt haben, wird sich da nichts bewegen. Dinge, die wir als Forschungsinstitut auch verfolgen, wie Bündelung, Konsolidierung – vielleicht ein wenig zu Lasten der Zeit, aber nicht der Qualität - sind durchaus Ansätze, bei denen große Hebel zu holen sind. Da spreche ich nicht davon, dass ein Fahrradkurier zwei Sendungen mitnimmt, sondern dass nicht alles so schnell wie möglich geliefert wird, dass ich Lieferzeiten bestimmen kann und nicht immer das Maximum herausholen muss.

Was kann die Fördertechnik noch beitragen zur Nachhaltigkeit?

Vielleicht muss sie ein bisschen risikobereiter werden, etwas Neues ausprobieren. Mein klassisches Promotionsthema und noch lange Zeit ein Steckenpferd war der Rundstahlkettenzug, den wir ausgeforscht haben. Es gibt am Rundstahlkettenzug und Polygoneffekt nichts mehr, was uns unbekannt ist. Das interessiert aber niemanden, weil die Challenge der Hersteller heißt „China macht‘s billiger“.

Was aber nicht nach Nachhaltigkeit klingt.

Nein, tut es nicht. Viele stellen sich die Frage: Wie kann ich so produzieren, dass ich noch ungefähr mitkomme. Dabei spielt die Funktion nicht die größte Rolle. Dass manche Ketten reißen und manche Geräte nicht funktionieren, nimmt man in Kauf. Warum da etwas zu schwingen beginnt, ist bekannt, aber es interessiert niemanden. Man kann und könnte über die Systemabbildung einiges vorsteuern und den Betrieb besser machen, aber … Auch im Ausprobieren und im dezidierten Widmen von F&E-Quote müssen wir uns etwas zutrauen und wollen. Das geht bis in die öffentlich geförderten Forschungszuschüsse, wo für Fördertechnik kein Platz ist. Es ist Platz für Logistik. Da kann ich nett und schön Fördertechnik und technische Themen als kleines Arbeitspaket verstecken. Es gibt aber kein Förderprogramm, das sinnvoll Forschungsmittel für Fördertechnik bereitstellt.

Also hat die Fördertechnik ein Kommunikationsproblem?

Ganz sicher. Suchmaschinen liefern für „Logistik“ 50 mal mehr Treffer als für „Fördertechnik“. Nun ist Logistik zweifelsohne mehr als Fördertechnik und hochgradig interdisziplinär, aber in dem Maße?

Sieht das der Markt auch so?

Nun, das sind auch meine Wahrnehmungen aus den Kundengesprächen. Wenn einerseits Technische Logistik draufsteht, traut mir jemand nicht sofort zu, dass ich für ihn beispielsweise diesen Kettenzug digital optimieren könnte. Auf der anderen Seite, wenn ich mit Fördertechnik hingehe, würde ich mit keinem Post- oder KEP-Dienstleister in ein Projekt gehen. Aber ich bin zu sehr Ingenieur, da müssten wir die Marketing-Profis fragen.

Herr Prof. Landschützer, herzlichen Dank für das Gespräch!

Jan Kaulfuhs-Berger

Chefredakteur, Zeitschrift Technische Logistik - Hebezeuge Fördermittel
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„Das ist Fördertechnik!“
Seite 6 bis 7
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