Das volle Potenzial ausschöpfen
Der Siegeszug des E-Commerce bietet Handelsunternehmen neue Chancen, erhöht aber auch den logistischen Druck enorm. Hohe Nachfragedynamik, schwankende Bestellvolumina, saisonale Peaks und steigende Kundenerwartungen an Liefergeschwindigkeit sorgen dafür, dass Logistikprozesse heute flexibler und leistungsfähiger denn je sein müssen. Viele Unternehmen sehen sich dadurch mit einer wachsenden „Logistiklücke“ konfrontiert: Die operativen Anforderungen steigen schneller, als bestehende Strukturen mithalten können. An dieser Stelle bedarf es einer stabileren und professionelleren logistischen Steuerung. Eine geeignete Lösung bietet ein Warehouse-Management-System (WMS). Allerdings sind klassische individuell entwickelte und On Premise betriebene WMS-Projekte in der Umsetzung zeitintensiv, kostspielig und technisch aufwendig. Für viele Projekte bietet ein anderer Ansatz eine wirtschaftlich attraktivere Lösung: ein standardisiertes, cloudbasiertes WMS.
Standardsoftware statt Individualsoftware im Handel
Ein individualisiertes WMS lohnt sich vor allem dann, wenn logistische Abläufe so anspruchsvoll oder spezifisch sind, dass nur eine maßgeschneiderte Lösung deren volle Effizienzpotenziale ausschöpfen kann. Der operative Logistikalltag in vielen Handels- und E-Commerce-Unternehmen folgt dagegen weitgehend vergleichbaren Strukturen, die sich problemlos in einem standardisierten System abbilden lassen. Dazu gehören typische Handels-Prozessmuster wie standardisierte Abläufe im Wareneingang, Nachschubmanagement und Warenausgang sowie wiederkehrende Logikbausteine wie Schmalgangprozesse oder Mischbehälterstrategien, die bei vielen Unternehmen nahezu identisch ausgeprägt sind. Der Aufwand für eine maßgeschneiderte Lösung stünde damit in keinem sinnvollen Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen. So rückt zwangsläufig der Standard in den Mittelpunkt, der sich durch verschiedene Vorteile auszeichnet. Bewährte, vorkonfigurierte Prozesse erfordern keine umfangreiche Entwicklungsarbeit, sondern sind direkt einsatzbereit. Gleichzeitig sinkt die Komplexität erheblich: Weniger Individualcode bedeutet weniger Abstimmung, weniger Fehleranfälligkeit und weniger Aufwand im laufenden Betrieb. Durch die klare Struktur eines Standards werden zudem Projektlaufzeiten verkürzt und Kosten deutlich reduziert – sowohl in der Einführung als auch im späteren Betrieb.
SaaS als Treiber im Warehouse Management
Als SaaS-Lösung entwickelt ein standardisiertes WMS eine transformative Wirkung, weil es Händler vollständig von Infrastruktur und Betriebsaufgaben befreit. Da keine eigene IT-Infrastruktur benötigt wird, entfallen Investitionen in Server, Hardware und interne Systemadministration komplett. Updates, Sicherheitsmaßnahmen und der laufende Betrieb werden vom Anbieter übernommen, sodass neue Funktionen automatisch bereitstehen, ohne dass ein eigenes IT-Team eingreifen muss. Gleichzeitig sorgt das Cloud-Modell für eine hohe Flexibilität: Das System ist ortsunabhängig verfügbar und kann problemlos skalieren – ideal für Unternehmen, die mit saisonalen Schwankungen oder wechselnden Anforderungen konfrontiert sind.
„PSIwms Go Retail“ als Beispiel für standardisiertes WMS
Wie ein standardisiertes Warehouse-Management-System in der Praxis aussehen kann, zeigt sich exemplarisch an „PSIwms Go Retail“. Die Lösung basiert auf der Standardedition des „PSIwms“ und bringt damit einen klar definierten Funktionsumfang mit, der speziell auf die Anforderungen von Handel- und E-Commerce-Umgebungen zugeschnitten ist. Im Mittelpunkt stehen 26 vorkonfigurierte Best-Practice-Prozesse, die typische operative Abläufe im Handel bereits ab Werk abbilden. Dadurch entfällt ein Großteil der sonst üblichen Konzeptions- und Anpassungsphasen, was die Einführung deutlich beschleunigt und den Projektumfang kalkulierbar macht.
„PSIwms Go Retail“ verfolgt einen pragmatischen Ansatz: Statt jedes Detail individuell zu modellieren, setzt die Lösung auf bewährte Abläufe, die viele Händler in ähnlicher Form täglich nutzen. Dazu gehören Funktionen für Wareneingang, Einlagerung, Kommissionierung, Versand und Retouren – jeweils so gestaltet, dass sie ohne langwierige Konfiguration direkt produktiv eingesetzt werden können. Gleichzeitig bleibt die Lösung nicht auf dieses Funktionspaket beschränkt. Unternehmen, die in Zukunft komplexere Abläufe oder erweiterte Automatisierung abbilden müssen, können jederzeit ein Upgrade auf die Editionen „PSIwms Flex“ oder „PSIwms Pro“ vornehmen, um Zugang zu zusätzlichen Modulen oder kundenspezifischer Konfiguration zu erhalten.
Bereits im Standard inbegriffen ist das mit dem Best Product Award der Logimat 2025 prämiert KI-Modul „Batch AI“, das zusätzliche Effizienzpotenziale erschließt. Die Technologie generiert optimale Kommissionierbatches unter Berücksichtigung von Laufwegen, Auftragsvolumina und Prioritäten. Dies resultiert in einer intelligenten Organisation der Aufträge, kürzeren Wegen und einem insgesamt flüssigeren Materialfluss, was eine signifikante Verbesserung gegenüber rein regelbasierten Verfahren darstellt.
Praxisbeispiel: RMD Logistics setzt auf Standardisierung
Welchen Unterschied ein standardisierter WMS-Ansatz in der Praxis machen kann, verdeutlicht das Referenzprojekt RMD Logistics. Der Kontraktdienstleister betreibt mehrere Standorte mit insgesamt rund 100.000 Quadratmetern Logistikfläche und stand vor der Herausforderung, eine Vielzahl individueller Altanwendungen zu ersetzen, die kaum skalierbar waren und sich nur schwer auf neue Mandanten übertragen ließen. Durch die Einführung der „PSIwms Editionen Go“, „Flex“ und „Pro“ konnte RMD seine Systemlandschaft grundlegend vereinheitlichen und zugleich flexibel an unterschiedliche Kundensegmente anpassen. Besonders „PSIwms Go Retail“ erwies sich als strategischer Vorteil: Damit entstand eine eigenständige Fulfillmate-Abteilung, die Start-ups und kleinere Händler nach einem klar standardisierten Konzept betreut und neue Kunden innerhalb von nur zwei Tagen onboarden kann. Die Kombination aus standardisierten Prozessen, Cloud-Bereitstellung und klaren Erweiterungspfaden führte zu einer deutlich höheren Skalierbarkeit und wurde vom Fraunhofer IML als Best Practice Projekt ausgezeichnet
Fazit
Standardisierte SaaS-WMS bieten Handel und E-Commerce eine wirtschaftliche und schnell einsetzbare Alternative zu klassischen, individuell entwickelten Systemen. Sie reduzieren Komplexität, beschleunigen Projekte und stellen bewährte Prozesse sofort bereit.
Für das Retail-Fulfillment der Zukunft sind solche Lösungen zentral. Sie ermöglichen es Händlern, flexibel zu skalieren, moderne Technologien zu nutzen und dynamische Anforderungen zuverlässig zu bewältigen. Als technologische Grundlage schaffen SaaS-basierte Standards zudem die Basis für eine kanalübergreifende Steuerung der Warenströme sowie für eine nahtlose Integration verschiedener Vertriebskanäle. (ck)
Eine Information von der PSI Software SE
Firmenprofil siehe Seite 66


Bild: PSI Software SE
5 Fragen an Andreas Schellmann, Director Product Management bei der PSI Software SE Business Unit Logistics, steht „Technische Logistik“ kurz Rede und Antwort.
Wo sehen Sie aktuell den größten „Hype“ – und was wird in der Praxis oft überschätzt?
Das größte Hype-Thema im Bereich WMS ist ganz klar Künstliche Intelligenz. In der Praxis wird dabei mitunter überschätzt, welche Optimierungen KI auf der grünen Wiese bieten kann. Aus unserer Sicht ist es entscheidend, dass KI-Lösungen reale operative Herausforderungen adressieren. Es geht weniger um Visionen, sondern um konkrete Verbesserungen in Effizienz, Transparenz und Entscheidungsqualität. Dafür muss die KI mit den realen Daten des Anwenders arbeiten, was natürlich eine gewisse Datenqualität voraussetzt. Ein weiteres großes Trendthema ist der zunehmende Shift vom klassischen On-Premise-WMS zur cloudbasierten SaaS-Lösung. Dadurch werden Warehouse-Management-Systeme für immer mehr Unternehmen interessant.
Welche Maßnahme bringt aus Ihrer Sicht den schnellsten messbaren Effekt in der Intralogistik?
Der schnellste messbare Effekt kommt aus meiner Sicht meist nicht aus einer technologischen Perspektive, sondern aus Transparenz und konsequenter Prozesssteuerung. Entscheidend sind dabei eine saubere Bestandsführung in Echtzeit, klare Regeln für Prioritäten und ein eng geführtes Monitoring der Kern-KPIs wie Durchsatz, Pickleistung, Wegezeiten und Fehlerquote. Darauf aufbauend lassen sich Stellhebel wie Lagerplatzvergabe, Batch-Strategien oder dynamische Auftragsfreigabe schnell simulieren und nachschärfen. Wichtig ist, die Maßnahmen in kurzen Zyklen zu messen und operativ zu verankern. Dann sind Effekte oft innerhalb kürzester Zeit sichtbar, je nach Ausgangslage und Datenqualität.
Wo stoßen selbst moderne Systeme heute noch an ihre Grenzen?
Zeitgemäße WMS stoßen weniger an Software-Grenzen als an Rahmenbedingungen im Betrieb. Es braucht klare Prozesse, verlässliche Rückmeldungen aus dem Shopfloor und saubere Schnittstellen sowie geeignete Sensorik. Das Datenfundament muss passen, damit das WMS den wachsenden Anforderungen in der Intralogistik gerecht werden kann. Stark schwankende Volumina, kurzfristige Prioritätswechsel und komplexe Prozessvarianten gehören ebenso dazu wie die Orchestrierung zunehmend heterogener Automatisierungstechnik. Wenn es keine stabile Grundlage gibt, agiert das WMS angesichts dieser Herausforderungen überwiegend reaktiv zur Stabilisierung des Betriebs – statt proaktiv zur Optimierung.
Wo bringt KI heute schon echten Mehrwert – und wo noch nicht?
KI bringt heute dort messbaren Mehrwert, wo viele Entscheidungen notwendig werden, und gute Daten vorliegen: etwa bei Prognosen für Volumen und Personalbedarf, bei der Lagerplatzvergabe und Nachschuboptimierung, bei der Priorisierung von Aufträgen oder beim Erkennen von Mustern in Störungen und Fehlbuchungen. Gerade in der Kommissionierung mit getrennten Lagerzonen (bspw. Kühl-, Kleinteile- oder Schnelldreher-Bereich), wechselnden Ressourcen und unterschiedlichen Auftragsprofilen liefern Simulationen und datenbasierte Empfehlungen schnell nutzbare Ansatzpunkte für Verbesserungen, ohne Prozesse neu gestalten zu müssen. Wir sehen Künstliche Intelligenz als auswahlunterstützende Technologie: Sie liefert die richtigen Entscheidungsgrundlagen – die finale Wahl trifft aber bewusst weiterhin der Anwender.
Welche technologische Entwicklung wird überschätzt, welche unterschätzt?
Überschätzt wird aus unserer Sicht oft der Glaube an die eine Schlüsseltechnologie. Wer denkt, einzelne Robotik- oder KI-Komponenten würden ein Lager automatisch auf ein neues Leistungsniveau heben, kann nur enttäuscht werden, wenn Datenqualität, Prozessdisziplin, Integration und Change Management nicht passen. Entscheidend ist die Fähigkeit, Menschen, Fördertechnik, AMR/AGV und IT-Systeme in Echtzeit zu orchestrieren und Rückmeldungen durchgängig zu verarbeiten. Nur so lassen sich Verbesserungen schnell und wirksam in den operativen Betrieb überführen.
Redaktion (allg.)
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