„Im Zweifel agieren wir weltweit“

Ole Groh über Automatisierung und den Weg kleiner Unternehmen

Nun, es muss nicht immer ein Büro oder eine Lagerhalle sein, wo man sich zum Interview zusammensetzt. An einem (der nicht so vielen) sonnigen Tage in diesem Sommer hat Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, Ole Groh, Geschäftsführer der Lagertechnik Hahn & Groh GmbH, an der Hamburger Außenalster zum Gespräch getroffen.

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Jan Kaulfuhs-Berger: Hahn & Groh ist Insidern der Branche sicherlich ein Begriff. Aber sicher nicht jeder kennt das Unternehmen.

Ole Groh: Ja, wir sind ein sehr kleines Unternehmen, können aber bereits auf 30 Jahre Erfahrung zurückblicken. Wir haben uns seinerzeit aus der Situation heraus gegründet, dass wir von München aus den norddeutschen Raum schon immer bearbeitet haben. 1996 fiel der Entschluss, von Lagertechnik Uwe Hahn einen Partnerbetrieb in Hamburg zu gründen, …

… auch, weil Sie aus Hamburg stammen?

Ja, und ich wollte irgendwann wieder zurück. Daher haben wir 1997 die Lagertechnik Hahn & Groh GmbH gegründet. Die Wurzeln liegen in München bei Lagertechnik Uwe Hahn – daher Hahn im Firmennamen. Er ist Mitgesellschafter, aber nicht operativ tätig. Bei Hahn & Groh bin ich alleiniger Geschäftsführer und habe die Mehrheit an den Geschäftsanteilen.

Sie sprachen von einem sehr kleinen Unternehmen.

Ja, wir haben derzeit sechs Mitarbeiter, aber auch viele Dienstleister und Subunternehmer. Die Lagertechnik Uwe Hahn, als ein sehr wichtiges Beispiel, agiert als verlängerte Werkbank für uns. Das Unternehmen verfügt über eine Schlosserei und eine Lackiererei, wo wir Sonderteile bauen können. Hinzu kommen Hersteller von Zubehör, wie Laserzuschnitte sowie Beschichtungsdienstleister, die Teile herstellen, die wir nicht von unserem Regal-Lieferanten bekommen.

Und schon sind wir mittendrin im Thema. Regale, Regalanlagen, Regalsysteme – dafür steht das Unternehmen Hahn & Groh, oder?

Ja, ich ziehe immer einen Vergleich: Wir haben einen großen Eimer voller Legosteine vor uns zu stehen. Wir wissen, welche Steine in dem Eimer drin sind, mit welchen Abmessungen und in welchen Ausführungen. Das bringen wir mit dem Bedarf des Kunden zusammen.

Das bedeutet, Sie überlegen dann gemeinsam mit dem Kunden, welche Legosteine passen?

Ja, wir überlegen, welches Regalsystem für den Bedarf des Kunden das richtige ist. Daraus entsteht dann die Planung – das ist unsere Dienstleistung. Wir kennen die Regalsysteme, die es auf dem Markt gibt und glauben zu wissen, welches System für den Kunden am besten funktioniert. Wir erläutern dem Kunden dann anhand von Zeichnungen unsere Gedanken. Daraus entsteht ein Angebot, ja und in der Regel auch ein Auftrag.

Klingt auf den ersten Blick simpel, auf den zweiten dann doch nach viel Arbeit für sechs Personen …

… zumal der sechste im Lager arbeitet und diesbezüglich nicht operativ tätig ist.

Ein Lager mit einer Person?

Ja, wir haben hier ein kleines Abhollager in Winsen für kleine, schnelle Sendungen. Das Gros wird aber vom Zentrallager in Bruckmühl oder direkt ab Werk ausgeliefert.

Hahn & Groh als kleines Unternehmen – territorial gesehen: Welchen Markt bearbeiten Sie?

Nun, im Zweifel agieren wir weltweit – mit der gesamten Lagertechnikgruppe. Wir sind in Summe vier Mitglieder in Deutschland und eines in Österreich und haben uns ursprünglich die Bundesrepublik nach Postleitzahlgebieten aufgeteilt …

… was aber sicherlich in Zeiten von Internet schwierig umzusetzen ist, nehmen wir an.

Richtig. Auch wir hier im hohen Norden erhalten Anfragen aus München, aber auch aus der Schweiz, aus Frankreich, Luxemburg und von überallher. Und die Regale verschicken wir tatsächlich weltweit, auch nach China, Malaysia, Benin und so weiter. Aber richtig ist auch, schwerpunktmäßig vertreiben wir unsere Regalsysteme schon in Deutschland. Für Hahn & Groh heißt das im Speziellen: der norddeutsche Raum von der polnischen Grenze im Osten über die dänische im Norden bis zur holländischen im Westen.

Regale und eines der Modewörter in der Intralogistik, Automatisierung. Das scheint auf den ersten Blick nicht ganz zusammenzupassen.

In den ersten zehn, fünfzehn Jahren hatten wir hauptsächlich Handwerksbetriebe als Kunden, kleine Handelsunternehmen, die KMU dieser Welt hier in Deutschland. Und dort sind wir in allen Branchen unterwegs. Wir lagern alles, von Kontaktlinsen bis zu Autoreifen. Das Ganze hat sich irgendwann gewandelt, bedingt durch neue Kunden, wie zum Beispiel große Archivdienstleister, die Akten einlagern. Dadurch haben wir uns an große Anlagen herangetraut und eine gute Reputation im Markt erfahren. Und zurzeit sind wir auch im Fulfillment unterwegs, haben zahlreiche E-Commerce-Kunden, die bereits in den vergangenen Jahren explosionsartig gewachsen sind …

… und dann kam Corona dazu.

Ja, und dann haben diese noch einmal einen ordentlichen Schub bekommen. Bis dahin spielte die Automatisierung bei uns noch keine große Rolle. Aber das geht jetzt richtig los.

Was erwarten Sie, Herr Groh? Was kommt auf die Regalbetreiber zu?

Das Regal wird immer ein Regal bleiben. Dieses Rad kann man nicht neu erfinden. Aber das Handling des Regals, das Kommissionieren drum herum wird sich extrem verändern. In diese Richtung stellen wir uns gerade auf, um mitspielen zu können. Automatisierung, Robotertechnik um das Regal herum und so weiter. Die Herausforderungen sind aber die Schnittstellen. Das heißt, noch geringere Toleranzen, noch exaktere Montagen werden notwendig sein, weil Roboter sehr, sehr exakt arbeiten und hohe Anforderungen an die Ebenheit der Regale und Anlagen stellen.

Regal bleibt Regal. Oder verändert es sich mit der Zeit doch?

Im KMU-Bereich sehe ich das nicht, noch nicht. Die Profilierung, so gesehen haben Sie Recht, wird allerdings immer aufwendiger, aber nicht wegen der Automatisierung, sondern weil beispielsweise Produzenten mit weniger Material die gleiche Steifigkeit herstellen wollen. Dadurch haben wir immer dünnere Materialstärken – das Regal wird anfälliger gegen Schäden durch Stapler oder Handling.

Man könnte also konstatieren: Das Regal ist also die Konstante, die Prozesse darum ändern sich aber.

Ja, das sehe ich genauso.

Aber zurück zur Automatisierung. Sehen Sie die Ursache, wie viele andere Experten auch, im Fachkräftemangel?

Ja, sicher. Ich sehe darin die Chance, Roboter Arbeiten übernehmen zu lassen, für die es wegen des Leistungs- und Geschwindigkeitsdrucks immer schwieriger wird, Leute zu finden. Den Einsatz von Robotern in der Kommissionierung, beispielsweise, finde ich ideal – in der Symbiose mit den Menschen. Diesen Weg möchte ich mit meiner Firma gehen. Und ich möchte insbesondere kleinere Firmen ermutigen, Roboter einzusetzen – nicht zwingend in großem Umfang, sondern in, sagen wir, homöopathischen Dosen. Einfach um mit der Technik warm zu werden. Dann hat man mehr Vertrauen, versteht die Prozesse und nach oben ist dies ohnehin skalierbar. Dann wachsen die Anlagen, die Anzahl der Roboter. Das halte ich für den richtigen Weg.

Kommen Kunden diesbezüglich schon auf Sie zu?

Noch trauen sich die kleinen Unternehmen nicht. Sie haben zu wenige Informationen, scheuen die Investition. Man sieht nur große Anlagen, die nach sieben- oder achtstelligen Investitionssummen schreien. Das können und wollen kleine Betriebe nicht. Diese möchte ich aber abholen, ihnen sagen: Wir können das auch kleiner machen. Das finde ich spannend.

Wenn wir von Automatisierung sprechen, dann sind wir auch schnell bei der Digitalisierung und somit bei Themen wie Manipulation oder Datenschutz.

Sicher, aber man sollte die Unternehmen durch Aufklärung und Informationen abholen. Da habe ich in unserem Bereich keine Bedenken: Ich bin der Ansprechpartner und wir haben durch jahrelange Erfahrung einen großen Vertrauensvorschuss. Dem muss man gerecht werden.

Hahn & Groh wird nächstes Jahr 25. Wo steht das Unternehmen mit 30?

Dann habe ich es hoffentlich in jüngere Hände abgegeben, würde aber gern noch als Berater an Bord bleiben. Es macht mir immer noch viel Spaß, zum Kunden rauszufahren. Das ist jeden Morgen der Drive für mich: Kundenkontakt, Kundenberatung. Ich sehe mich, auch heute schon, in der Mitte zwischen einem normalen Regallieferanten und einem Systemanbieter für KMU. Aber, und das ist ganz wichtig, auf kleiner Schiene. Ich kann und möchte mich gar nicht mit den Großen unserer Branche anlegen. Wir haben unsere Kundschaft und haben gute Referenzen.

Herr Groh, vielen Dank für das Gespräch!

 

» Jetzt geht das mit der Automatisierung auch bei uns richtig los!

Ole Groh, Geschäftsführer, Lagertechnik Hahn & Groh GmbH, Winsen an der Luhe

 

Jan Kaulfuhs-Berger

Chefredakteur, Zeitschrift Technische Logistik - Hebezeuge Fördermittel

· Artikel im Heft ·

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