„One Touch, Zero Touch“
Jan Kaulfuhs-Berger: Knapp und der Weltmarkt, das ist sicher ein schwieriges Thema gerade jetzt mit Blick in die USA und der Entwicklung dort. Auch wenn es schwierig wird, können Sie ein paar Worte zum Weltmarkt sagen?
Gerald Hofer: So widersprüchlich das zunächst klingen mag, wir sehen darin durchaus einen Vorteil für uns: Unsere starke internationale Ausrichtung. In Zentraleuropa sind wir sehr gut aufgestellt, ebenso in Nordamerika – und da meine ich sowohl die USA, als auch Kanada sowie Lateinamerika. Auch in Asien dürften wir da und dort ganz gut punkten. Darüber hinaus verfügen wir über starke Niederlassungen in Australien und weiteren Regionen. Zollproblematiken und Wirtschaftshemmnisse wirken sich jedoch zunehmend auch für unsere Kunden in der einen oder anderen Form negativ aus. Jeder vernünftig denkende Mensch weiß, dass es damit keine Gewinner geben wird. Bereits die Verunsicherung allein bremst das Wirtschaftswachstum spürbar.
Gehen wir einmal in die Märkte hinein. EMEA, Sie sagten es gerade, ist neben den USA prozentual der Kernmarkt.
Ja, das sind zusammen immer noch mehr als 50 Prozent. Ganz dicht gefolgt von Nord- und Lateinamerika. Dann gibt es noch einige kleinere, aber spannende Märkte. Hier sprechen wir über Asia-Pacific, Australien, Korea und so weiter.
Ich habe im vorigen Jahr auf der Logimat in Bangkok mit Ihrem Kollegen Sven Waldhaus im Podium gesessen. Bei der Diskussionsrunde ging es genau um die Thematik Aktivitäten in Asia-Pacific. Dort geht ja einiges in der Lagertechnik voran. Oder ist das mehr Rauch als Feuer?
Nein, es tut sich tatsächlich einiges. Wir als Knapp sind in einem absoluten Spitzenbereich tätig. Das heißt: One Touch, Zero Touch. Wir sprechen hier von hochautomatisierten Lösungen, und genau das ist in vielen Teilen Asiens noch nicht etabliert. Dort wird viel produziert und verschifft, und das ist nicht unser Spezialgebiet. Überall dort jedoch, wo distribuiert wird und Automatisierung gefragt ist, sind wir präsent. Ein gutes Beispiel ist Südkorea: Dort arbeiten wir mit einem sehr anspruchsvollen Kundenkreis zusammen, der auf hochautomatisierte Systeme setzt – und genau da sind wir dann wieder zu Hause.
Weil die Arbeitskräfte teuer sind …
Genau. Und weil natürlich der Konsum entsprechend ist und die Anforderungen an das Produkt inklusive Service sehr hoch sind. Überall, wo die Anforderung besteht, das Produkt am selben oder darauffolgenden Tag zu erhalten oder eine sehr filialgerechte Anlieferung gewünscht wird, kommen wir ins Spiel.
Schauen wir mal in die Branche hinein. Knapp ist ja sehr breit aufgestellt.
Richtig. Wir arbeiten mit einem sehr breiten Technologie-Portfolio. Wir verfügen über das breiteste Angebot an Lagertechniklösungen in der gesamten Branche. Wir haben Sortiertechnik in jeder Form bis hin zum Pocketsorter, etwas ganz Neues, das sich am Markt zunehmend etabliert. Darüber hinaus bieten wir Sondermaschinen, Robotik und alles, was Transportieren angeht, sei es Palette oder Einzelstück. Auch im Bereich der Stetigförderer, inklusive autonom fahrender Einheiten, sind wir bestens aufgestellt. Wir haben das ganze Paket und das komplette Softwarepaket dazu. Aus dieser technologischen Vielfalt entwickeln wir maßgeschneiderte, branchenspezifische Lösungen, denn wir kennen die Anforderungen bestimmter Branchen sehr genau.
Zum Beispiel den Healthcare-Sektor.
Ja, beispielsweise Healthcare. Hier decken wir die gesamte Prozesskette ab - vom Hersteller über die Palettenlogistik und Distribution bis hin zur einzelnen Tablette. Wir bieten vollautomatische Lösungen für patientenspezifische Blisterpackungen, inklusive Bilderkennung und der komplexen Datenverarbeitung, die damit verbunden ist. Es gibt allein im Healthcare-Bereich sechs, sieben Systemlösungen, die wir ausbringen. Unsere Wurzeln liegen im Healthcare-Sektor und so sind wir auch im ganzen Pharmabereich mit einem hohen Marktanteil unterwegs. Daraus abgeleitet sind wir überall, wo es Kosmetik, Drogerie und ähnliche Themen gibt.
Hinzu kommt das Thema Fashion.
Absolut. Auch im Fashion-Bereich sind wir sehr stark und praktisch mit nahezu allen großen Marken weltweit tätig. Dann gibt es den Lebensmittelbereich, von Kleinstlösungen über Sortierlösungen für Obst, Gemüse, Tiefkühllösungen inzwischen bis hin zur Vollautomatik. Das heißt, Vollautomatik für Zusammenstellungen von Lieferungen an die großen Supermarktketten. Dann haben wir das, was wir generell Retail nennen. In dem Bereich bündeln wir alle großen Trockensortimente, die teilweise gemischt sind, also Lebensmittel kombiniert mit Textilien, Drogerieartikeln oder ähnlichen Warengruppen.
Nicht zu vergessen die Knapp Industry Solutions GmbH. Diese tritt ja nach außen als eigenes Unternehmen auf …
… und ist hier sehr erfolgreich unterwegs. Wir hätten vor dem vergangenen Wirtschaftsjahr gesagt, dass das die Sparte sein müsste, die am meisten Probleme bekommt, weil man ständig hört, dass in Europa nichts mehr produziert wird. Aber die Automatisierung geht da immer weiter, und wir durften einige ganz große Namen einbuchen, für die wir uns lange qualifiziert haben, im Bereich Luftfahrt, Automobil und andere Sektoren. Darüber sind wir glücklich, weil es ein Bereich ist, der sich aufgrund der Breite unseres Angebots auch sehr gut entwickelt.
Im Gespräch fiel bereits mehrfach das Stichwort Automation. Dies zieht sich ja durch die gesamte Branche, und Knapp ist da ganz vorn mit dabei. Was sind Ihrer Meinung nach die Treiber der Automation? Ist es der Fachkräftemangel allein?
Nein, allein nicht. Aber es ist tatsächlich so, dass immer komplexere Systeme mit immer höheren Anforderungen gebaut werden, die man teilweise durch reine Humanpower nicht mehr bewältigen kann. Aus so großen Sortimenten und aus einem derartig großen Lagerportfolio in kurzer Zeit etwas zusammenzustellen, geht manuell nicht mehr.
Also gibt es noch mehrere Treiber.
Sicher, der zweite Faktor, der vor allem in den USA zum Tragen kommt, ist Fläche. Es ist heute kaum noch möglich, Lager in der Fläche zu bauen, wie man es früher getan hat. Auch wir müssen jedes Jahr viele Quadratkilometer Lagerfläche realisieren, um unsere Systeme auszubringen. In einem manuellen Lager, mit einer Lagerung bis maximal 1,70 Meter Höhe, wäre das absolut unmöglich. Die Zusammenstellung, die Sequenzierung, der Qualitätsanspruch – das wäre nicht mehr zu machen. Natürlich ist es auch eine Kostenfrage, wenn Personal teuer ist. Wobei die Einsparung nicht im Vordergrund steht, sondern die grundsätzliche Machbarkeit. Es gibt schlichtweg das Personal in diesen Jobs nicht in ausreichendem Maße. Der Umschlag in diesen Lagern ist sehr hoch, daher muss das einfach technisch sichergestellt werden.
Was spielt da noch mit rein?
Der Haupttreiber der Automation ist mit Sicherheit das Konsumverhalten, das wir haben, mitunter sehr stark schwankend zwischen Schwachlastbetrieb und Spitzen. Der Wahnsinn, der sich am Black Friday abspielt, ist manuell nicht mehr abdeckbar.
Packen wir doch schon einmal unsere Glaskugel aus und überlegen, wo die Reise noch hingeht?
Ich glaube, die Reise wird dahin gehen, dass es auch in Bereichen, in denen heute nicht automatisiert wird, Automatiklösungen geben wird, und die Künstliche Intelligenz spielt dabei eine ganz große Rolle - also KI in vielen Bereichen, auch für Dinge, die man so vielleicht noch gar nicht auf dem Radar hat. Das werden die wesentlichen Entwicklungen sein.
Wie stellt sich Knapp darauf ein?
Für uns sind es immer die Gesamt-Systemthematiken und dass wir Partner unserer Kunden werden und auch bleiben. Wir kümmern uns also auch um die Retrofits nach zwanzig Jahren, wir kümmern uns um die Erweiterungen im Brownfield, wir kümmern uns um IT-Security. All das, was den Kunden bewegt, kann er natürlich von verschiedenen Lieferanten kaufen. Oder er nimmt unser Paket und lebt sorgenfrei. Das wollen wir mit unseren Kunden erreichen. Das bedingt, dass sie tief bei uns reinschauen können und uns absolut vertrauen müssen. Und diese Kunden haben wir, die seit 20, 25 Jahren mit uns arbeiten. Es geht nicht nur darum, jeden Tag einen neuen Kunden zu gewinnen, sondern die Kunden vorbildlich zu bedienen, die man hat, und mit denen zu expandieren.
Sie sprachen von KI. Man könnte denken, das gibt es erst seit drei Jahren, aber es sind schon 30, 40 Jahre.
Da hieß es Algorithmus …
… und trotzdem haben viele trotzdem Angst vor der KI. Muss man aber nicht, oder?
Nein. Aus meiner Sicht ist es nach wie vor so, dass KI die Kreativität und andere Dinge nicht ersetzen kann. Wir sehen KI als wesentliche Ergänzung in vielen Bereichen, beispielsweise in der Robotik. In der Fertigung ist es relativ einfach. Man hat beispielsweise vier Produkte und stellt den Roboter einmal darauf ein. In der Automobilindustrie ist das ähnlich - der Roboter macht immer die gleiche Schweißnaht, und die macht er 70 Millionen Mal, in hervorragender Qualität. Wir allerdings haben bei einem Roboter zehn, zwanzig, hunderttausend verschiedene Artikel. Die sind entweder in Plastik eingeschweißt, im Karton, oder es sind offene Produkte mit allen Formen und Oberflächen. Dennoch soll der Roboter gleich gut funktionieren. Daher braucht es eine KI, die ständig permanent mitlernt und auch den Roboter-Kollegen sagt: „ich habe es geschafft, den Teddybären beim Etikett zu erwischen“ und von da an suchen alle das Etikett und kommissionieren den Teddybären.
Im Endeffekt hängt es immer an Daten und die Interpretation derselben.
Was wichtig sein wird, ist, gemeinsam mit unseren Kunden und deren Daten das Bestmögliche herauszuholen, wenn es um den optimalen Einsatzpunkt von Anlagen und Systemen geht.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel: Wann starte ich idealerweise welche Aufträge? Welches Personal mit welchen Skills halte ich vor? Kann ich noch etwas optimieren im Bereich des Füllgrades oder der Transportwege? Das werden wir mit KI beantworten, und wir gehen den Weg, dass wir nicht nur KI-Anwender sein wollen, sondern auch KI-Entwickler. Darum haben wir die KI-Software von Covariant gekauft, um diese eigenständig weiterzuentwickeln. Wir wollen unser eigenes KI-Brain im Haus haben, um Netzwerke eigenständig bauen und besser trainieren zu können, weil wir auch die Breite sehen. Die Breite ist so, wie man es heute schon im Büroalltag hat: Für gewisse Dinge ist KI hervorragend geeignet, natürlich nur dann, wenn man die richtigen Daten hat. Und für viele ist es einfach ein Thema, um Marketing zu machen. Das ist nicht unser Anspruch. Wir gehen davon aus, dass wir mit KI und ohne KI die besten Systemlösungen bauen können, die es am Markt gibt.
Da sind wir ja fast beim Thema Innovationen. Mit „AeroBot“ haben Sie ja auf der Logimat den Preis „Bestes Produkt“ gewonnen. Was ist das Spezielle an dieser Lösung?
Die Lösung „AeroBot“ ist die Erweiterung unseres Lagertechniksortiments. Wir kommen ja aus dem Highend-Bereich mit absoluten Spitzenleistungen. Mittlerweile bauen wir bis zu 30 Meter hoch, wir bauen für Tiefkühlanwendungen, wir bauen mit superschnellen Liften, um noch mehr Leistung und eine perfekte Sequenzierung hinzubekommen. So bringen wir jedes Jahr Neuerungen, die in diesem Produktportfolio für die Bestandskunden verfügbar werden. Hinzu kommt der Bereich Brownfield, dort, wo absolute Lagerdichte gefragt ist, beziehungsweise wo man auf eine einfache Technologie setzen kann. Das heißt, der „AeroBot“ ist die Weiterentwicklung. Wir haben das 1D- und 2D-Evo Shuttle, und wir haben den „AeroBot“. Das ist ein 3D-System, wo ein Bot sowohl den Transport am Boden, das Klettern im Regal, das Ein- und Auslagern, aber auch das Bedienen von Arbeitsplätzen übernimmt, und zwar mit einer unglaublichen Flexibilität. Die Anforderungen an das Gebäude sind dabei sehr niedrig.
Was ist der Effekt?
Wir erwarten eine starke Verbreitung, vor allem auch in einem Segment, das heute noch nicht automatisiert ist, in Richtung Brownfield. Überall, wo maximale Lagerdichte gefragt ist, platzieren wir dieses Produkt, dort, wo es generell kein entsprechendes Produkt gibt. Wir bauen es in die Systemlösung ein, aber es wird auch als Stand-Alone-Produkt verfügbar sein.
Klingt spannend: Automatisieren von Sachen, die noch nicht automatisierbar sind. Was ist da noch am Horizont?
Es gibt viele solche Dinge. Im Bereich Lagertechnik werden wir nächstes Jahr sicherlich noch nachlegen. Das ist schon im Test und in Vorbereitung. Das „AeroBot“ ist im Ausrollen. Wir glauben an das Verbinden von Daten und das Optimieren der Bestandssysteme gemeinsam mit unseren Kunden. Was mit Sicherheit nachkommt, sind sehr viele KI-Entwicklungen mit dem eigenen KI-Brain im Bereich Robotik und Vollautomatik. Da wird sich in den nächsten zwei, drei Jahren noch einiges tun.
Blicken wir noch ein paar Jahre weiter und fragen, wie die Zukunft in, sagen wir, fünf Jahren aussieht?
Wir als Knapp sind auf organisches Wachstum eingestellt, unter Umständen mit kleineren Akquisitionen. Wir haben uns ein so breites Portfolio an Systemlösungen aufgebaut, dass wir, sollten die Weltwirtschaft und die Rahmenbedingungen auch nur einigermaßen stabil bleiben, von einem Wachstum ausgehen.
Herr Hofer, herzlichen Dank für das Gespräch!
Jan Kaulfuhs-Berger
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