„Logistik braucht man überall“

Reiner Calmund über Digitalisierung im Lager, Fußball und in der Gastronomie

Reiner Calmund, langjähriger Geschäftsführer bei Bayer Leverkusen und auch durch diverse Fernsehkochshows ausgewiesener Feinschmecker, hat seine berufliche Laufbahn in der Logistik begonnen. Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, hat Calli in seinem Urlaubsresort im thailändischen Hua Hin getroffen.

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Interview: Herr Kaulfuhs-Berger Bild: HUSS-MEDIEN GmbH / TL
Interview: Herr Kaulfuhs-Berger Bild: HUSS-MEDIEN GmbH / TL

Jan Kaulfuhs-Berger: Calli verbindet man seit einer gefühlten Ewigkeit in erster Linie mit Fußball, aber auch mit gutem Essen. Was aber hat Reiner Calmund mit Logistik zu tun.

Reiner Calmund: Sehr viel. Und was in der Tat nicht so in der Öffentlichkeit steht: Reiner Calmund ist mit IBM und Hollerith groß geworden. Herman Hollerith hatte ja Ende des 19. Jahrhunderts das Lochkartenverfahren erfunden und damit seinerzeit die Grundlage für die moderne Datenverarbeitung gelegt. Ja, auch dieses Thema hat mich zu Beginn meiner Berufszeit bei IBM beschäftigt. Das ist schon gute 50 Jahre her, prägt mich aber bis heute noch.

Wie muss man sich den jungen Logistiker Calli vorstellen.

Nun, zunächst erst einmal noch etwas schlanker, als er heute wieder ist (lacht). Aber im Ernst. Ich habe in jungen Jahren dort fleißig im Lager und der Distribution mitarbeiten müssen: Was kostet der Artikel? In welchem Gang und wo genau steht er? Muss der Artikel kommissioniert werden? Wie gelangt er zur Auslieferung. Wie effizient sind die ganzen Prozesse …?

Im Grunde das Gleiche wie heutzutage.

Ja, auch wenn damals die Technik noch eine ganz andere war. Die Problemstellungen waren de facto die gleichen und sind gewissermaßen Grundlage für die logistischen Abläufe heute.

Reiner Calmund – nicht nur positiv fußballbekloppt, sondern auch logistikbegeistert?

Eigentlich wollte ich Elektriker werden. Ich bin ja in der Nähe von Kohlebaggern, 300 Meter lang, groß geworden. Die Ausbildung sollte für mich eine Grundlage sein. Ich wollte ja unbedingt Chef werden, so ein richtiger Ingenieur. Aber ich bin durchgefallen, nicht wegen schlechter Leistungen, sondern weil ich farbenblind bin. Sehen Sie, schon damals gab es – für diese Zeit – moderne Technik mit Schaltkästen und bunten Fernkabeln. Das ging dann nicht.

Wie ging es weiter?

Ich wurde gewissermaßen zu meinem Glück gezwungen und habe eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht. Da war ich dann mittendrin im Thema Lebensmittel- und Frischelogistik. Hier ging es auch wieder um die heute noch aktuellen Themen rund um die sachgerechte Lagerung und fehlerfreie Auslieferung, aber auch um Kreditoren und Debitoren – also all die Sachen, die heute immer noch ein große Rolle spielen. Später habe ich Betriebswirtschaft studiert und mich mit der modernen Technik Schritt für Schritt weiterentwickelt.

Wie haben sich Callis logistische Erfahrungen im Fußballgeschäft ausgezahlt?

Logistik braucht man überall. Das ist auch im Fußball nicht anders. Nehmen wir ein Beispiel: Das erste moderne Scoutingsystem hing damit direkt zusammen. Norbert Ziegler (ehemaliger Fußballspieler und von 1989 bis 2012 als Scout bei Bayer 04 Leverkusen, Anm. d. Red.) kam von seinem Job her aus der EDV und war nach seiner aktiven Laufbahn in der Datenverarbeitung im Verein tätig. Er hat, wenn ich das so sagen darf, das Scoutingsystem digitalisiert – damals schon.

Kann man das bitte noch ein wenig konkretisieren?

Gern, und um bei diesem Beispiel zu bleiben: Was im Spiel passiert, ist der gesamte Warenbestand. Jetzt geht es darum, die Ware – also beispielsweise den Spieler und dessen wichtigste Spielszenen – nicht nur zu identifizieren, sondern auch so zu lokalisieren und, wenn Sie so wollen, auszuliefern, dass der Empfänger genau das bekommt, was er soll. Und das Ganze digital.

Also im Grunde sprechen wir von einem Warehouse-Management-System.

Ja, vielleicht kann man das so übersetzen. Ich nenne es den digitalen Trainer, der alles feststellt – im Training als auch im Spiel. Und dann die entsprechenden Sentenzen selektiert. Da werden beispielsweise Dinge schon während des Spiels korrigiert, Ausschnitte in der Kabine gezeigt. Da bekommt der Spieler vorab die wichtigsten Informationen. Nicht nur gegen wen er spielt, sondern auch welche Stärken und Schwächen dieser hat. Das zu individualisieren ist heutzutage extrem wichtig. Wenn man das Ganze in einem gemeinsamen Meeting analysieren würde, würde das zu viel werden. Jegliche Individualisierung ginge verloren. Und die Grundlage dafür ist die moderne Datenverarbeitung – heute sagen wir dazu Digitalisierung.

Was im Fußball funktioniert, klappt auch in der Gastronomie, nehmen wir an?

Ja, sicher. In der Küche ist es wie im Fußball. Auf der einen Seite müssen die besten Spieler zur richtigen Zeit am richtigen Platz sein. Auf der anderen Seite – in der Küche – die besten Produkte in der entsprechenden Menge zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das alles bedarf einer ausgeklügelten Logistik und ist, wie bei allen logistischen Prozessen, alles andere als trivial.

Letzte Frage: Die Pandemie hat ja in nahezu allen Bereichen ihre Spuren hinterlassen. Sicherlich kann man auch remote scouten, genauso wie man remote Produkte anbieten kann. Live dabei zu sein, egal ob beim Fußball in Leverkusen oder bei Messen wie der Logimat in Stuttgart, ist dann doch etwas anderes.

Vollkommen richtig! Man kann heutzutage sicher vieles online organisieren und auch veranstalten. Aber ein Fußballspiel in Leverkusen ohne Zuschauer ist, um in dem Bild zu bleiben, wie das Messegelände Stuttgart ohne Logimat. Insofern: Viel Erfolg mit dieser wichtigen Messe!

Calli, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Jan Kaulfuhs-Berger

Chefredakteur, Zeitschrift Technische Logistik - Hebezeuge Fördermittel
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· Artikel im Heft ·

„Logistik braucht man überall“
Seite 6 bis 7
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