„Industrie 4.0 muss sich lohnen“

„Industrie 4.0 muss sich lohnen“

Matthias Göhner spricht über intelligente Sensorik und den Kosten-Nutzen-Faktor

1963 gegründet, hat der Sensorikspezialist Leuze electronic mittlerweile ein ausgeprägtes internationales Vertriebs- und Servicenetz mit etwa 1.300 Mitarbeitern, die an 24 internationalen Standorten in Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Service tätig sind. Die Redaktion sprach mit dem Corporate Industry Manager Intralogistics, Matthias Göhner, über den Mehrwert von Industrie 4.0 und darüber, was bei allem Hightech auch nicht vergessen werden sollte.

» Industrie 4.0 muss für den Kunden einen Mehrwert generieren, sonst lohnt sich die Investition nicht.

Matthias Göhner, Corporate Industry Manager Intralogistics, Leuze electronic GmbH + Co. KG

» Wir machen den Markt nicht, aber wir müssen in der Lage sein, darauf zu reagieren.

Christina Kasper: Herr Göhner, Leuze electronic ist bereits seit über 50 Jahren mit innovativen Sensorlösungen für die industrielle Automation auf dem Markt. Wo liegen hier die Schwerpunkte?

Matthias Göhner: Unsere Schwerpunkte liegen auf der Intralogistik und Verpackungsindustrie, auf dem Bereich Werkzeugmaschinen, der Automobilindustrie sowie der Laborautomation. Zum Portfoliomix gehören schaltende und messende Sensoren, Identifikationssysteme, Lösungen für die Bildverarbeitung und Datenübertragung sowie Komponenten und Systeme für die Arbeitssicherheit. Weitere Produkte sind in Richtung Industrie 4.0 geplant und kurz- bis mittelfristig verfügbar.

Werden Industrie-4.0-fähige Produkte denn bereits viel von den Endkunden nachgefragt?

Ja und Nein. Im Vordergrund steht für den Endkunden der Wunsch nach einer effektiven Produktionsanlage, die Losgröße 1 kann, schnell arbeitet und keine Stillstandzeiten verursacht.

All das verspricht doch aber Industrie 4.0, oder?

Ja, aber für eine Industrie-4.0-fähige Anlage müsste der Endkunde auch mehr Kosten einkalkulieren. Die Sensoren und die ganze Anlage müssen mehr können und damit kostet die Realisierung auch mehr Geld. Industrie 4.0 muss für den Kunden einen Mehrwert generieren, sonst lohnt sich die Investition nicht.

Wie kommt in puncto Mehrwert dann Leuze mit ins Spiel?

Wir müssen unsere Produkte – unsere Sensoren – so entwickeln, dass sie Industrie-4.0-fähig sind, für den Fall, dass der Kunde es wünscht. Wir machen den Markt nicht, aber wir müssen in der Lage sein, auf Veränderungen zu reagieren bzw. diese aktiv von Grund auf mitgestalten.

Das heißt, Sie entwickeln und produzieren auf die reine Möglichkeit eines Kundenwunsches hin?

Ja, vom Beginn einer Produktentwicklung bis zur Marktreife können Sie mit einer Zeitspanne von bis zu drei bis vier Jahren rechnen. Also müssen wir heute schon wissen, was der Markt in ein paar Jahren will. Zum jetzigen Zeitpunkt ein Produkt zu entwickeln, das nicht Industrie-4.0.-fähig ist, macht für uns keinen Sinn. Das heißt, der Trend ist da, ob und wann er dann aber auch kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Das können wir auch nicht beeinflussen.

Was will der Kunde denn in vier Jahren?

Der Endkunde möchte ein effektives Lager und effektiv wird es dann, wenn es keine Stillstandzeiten mehr gibt. Ein Hochregallager muss ständig funktionieren, 24 Stunden am Tag. Dafür, dass alles läuft, sorgt meist eine zentrale Stelle, dort, wo die Ware durchläuft. Diese Stelle, dieses Band beispielsweise, darf nie kaputt gehen. Wenn das steht, steht alles. Der Kunde möchte also frühzeitig wissen, wann der Motor, der dieses Förderband antreibt, eventuell kaputt gehen könnte, damit er ihn im richtigen Augenblick austauschen kann. Jetzt, ohne Informationen, wird der Motor nach einem gewissen Zeitraum X einfach gewechselt. Ob der noch drei Jahre gelaufen wäre oder nicht.

Und genau hier kommt die Sensorik bzw. Industrie 4.0 ins Spiel?

Ja genau, jeder Sensor kann zusätzliche Daten liefern, aus denen der Kunde dann die für sein Lager notwendigen Informationen ziehen kann. So dass er zum Beispiel erkennt, wann genau der Motor eines Förderbandes ausgewechselt werden muss, um vorbestellen zu können, und so Stillstandzeiten gar nicht erst entstehen. Das Produkt also austauschen kann, wenn er Zeit dazu hat und nicht, wenn er es muss. Wir müssen Daten liefern, damit der Endkunde entsprechenden Handlungsbedarf ableiten kann.

Die Informationen, die vom Sensor gesammelt und für den Kunden verfügbar gemacht werden, müssen doch aber sicher noch aufgearbeitet oder gefiltert werden, damit sie verständlich sind?

Ja, nur brauchen sie dafür externe Programme und sie brauchen externes Know-how. Das müssen sie sich zahlen lassen. Schlussendlich ist die Anlage dann also vielleicht effektiver, aber insgesamt auch teurer.

Das heißt, Leuze bietet diese Datenauswertung nicht an?

Im Moment ist das nicht unser Bereich und ich sehe auch nicht, dass wir das mal übernehmen. Leuze ist eigentlich ein Komponentenlieferant. Unsere Produkte verfügen über die notwendigen Schnittstellen, wir können aber nicht beeinflussen, ob und wie der Kunde sie nutzt.

Bei Industrie 4.0 geht es also darum, die Anlage, egal wie groß oder klein, so zu warten, dass sie immer verfügbar ist?

Ja, allerdings hat noch keiner unserer Intralogistik-Kunden an uns die Anfrage weitergeleitet, sein Lager mit Industrie-4.0-fähigen Produkten auszustatten. Es sagen zwar alle, dass das kommen wird, aber wann das sein wird, bleibt spannend.

Woran liegt das?

Auf den Bereich Intralogistik bezogen ist es, glaube ich, einfach eine Kosten-Nutzen-Frage. Die Lagerprozesse laufen ja auch so. Und falls mal etwas ausfällt, dann steht das Band eben eine Stunde. In der Fertigungstechnik sieht das schon ganz anders aus. Wenn es hier zu einem Stillstand kommt, ist das ein richtiges Problem. Dort ist dann auch der Kosten-Nutzen-Faktor ein ganz anderer als in der Intralogistik. Messen, wie die SPS oder die Logimat, sind eine gute Möglichkeit, um die Endkunden bezüglich dieser Kosten-Nutzen-Rechnung zu beraten.

Was wird denn die Besucher der Logimat auf Ihrem Messestand erwarten?

Wir präsentieren unter anderem unseren kamerabasierten Positionierungssensor IPS 400i für Regalbediengeräte. Er detektiert kreisrunde Löcher beziehungsweise Reflektoren nicht nur in einfachtiefem, sondern auch doppelttiefem Riegel und bestimmt so die Positionsabweichung in X- und Y-Richtung relativ zur Sollposition. Damit eignet er sich vor allem für den Einsatz in doppelttiefen Paletten-Hochregallagern.

Wäre diese Technik auch auf Shuttlesysteme ausweitbar?

Das wäre schön, ist aber zu teuer. Das zahlt uns keiner. Was man bei aller Industrie-4.0-Technik aber auch nicht vergessen darf sind die kleinen, einfachen Sensoren, etwa zum Einsatz in der Fördertechnik. Diese Sensoren sind nicht hochperformant und nicht Industrie-4.0-fähig, aber auch die müssen funktionieren und dürfen nichts kosten. Unabhängig von allem Hightech muss man auch solche Sensoren entwickeln und kostengünstig produzieren können. Das ist ein genauso hoher Anspruch, wie ein hochtechnisches Kamerasystem. Das wird manchmal vergessen, wenn man ständig nur über Hightech redet. Die normalen Sensoren braucht man auch.

Herr Göhner vielen Dank für das Gespräch.

Technische Logistik 03/2020 PDF-Download (1.5 MB) Autor: C. Kasper