„Wir wollen nachhaltiger Partner sein!“

„Wir wollen nachhaltiger Partner sein!“

Andreas Krinninger über die Zukunft des Verbrenners und die Stellung am Markt

Alle Welt spricht über das Elektroauto, Japan möchte die Olympiade in diesem Jahr komplett auf Brennstoffzellenbasis durchführen und Linde Material Handling stellt eine neue Dieselstaplergeneration vor. Wie passt das zusammen? Darüber – aber nicht nur darüber – hat die „Technische Logistik“ mit Andreas Krinninger, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Linde Material Handling, Anfang November in Berlin gesprochen. Anlass war die Markteinführung der Fahrzeuge.

» Wenn sich jemand für das Unternehmen Linde Material Handling entschieden hat, dann ist er mit Herzblut dabei. Das spüren auch unsere Kunden.

» Die Logimat ist für mich in Deutschland die spannendste Messe mit der höchsten Informations- und Innovationsdichte.

Andreas Krinninger Vorsitzender der Geschäftsführung, Linde Material Handling

Jan Kaulfuhs-Berger: In Zeiten der Elektromobilität einen Dieselstapler auf den Markt zu bringen: Ganz schön mutig, oder?

Andreas Krinninger: (lacht) Ja, aber auch not- wendig.

Weshalb?

Ab Mitte dieses Jahres dürfen in der Traglastklasse von 2 bis 3,5 Tonnen nur noch verbrennungsmotorische Stapler hergestellt werden, die die neuen Abgasvorschriften der EU-Stufe V erfüllen. Hersteller, die darauf nicht vorbereitet sind, können dann kein Fahrzeug mehr anbieten.

Wir hören heraus, der Verbrenner ist nach wie vor en vogue.

Er wird auf jeden Fall in den nächsten zehn Jahren nach wie vor benötigt. Es wird auch weiterhin einen Antriebsmix im Staplerbereich geben. Grund sind die vielen unterschiedlichen Einsatzgegebenheiten in den Betrieben. In einigen Bereichen – wie beispielsweise in der Landwirtschaft – gibt es oft gar keine Ladeinfrastruktur für Elektrogeräte. In anderen Fällen ist die Performance des Dieselstaplers das ausschlaggebende Argument.

Wie sieht denn der Markt, auf die unterschiedlichen Antriebe bezogen, aus?

Der Trend in Richtung Elektroantriebe ist seit längerer Zeit eindeutig. Bei uns verfügen von etwa 100 ausgelieferten Fahrzeugen bereits heute etwa 84 Prozent über einen Elektroantrieb – inklusive Lagertechnik. Schaut man nur auf die Gegengewichtstapler, haben weltweit immerhin noch 42 Prozent einen verbrennungsmotorischen Antrieb, 58 Prozent einen Elektroantrieb.

Der Anteil der Fahrzeuge mit Elektroantrieb steigt aber stetig.

Ja, der Anteil der Elektrofahrzeuge wird von Jahr zu Jahr größer. Da aber der gesamte Markt in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen ist, ist auch die Zahl der bei uns bestellten Verbrenner gestiegen.

Das Ganze ist natürlich regional sehr unterschiedlich. Kann man das irgendwie clustern?

In China beispielsweise liegt der Verbrenner-Anteil auf Gegengewichtsstapler bezogen noch bei über 80 Prozent. Auch dort ändern sich allerdings die Abgasvorschriften …

 … was wiederum den Wechsel zum Elektrostapler beschleunigt.

In der Tat. Aber der Anteil an Verbrennern ist dort eben noch sehr, sehr groß. Das Gleiche gilt für die Länder in Lateinamerika und Afrika. Der größte Fortschritt in Sachen Elektrostapler ist tatsächlich in Europa gemacht worden.

Aber selbst in Europa, wenn wir das richtig verstanden haben, wird der Verbrenner weiterhin seine Berechtigung haben.

Ja, aber er wird schrittweise zur Nische werden – aber durchaus attraktiv bleiben.

Wenn wir nun schon einmal den Weltmarkt gestreift haben, wie sieht dieser aus Sicht von Linde aus?

Wir können weltweit gern über Marktanteile reden. Linde Material Handling ist, global betrachtet, die Nummer zwei, in Europa beim Umsatz ganz klar die Nummer eins. Von daher sehen wir uns sehr gut positioniert.

Ein Polster, auf dem man sich aber nicht ausruhen darf.

Nein, natürlich nicht. Wir wollen unseren Marktanteil kontinuierlich ausbauen. Das haben wir auch im vergangenen Jahr geschafft – obwohl der Markt insgesamt rückläufig gewesen ist.

Wie schafft man das?

Nun, wir verfügen über ein Produktportfolio, das auf die unterschiedlichen Bedarfe in den jeweiligen Regionen ausgerichtet und zugeschnitten ist. Und wir haben gerade in Märkten, in denen wir noch relativ klein sind, etwa in Nordamerika, in den vergangenen Jahren massiv investiert. Unsere Anteile steigen dort zwar noch von einem niedrigen Niveau, aber ich gehe davon aus, dass das in zehn Jahren ganz anders aussehen wird.

Wir haben soweit nur über Linde selber gesprochen. Welche Rolle spielen die anderen Marken in der Kion Group, wie zum Beispiel Baoli? Besteht nicht an der einen oder anderen Ecke die Gefahr der Kannibalisierung?

Nein, diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Baoli ist ganz anders positioniert, im Economy-Segment. Das kannibalisiert nicht, das ergänzt sich eher. Es gibt mit Baoli keine Überschneidungen. Dazu sind wir einfach zu verschieden, gehören aber zum selben Konzern.

Wir sind damit bereits bei der Kion Group und der Mehrmarkenstrategie angelangt. Welches Gewicht haben die einzelnen Staplermarken im Konzern?

Nun, da kann ich nur für uns sprechen: Linde Material Handling ist ganz klar ein Leistungsträger der Gruppe. Wir haben in den ersten neun Monaten 2019 etwa 40 Prozent zum Umsatz der Kion Group beigetragen. Insofern besitzt Linde MH eine durchaus bedeutende Rolle (lacht).

Die auch bleiben wird?

Sicher, dieser Leistungsträger wollen und werden wir bleiben. Wir investieren an allen entscheidenden Stellen, um unsere Position weltweit weiter auszubauen.

Dazu gehört sicher auch das Thema Systemlösungen. Wie begegnet Linde dem Spannungsfeld zwischen Staplerbauer und Lösungsanbieter?

Das ist sicher eine große Herausforderung – aber gleichzeitig eine großartige Möglichkeit, um Mehrwert für unsere Kunden zu schaffen. Wir haben den Weg zum Lösungsanbieter vor etwa fünf Jahren eingeschlagen und optimieren heute den kompletten Materialfluss unserer Kunden. Wie Sie wissen, ist der Intralogistikmarkt hoch fragmentiert. Für Lagerlogistiker ist es extrem komplex, sich mit all den Lösungen unterschiedlicher Anbieter auseinanderzusetzen oder gar selber eine Lösung zu gestalten. Wir, Linde MH, haben eine sehr gute Übersicht, agieren selbst als Lagerbetreiber, können das Materialflussmanagement entsprechend gut bedienen, Lösungen entwickeln und dieses Know-how an die Kunden weiterreichen …

 … wofür Sie sicher nicht nur Expertise benötigen, sondern auch das entsprechende Fachpersonal.

Ja, wir haben Schritt für Schritt Personal für diesen Bereich aufgebaut, das über umfangreiches Prozess-, Projekt- und Beratungs-Know-how verfügt. Unsere Teams wissen genau, welche Warehouse-Management- und Kontroll-Systeme der Kunde für seine spezifische Situation benötigt.

Hinzu kommen noch strategische Partnerschaften.

Ganz genau. Partnerschaften versetzen uns in die Lage, alles aus einer Hand anbieten zu können: Regale, Förderbänder, Shuttles und so weiter – und zwar inklusive Service für Aufbau, Inbetriebnahme und Instandhaltung.

Wichtigster Partner, wenn wir das richtig einschätzen, ist an dieser Stelle die Konzern-Schwester Dematic?

Ja, und Dematic wird mit unseren Staplern ebenfalls zum Vollanbieter. Dabei übernimmt immer das Unternehmen mit der größeren Wertschöpfung im Projekt die Führung. Liegt der Schwerpunkt bei den Staplern, koordiniert Linde MH das Projekt, liegt er bei vollautomatischen Lagersystemen, dann übernimmt Dematic. So funktioniert das im Konzern.

Herr Krinninger, Sie haben im Vorgespräch die sogenannten Pain Points erwähnt. Was ist darunter zu verstehen?

Mit den Pain Points, oder Schmerzpunkten, meine ich die Herausforderungen entlang des Materialflusses, die unsere Kunden bewältigen müssen. Wir wollen unseren Kunden nicht kurzfristig irgendetwas verkaufen, sondern nachhaltiger Partner sein, zur deren effizienterer und effektiverer Wertschöpfung beitragen und damit gemeinsam mit unseren Kunden deren Herausforderungen lösen. Dazu müssen wir analysieren und verstehen, wo genau unseren Kunden der Schuh drückt.

Und wo drückt der Schuh?

Das ist natürlich von Kunde zu Kunde verschieden. Als generellen Trend nehmen wir beispielsweise wahr, dass unsere Kunden eine immer höhere Produktvielfalt zu managen haben; teilweise, weil der Individualisierungsgrad ihrer eigenen Produkte zunimmt. Zum anderen wachsen die Ansprüche an Liefer- und Durchlaufzeiten und es stehen weniger Flächen und Lagerstandorte zur Verfügung. Ungeachtet dessen sollen die Kosten idealerweise sinken. Daraus ergeben sich eine Menge Schmerzpunkte. Und wir wollen verstehen, welcher der genannten Punkte gerade die größte Herausforderung beim jeweiligen Kunden darstellt. Deshalb wird erst analysiert – und dann gemeinsam eine Lösung entwickelt.

Themenwechsel, auch wenn er gar nicht so drastisch erscheint: Fachkräftemangel.

Ja, auch uns beschäftigt dieses Thema – aber wir bieten viele Vorteile. Linde Material Handling ist ein attraktiver Arbeitgeber, das wird von den potentiellen Kandidaten auch so wahrgenommen. Wir bieten viele Chancen zur Weiterentwicklung in einem technologisch anspruchsvollen und spannenden Umfeld sowie vor dem Hintergrund eines dynamischen, profitablen Wachstums – und damit sind wir sehr attraktiv für qualifizierte Fach- und Führungskräfte. Zudem investieren wir international stark in die Aus- und Weiterbildung, engagieren uns im Hochschulmarketing und pflegen enge Kooperationen mit Universitäten und Lehrstühlen. Alles trägt dazu bei, interessante Kandidaten auf Linde Material Handling aufmerksam zu machen. Auch die Fluktuation bei uns ist vergleichsweise niedrig, denn wir merken immer wieder: Wenn sich jemand für Linde MH entschieden hat, dann ist er mit Herzblut und Leidenschaft dabei – und bleibt über Jahre an Bord. Das spüren auch unsere Kunden.

Wir nehmen an, die Fachkräftesituation ist von Land zu Land, von Region zu Region sehr unterschiedlich.

Ja, sicher. Versuchen Sie einmal, in der Schweiz einen Servicetechniker zu finden! Der Arbeitsmarkt dort ist leergefegt. Aber auch in Osteuropa, beispielsweise Tschechien, liegt die Arbeitslosenquote in bestimmten Gegenden unter drei Prozent. Dennoch erreichen uns auch dort viele qualitative Bewerbungen, weil Linde Material Handling überall als interessanter Arbeitgeber mit attraktiven Jobs auftritt.

Noch ein Themenwechsel. Logimat …

 … hat eine beeindruckende Entwicklung hinter sich. Es ist für mich in Deutschland die spannendste Messe mit der höchsten Informations- und Innovationsdichte. Das zieht viele interessante Kunden an.

Wie tritt Linde auf der diesjährigen Logimat auf?

Wir haben unsere Ausstellungsfläche deutlich vergrößert. Nicht zuletzt durch zwei zusätzliche Außenflächen. Dort haben Kunden die Möglichkeit, unsere neuen Verbrennerstapler selbst zu testen – ein absolutes Novum bei der Stuttgarter Messe. Daneben bringen wir auch viele neue Lagertechnikgeräte, Softwarelösungen und Fahrerassistenzsysteme mit zur Logimat. Lassen Sie sich überraschen!

Bei allen Innovationen wäre Linde sicherlich auch ein heißer Kandidat für den einen oder anderen Ifoy-Award?

Die Einschätzung ehrt mich, lassen Sie es mich aber so ausdrücken: Jeder muss sich ein wenig fokussieren – auch bei der Frage, an welchen Dingen man teilnimmt. Man kann und man muss auch nicht auf jeder Hochzeit mittanzen.

Herr Krinninger, besten Dank für das Gespräch!

Technische Logistik 02/2020 PDF-Download (1.64 MB) Autor: J. Kaulfuhs-Berger