„Innovation ist eine Gratwanderung!“

„Innovation ist eine Gratwanderung!“

Franz Mathi über Technologien, Flexibilität, Prozesse – und die Rolle des Menschen

Man kann es nicht anders beschreiben, die Gegend ist idyllisch. Dann ist es umso schwieriger, ein Industrieunternehmen optisch hier harmonisch einzugliedern. Um es vorweg zu nehmen: Es ist gelungen. Und so, wie das Äußere eines Gebäudes etwas Gewisses ausstrahlt, müsse dies auch ein Unternehmen in seiner Gänze tun, meint Franz Mathi, COO bei der Knapp AG in Graz, im Gespräch mit „Technische Logistik“.

1. „Ich persönlich halte wenig von einer quartalsmäßigen Beurteilung des Geschäfts, so wie das an den Aktienmärkten gelegentlich gefordert wird.“ - Franz Mathi, COO Knapp AG (Quelle: Knapp)
2.  „Uns zeichnet aus, dass wir über eine starke Integrationsplattform verfügen.“ - Franz Mathi, COO Knapp AG (Quelle: Knapp)
3.  „Es geht uns nicht darum, mit Schlagworten zu agieren. Knapp ist ein ganz starker Verfechter zu hinterfragen, welche Technologie passt für welche Anforderung am besten.“ - Franz Mathi, COO Knapp AG (Quelle: Knapp)
4. „ Kein Unternehmer kann es sich heutzutage leisten, ein Unternehmen zu führen, bei dem die Kultur nicht passt.“ - Franz Mathi, COO Knapp AG (Quelle: Knapp)

Jan Kaulfuhs-Berger: Eine Aktiengesellschaft, die sich aber im Familienbesitz befindet – gerade in der heutigen Zeit eher Segen als Fluch, oder?

Franz Mathi: Ganz klare Antwort: Segen ja, Fluch nein!

Weshalb?

Wir sind sehr glücklich, dass wir in privater Hand sind, weil alle Aktivitäten, die uns wichtig sind, langfristig angelegt sind. Das Verhältnis zu unseren Eigentümern ist hervorragend und gemeinsam mit ihnen verfolgen wir eine langfristige Strategie.

Jüngst gab es aber bezüglich der Eigentümer Veränderungen.

Historisch betrachtet war Knapp hauptsächlich im Besitz einer Eigentümerfamilie, die den erfolgreichen Weg des Unternehmens mitbeschritten haben. Jüngst, ja, das war im vergangenen Jahr, ist eine weitere Familie bei Knapp eingestiegen, ...

... weil ...

... es Anteilsverkäufe des japanischen Unternehmens Daifuku gab und ein steierischer Unternehmer die Chance ergriffen hat, bei Knapp Partner zu werden. Und gemeinsam können wir Dinge bewegen, die man eben nur mit einer Langfrist-Strategie erreichen kann.

Darauf kommen wir später noch einmal zurück, wollen aber dennoch noch einmal nachfragen: Als Aktiengesellschaft sind natürlich auch Quartalszahlen für Sie ein Thema.

Ich persönlich halte wenig von einer quartalsmäßigen Beurteilung des Geschäfts, so wie das an den Aktienmärkten gelegentlich gefordert wird. Wenn man langfristig Erfolg haben möchte, dann braucht man einen Beobachtungszeitraum von, sagen wir, drei bis fünf Jahren. Quartalsmäßige Betrachtungen sind da kontraproduktiv.

Blicken wir einmal auf die Märkte und dabei zunächst auf den Weltmarkt. Wo steht Knapp?

Global betrachtet konnten wir in den vergangenen zwei, drei Jahren ein starkes Wachstum verzeichnen.

Was in der Hauptsache am Kernmarkt Europa liegt?

Europa war, was den genannten Zeitraum betrifft, sehr stabil – und das auf hohem Niveau. Das Wachstum, von dem ich spreche, kommt vorwiegend aus Nordamerika, speziell aus den USA.

Nicht Asien?

Asien ist, was unsere Lösungen anbetrifft, nicht unser Fokus.

Weshalb?

Unsere Lösungen sind auf hochdynamische Prozesse ausgerichtet. Diese findet man derzeit eher in Europa und Nordamerika, weniger in Asien. Natürlich haben wir auch Projekte in Asien, zum Beispiel in Südkorea oder Thailand, bei denen wir mit unserer Technologie, mit unseren Lösungsansätzen sehr gut punkten können.

Können Sie das bitte noch ein wenig erläutern?

Gern. Wenn es darum geht, auf engstem Raum zu lagern, also eine hohe Lagerdichte zu erreichen, dann gibt es bestimmte Rahmenbedingungen, die dafür notwendig sind. Dazu gehört zum Beispiel geringer Platz, gekoppelt mit der Verknappung der Ressource Mensch. Und diese Parameter findet man beispielsweise in China oder Indien nur bedingt.

Dann schauen wir auf die Märkte, in denen Knapp sehr aktiv ist. Wie ist die Stellung des Unternehmens dort?

Wir sehen, dass Knapp in den vergangenen Jahren sehr stark zugelegt hat, ein attraktiver Anbieter ist. Was sicher auch daran liegt, dass wir in – insgesamt sechs – verschiedenen Branchen unterwegs sind. Aus diesen abgeleitet bedienen wir die entsprechenden Regionen, mit den Lösungen, die den Anforderungen des jeweiligen Marktes entsprechen.

Das machen Sie aber nicht komplett allein, sondern stützen sich auch auf Kooperationen mit anderen Unternehmen?

Nun gut, zunächst sehen wir uns als Komplett-anbieter. Uns zeichnet aus, dass wir über eine starke Integrationsplattform verfügen.

Das ist die Software, die sie anbieten?

Ja, da gibt es unterschiedliche Pakete, die wir für die unterschiedlichen Branchen entsprechend zugeschnitten haben. Und da wir auch über das entsprechende Equipment, die entsprechende Hardware verfügen, ...

... entfällt im Grunde das Schnittstellenproblem.

Ja, und das hält den Integrationsaufwand unsererseits gering, macht damit die Implementierungsaktivitäten überschaubar und hält schlussendlich die Kosten für den Kunden im Rahmen. Aber, um auf Ihre Frage nach den Kooperationen zurückzukommen, ...

... wir wollten gerade nachhaken ...

... die gibt es natürlich. Wir wollen nicht alles selbst machen. Für bestimmte Technologien benötigen wir unsere Partner, um unser Portfolio zu komplettieren. Wesentliche Technologien sichern wir uns natürlich. So haben uns erst vor wenigen Jahren mit der Dürkopp Fördertechnik und der Apostore technologisch massiv erweitert – um nur zwei Beispiele zu nennen..

Themenwechsel: Wenn man auf Ihre Website schaut, findet man immer wieder die Symbiose: Innovation – Basis des Erfolges.

Blickt man in unsere Historie, sieht man, dass Knapp ein sehr ingenieurgetriebenes oder wie man jetzt sagen würde technologiegetriebenes Unternehmen war – und auch heute noch ist. Unser Firmengründer, beispielsweise, war ein findiger Mann, der viele Aufgabenstellungen, die an ihn herangetragen worden sind, perfekt gelöst hat. Das ist die Denke, die wir bis heute haben und die Knapp auch als Innovator in der Branche bekannt gemacht hat.

Innovationen sind aber nur dann erfolgreich, wenn man sie am Ende des Tages auch verkaufen kann.

Ja, sicher. Eine Innovation ist stets eine Gratwanderung. Sie ist immer dann erfolgreich, wenn der Kunde den Mehrwert für sich erkennt. Und das, glauben Sie mir, ist Blut, Schweiß und Tränen.

Sie sprachen eben die Historie von Knapp an. Welche Meilensteine fallen Ihnen in diesem Zusammenhang ein?

Blicken wir bitte einmal zurück zu den Anfängen, dann fällt mir sofort der Schachtkommissionier-Automat ein, den wir in den 60er Jahren des, ja man muss schon sagen, vorherigen Jahrhunderts entwickelt haben. Das war quasi die erste Automatisierung von Knapp – und wenn Sie so wollen schon eine Art Roboter. Bei Roboter denkt man immer gleich an einen nachgebauten Menschen ...

... worum es aber gar nicht ging.

Richtig, sondern es ging damals schon darum, schwierige Prozesse zu automatisieren, Fehlerquoten zu reduzieren – und damit letztendlich die Qualität und die Leistung zu steigern. Der nächste Meilenstein war die Industrialisierung der Software. Hier war Knapp weltweit zweifellos federführend. Das Ganze hat irgendwann in den 1980er Jahren begonnen und war am Ende des Tages auch die Weiterentwicklung der Robotertechnologie.

Ein weiterer Meilenstein war sicherlich die Entwicklung der Shuttle-Technologie.

Ja, sicher. Auch hier ist Knapp führend. Wir haben bereits vor über 20 Jahren damit begonnen. Heute finden Sie kaum noch ein Unternehmen in unserer Branche, das nicht auch Shuttle-Technologie anbietet. Der Unterschied zu uns ist nach wie vor der, dass wir über eine Integrationsplattform verfügen, die besonders dynamisch designed ist.

Können Sie uns bitte den Status quo im Bereich Shuttle etwas näherbringen?

Ich würde zunächst gern die Anwendungsfälle dahinter erörtern.

Gern.

Es gibt einen ganz wesentlichen Grund, warum wir die Shuttle-Technologie entwickelt haben. Wir haben gesehen, dass wir mit der herkömmlichen, damals zur Verfügung stehenden Technologie an Leistungsgrenzen gestoßen sind, weil oftmals die Anwendungen dahinter komplett andere waren. Wir müssen überlegen: Wie verteilen sich diese Anwendungen? Wo macht es Sinn, ein Regalbediengerät einzusetzen, wo ein Shuttle-System?

Das dürfen Sie gern noch ein wenig erläutern.

Es gibt ja nach wie vor noch einen sehr großen Markt für Automatische Kleinteilelager, wo Regalbediengeräte eingesetzt werden. Dort geht es im Wesentlichen darum zu lagern.

Es geht nicht darum, Prozessschritte zu verbinden. Und hierfür ist das die beste Technologie.

Überall dort, wo man aber Prozesse verbinden muss, ist der Einsatz dieser Technologie ungeeignet. Hier kommt die Shuttle-Technologie zum Einsatz.

Es geht an dieser Stelle dann auch um Flexibilität?

Richtig. Wir, aber auch alle anderen, versuchen natürlich, die Leistungsgrenzen nach oben zu verschieben und die Anwendungsfälle so zu gestalten, dass diese skalierbar werden. Das heißt, Grenzen auflösen und damit zu einer höheren Flexibilität zu kommen.

Womit wir sukzessive zum Open Shuttle kommen.

Ja, im Unterschied zum Shuttle im Regal hält sich das Open Shuttle an keine vorgegebenen Fahrwege. Es kann auf einer Fläche frei navigieren, im Schwarm agieren.

Klingt ein wenig nach Fahrerlosem Transportsystem, bald schon nach Robotik. Gibt es in diesem Bereich eigentlich scharfe Grenzen?

Nein, das ist natürlich nicht scharf abzugrenzen. Im Grunde geht es bei allem darum, die starren Grenzen, die man beim Einsatz von Stetigförderern hat, aufzulösen.

Das Ende der Stetigförderer?

Sicher nicht. Der Stetigförderer hat einen ganz wesentlichen Vorteil. Damit bekommt man extrem hohe Durchsätze auf kleinstem Raum gelöst, deterministisch gelöst. Der Nachteil der Stetigförderer ist ja der permanent verbaute Platz. Und hier kommen dann genau solche Vehikel zum Einsatz ...

... also FTS oder Open Shuttle?

Ja, egal wie die Bezeichnung ist, es handelt sich hierbei stets um die gleiche Basistechnologie. Man kann Transporteinheiten, also Paletten, Behälter, Kartons oder was auch immer, unabhängig von vorgefertigten Wegen dorthin transportieren, wo diese benötigt werden. Aber dennoch müssen wir uns mit gewissen Blockierungswahrscheinlichkeiten auseinandersetzen.

Blockierungswahrscheinlichkeiten?

Zum Beispiel, wenn man versucht – gerade im schweren Bereich – Paletten mit einer Zu-ladung von mehr als 1.000 Kilogramm per Steigförderer als Verbindung zwischen einem dynamischen Block und einer Arbeitsstation zu verbinden, dann führen diese Blockierungswahrscheinlichkeiten dazu, dass letztlich Materialflüsse versiegen können. Auch wenn solche Blockaden eher unwahrscheinlich sind, müssen sie dann mit einem großen Aufwand manipuliert werden. Mit freifahrenden Systemen hingegen bringt man die Blockierungswahrscheinlichkeit auf Null, weil man dann sofort auf ein anderes Fahrzeug ausweichen kann.

Ein klares Plädoyer für freifahrende Fahrzeuge.

Um es ganz klar auszudrücken: Es geht uns nicht darum, mit Schlagworten zu agieren. Knapp ist ein ganz starker Verfechter zu hinterfragen, welche Technologie passt für welche Anforderung am besten.

Blicken wir einmal in die Zukunft. Wohin geht, Ihrer Meinung nach, der Weg?

Wir sehen aus vielen Gesprächen mit unseren Kunden, dass auch die Flexibilisierung – das klang ja jetzt mehrfach an – kein Schlagwort ist, sondern eine Notwendigkeit. Es geht zunehmend darum, skalierbare Systeme zu realisieren, so dass diese mit geringem Aufwand von einem sehr niedrigen Automatisierungsgrad zu einem höheren entwickelt werden können. Automatisieren ist ja am Ende des Tages nichts anderes, als Prozesse in der Abfolge so zu gestalten, dass man dafür keinen „Akademiker“ mehr benötigt, und dieser sich dann anderen Aufgaben widmen kann.

Welchen Einfluss hat das Thema E-Commerce auf Ihr Geschäft?

Einen sehr großen. Im E-Commerce-Handel gibt es eine sehr hohe Dynamik, die noch dazu innerhalb einer sehr kurzen Zeit bewältigt werden muss. Das ist im stationären Handel etwas anders. Die Zusammenlegung dieser beiden unterschiedlichen Auftragsströme ist mit Sicherheit ein großer Trend. Hier haben wir gute Erfahrungen gemacht und diesbezüglich auch sehr gute Lösungen im Markt, die genau diese beiden Dinge kombinieren.

Sie sprechen von Omnichannel-Lösungen?

Ja, diese zu realisieren und dem Kunden die Flexibilität zu geben – nicht wissend, wie sein Geschäft sich entwickeln wird. Und ihm – auf Grund von flexiblen und skalierbaren Systemen – trotzdem von vornherein die richtigen Investitionsmöglichkeiten zu geben. Und hierfür ist eine Technologie, die keine starren Grenzen mit sich bringt, prädestiniert. In diese Richtung wird es zukünftig gehen.

In der Zukunft spielt aber auch die Künstliche Intelligenz mehr und mehr eine Rolle.

Ja, aber was ich schade finde in all diesen Diskussionen rund um den damit in Verbindung stehenden Robotik-Begriff, ist der negative Nachhall. Es geht nicht darum, Menschen per se zu ersetzen, es geht darum, auf einen Wandel zu reagieren. Die demografische Entwicklung zeigt, dass gerade in Ballungszentren bzw. hochentwickelten Ländern immer weniger Arbeitskräfte für bestimmte, sagen wir, monotone Prozessschritte zur Verfügung stehen. Das heißt im Klartext: Robotik ist nichts anderes, als die – richtige – Antwort auf eine geopolitische Situation, die uns alle betrifft..

Damit sprechen Sie letzten Endes auch über die Situation bei Knapp? Wie sieht es bei Ihnen in Graz mit Arbeitskräften, Fachkräften aus?

Glauben Sie mir, dass ist auch für uns eine richtige Herausforderung. Knapp ist allein im vergangenen Wirtschaftsjahr um rund 600 Mitarbeiter gewachsen – mehr als die Hälfte davon aus dieser Region, also im Umfeld von Graz. Auch hier ist der Arbeitsmarkt durchaus umkämpft. Und machen wir uns nichts vor: Es gibt neben Knapp auch noch eine Reihe anderer attraktiver Unternehmen im Umfeld.

Wie bekommen Sie, wie halten Sie die heiß umworbenen Fachkräfte?

Unabdingbar ist es aus meiner Sicht, sich als Arbeitgeber über Jahre hinweg einen guten Ruf zu erarbeiten. Kein Unternehmer kann es sich heutzutage leisten, ein Unternehmen zu führen, bei dem die Kultur nicht passt.

Was macht in diesem Zusammenhang Knapp aus?

Es ist unsere Kultur, die uns zu etwas ganz Besonderen macht. Die Möglichkeit, Ideen umzusetzen, ist dabei nahezu unendlich. Dazu braucht man die hellsten Köpfe, Charaktere. Wenn man das runterbricht und alles aus der Gleichung herauskürzt, dann bleibt der wichtigste Bestandteil übrig: Der Mensch.

Herr Mathi, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Technische Logistik 09/2019 PDF-Download (1.63 MB) Autor: J. Kaulfuhs-Berger