Aus dem richtigen Holz geschnitzt

Automatisierte Retouren- und Versandlogistik bei der HABA-Firmenfamilie

Deutschland ist Retouren-Europameister. Jeder zweite Online-Kunde hat im vergangenen Jahr mindestens eine Bestellung zurückgeschickt – insgesamt über 500 Millionen Produkte. Auch bei der HABA-Firmenfamilie steigt das Rücksendungsvolumen seit Jahren. Daher suchte man nach einer Lösung mit hohem Automatisierungsgrad für sein großes Distributionszentrum in Bad Rodach. Abhilfe schafft nun ein modulares und skalierbares Taschensortiersystem, mit dem sich verschiedenste Arten von Gütern lagern, sortieren, sequenzieren und zwischenpuffern lassen. Damit ist das System ideal für den Einsatz im E-Commerce und Omni-Channel-Fulfillment und insbesondere für die Retourenbearbeitung geeignet.

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Die HABA-Firmenfamilie zählt zu den führenden Spielwarenherstellern in Deutschland. Seit mehr als 80 Jahren vertreibt das fränkische Unternehmen Holzspielzeug. Neben Bauklötzen und Kugelbahnen aus nachhaltiger Forstwirtschaft zählen heute aber auch diverse Puppen, Brett- und Kartenspiele, Bücher sowie Einrichtungen für Bildungskonzepte und Bekleidung zum Angebot. Neben der Belieferung ausgewählter Fachhändler bietet das Unternehmen unter den Marken HABA, JAKO-O, FIT-Z, Qiéro! und Wehrfritz einen Großteil seiner Produkte online B2C an. Mindestens 700 Sendungen verlassen pro Stunde das Distributionszentrum in Bad Rodach.

Effizientes Retourenmanagement

Wie so oft im E-Commerce kommen aber auch zahlreiche Pakete auf gleichem Wege wieder zurück. Die Gründe sind unterschiedlich: Nur selten sind die Waren beschädigt. Viele Kunden ordern von vornherein mehrere Alternativen und schicken die nicht ausgewählten zurück. In anderen Fällen entsprechen die Bestellungen nicht exakt den Erwartungen der Käufer. „Ein Großteil dieser Waren sind sogenannte A-Retouren, also einwandfreie Produkte, die sofort wiederverkauft werden können“, sagt sagt Torsten Kreußel, Head of Process Management bei der HABA-Firmenfamilie. Genau hier stieß die Intralogistik bei HABA vor zwei Jahren an ihre Grenzen. Denn viele Arbeitsschritte liefen noch manuell ab. Aufgrund der Vielzahl an Retouren vergingen mitunter Tage, bis die Produkte wieder zum Verkauf bereitstanden. „In Hochphasen erreichen unseren Wareneingang bis zu 1.500 Artikel pro Stunde. Unser Retourenmanagement war den Dynamiken des heutigen E-Commerce schlicht nicht mehr gewachsen“, erinnert sich Kreußel.

Flexibel wie eine Kugelbahn

Eine automatisierte Lösung sollte her, um die Retourenabwicklung nahtlos in den Fulfillment-Prozess zu integrieren und die Zugriffszeiten somit zu verkürzen. Zur besonderen Herausforderung wurde der Wunsch nach einem System, dass sich auf begrenztem Raum in die bestehenden Anlagen integrieren ließ – und das alles bei laufenden Betrieb. Im Auswahlverfahren stieß die HABA-Firmenfamilie schnell auf das Taschensortiersystem von Dematic. „Die Idee, den bis dato ungenutzten Luftraum unserer Logistikflächen für einen flexiblen Taschensorter zu nutzen, hat uns sofort zugesagt“, erklärt Torsten Kreußel. Das Dematic-Taschensortiersystem ist eine ganzheitliche Lösung und unterstützt sowohl den reinen E-Commerce als auch den Omni-Channel-Versand. Für den Warentransport verwendet das System Taschen, die platzsparend an Rollen aufgehängt sind und in einer Überkopfschiene laufen. Dank des modularen Aufbaus und variabler Kettenlänge kann der Taschensorter kompakt in nahezu jeder Anwendungsumgebung verbaut werden. In den Taschen können verschiedenste Produktformen und -größen mit einem Gewicht bis zu drei Kilogramm transportiert, sortiert und sequenziert werden. „Da wir über ein sehr breites Produktsortiment verfügen, waren Flexibilität und Skalierbarkeit notwendige Voraussetzungen“, sagt Kreußel.

Vollautomatische Taschenbeladung

Bei der HABA-Firmenfamilie findet die automatische Taschenbeladung direkt nach der Retourenbearbeitung im Erdgeschoss statt. Dazu hat Dematic eine Gurtschleife für Leerbeutel sowie ein zusätzliches Förderband entlang der Arbeitsplätze in die bestehende Technik integriert, das die Waren zur Induktionsstation transportiert. „Das System belädt bis zu 1.200 Taschen pro Stunde mit jeweils einem Packstück, das sich per RFID-Tag und Barcode identifizieren lässt. Somit können wir jederzeit im System erkennen, wo sich welcher Artikel befindet“, so Kreußel. Anschließend werden die Behälter über einen Steilförderer in das dynamische Taschenlager im zweiten Obergeschoss transportiert. Dort befinden sich in zwei übereinanderliegenden Ebenen 18 Pufferkreisel mit jeweils 128 Metern Länge, in denen knapp 40.000 Taschen Platz finden und dort zirkulieren, bis sie erneut einer Bestellung zugewiesen werden. „Die Retouren sind damit nach nur 30 bis 45 Minuten wieder verkaufsfertig“, erläutert Torsten Kreußel. Nicht lesbare Artikel oder Auslaufware werden aus dem Kreislauf ausgeschleust und zurück ins Erdgeschoss befördert, wo die Taschen am Housekeeping wiederum automatisch entladen werden. Dazu hat Dematic eine Rutsche installiert, die den Arbeitsplatz mit der bestehenden Anlage verbindet.

Reibungslose und fehlerfreie Kommissionierung

Die Zusammenstellung neuer Aufträge erfolgt im zweiten Obergeschoss mittels Batch-Kommissionierung aus dem Dynamikpuffer. Die benötigten Waren werden dafür zunächst aus dem dynamischen Puffer zum Taschensammler transportiert. Dabei handelt es sich um einen Sortierbereich mit 17 parallelen Stangen, auf denen die Produkte ihrer jeweiligen Batch zugeordnet werden. Bis zu 2.000 Artikel können pro Stunde über den Sammler ausgegeben werden.

Ist ein Batch mit bis zu 60 Sendungen komplett, fahren die vorsortierten Taschen weiter zu den beiden Umpackstationen. Für die Taschenentladung wurde bauseits eine neue Bühne inklusive Anbindung an die Bestandsfördertechnik errichtet. Damit sie exakt den Vorgaben des Taschensortiersystems entsprach, übernahm Dematic die technische Planung.

Nach dem automatischen Öffnen der Taschen gelangen die Artikel über ein Förderband zu zwei manuellen Arbeitsplätzen. Mitarbeiter etikettieren sie dort und legen sie in Behälter, die vorab aus dem Kreislauf für Leerbehälter ausgeschleust wurden. Damit die Mitarbeiter die Waren beim Auszeichnen nicht vertauschen, ist der Gurtförderer sensorgesteuert. „Die nächste Tasche wird erst entladen, wenn das vorherige Produkt vom Band genommen wurde“, erklärt Torsten Kreußel.

Wieder zurück auf Anfang

Die Behälter eines Batches (circa 60 Aufträge) warten so lange am Arbeitsplatz, bis sie komplett sind und per Knopfdruck der Weitertransport ausgelöst wird. Anschließend gelangen sie über ein Transferelement zurück auf die bestehende Förderanlage und werden zum vorhandenen Wannenpuffer transportiert. Erst hier erfolgt die Konsolidierung der Gesamt-Batches mit den Waren aus dem Fachbodenlager. „Da wir Bestellungen nur in Ausnahmefällen komplett aus Retouren und dem dynamischen Puffer im Obergeschoss zusammenstellen können, war eine vollständige und reibungslose Integration des Taschensorters in die bestehende Anlage entscheidend“, sagt Kreußel.

Die endgültige Konsolidierung der Aufträge erfolgt im Anschluss über die Putwalls der Bestandsanlage. Die entladenen Taschen werden automatisch wieder verschlossen und gelangen anschließend über den Förderschacht zurück ins Erdgeschoss, wo sie bis zu ihrem nächsten Einsatz in der Leertaschenstrecke zirkulieren. Bis zu 2.000 leere Beutel können so pro Stunde für die Beladung bereitgestellt werden.

Noch immer Luft nach oben

Durch die Dematic-Lösung hat sich der Retourenprozess bei der HABA-Firmenfamilie erheblich vereinfacht, resümiert Torsten Kreußel: „Die Wiederverfügbarkeit eines Artikels hat früher mehrere Tage in Anspruch genommen. Mit dem Taschensortiersystem dauert es jetzt weniger als eine Stunde. Das spart uns nicht nur Zeit und Arbeitskräfte für die Rücksortierung der Ware ins Fachbodenregal, sondern auch Geld und sorgt durch kürzere Lieferzeiten und somit für noch höhere Kundenzufriedenheit.“ Dabei hat der Taschensorter seinen vollen Leistungsumfang noch gar nicht erreicht. Denn dank des modularen Aufbaus lässt sich das Taschensortiersystem im Nachhinein noch erweitern. Darauf hat Dematic auch bei der HABA-Firmenfamilie geachtet und die potenzielle Erweiterung bei der Planung der Anlage berücksichtigt. „Durch fünf weitere Abgaben im Taschensammler sowie einen dritten Umpack-Arbeitsplatz können wir die Kapazität zukünftig noch ohne großen Aufwand ausbauen“, so Kreußel:. Damit ist die HABA-Firmenfamilie auch für die wachsenden Anforderungen des E-Commerce gewappnet. (ck)

Eine Information der Dematic GmbH

» Die Wiederverfügbarkeit eines Artikels hat früher mehrere Tage in Anspruch genommen. Mit dem Taschensortiersystem dauert es jetzt weniger als eine Stunde.

Torsten Kreußel, Head of Process Management, bei der HABA-Firmenfamilie

 

Christina Kasper

Christina Kasper
Redakteurin, Zeitschrift "Technische-Logistik - Hebezeuge Fördermittel"

· Artikel im Heft ·

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