Logistische Herkulesaufgabe

Retrofit für weltweit umsatzstärksten Musikalienhändler

Wie Musikalienhändler Thomann seine Logistikanlage mithilfe eines Intralogistik-Spezialisten im Laufe der Jahre erfolgreich erweitert hat.

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Das Mekka deutscher Musiker heißt Treppendorf. Tausende fahren jedes Jahr in das nur 201 Einwohner zählende Örtchen in Oberfranken. Ihr Ziel: das Musikhaus Thomann. Beten, dass ihr Wunschkeyboard oder -schlagzeug auch tatsächlich auf Lager ist, müssen Hobby- und Profimusiker nicht: Rund 90.000 Artikel liegen permanent im Logistikzentrum. Wer sich im Shop für ein Instrument entschieden hat, kann es bereits eine halbe Stunde später in seinen Kofferraum laden. Wobei man wissen muss: Den Löwenanteil des Umsatzes von mehr als 1,3 Milliarden Euro pro Jahr machen die Oberfranken mit ihrem Online-Shop.

Bis zu 40.000 Aufträge pro Tag

Besonders stolz ist Chef Hans Thomann darauf, dass Online-Besteller ihre Waren nicht nur schnell bekommen, sondern in aller Regel in nur einem einzigen Paket – unabhängig davon, ob sie einen Artikel oder zehn bestellt haben. Was besonders nachhaltig ist und Versandkosten spart, ist logistisch eine Herkulesaufgabe: das Zusammenführen von kleinen und großen Artikeln sowie Schnell- und Langsamdrehern. „Wir schaffen bis zu 40.000 Aufträge pro Tag“, berichtet Norbert Groth, technischer Leiter Logistik bei Thomann. In der Vorweihnachtszeit arbeiten die Angestellten im Logistikbereich an sechs Tagen im Dreischichtbetrieb. In ruhigeren Zeiten sind es zwei Schichten. Zu stemmen sind die Bestellungen nur, weil die Logistik im Laufe der Jahre immer weiter automatisiert und ausgebaut wurde.

Intralogistikpartner TGW

Langjähriger Intralogistikpartner von Thomann ist die TGW Logistics Group. Die Österreicher begannen 2008 als Generalunternehmer mit der Automatisierung des Versand-Center-Süd (VCS) in Treppendorf. Für TGW sind die Oberfranken Vorzeigekunde in puncto Erweiterung und Modernisierung. „Wenn gleichzeitig Bestellungen und Artikelzahl stark steigen oder die Anforderungen sich ändern, müssen Unternehmen eher früher als später über Erweiterungen nachdenken, damit sie zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen“, sagt Markus Kammerhofer, Director Sales Retro bei TGW. „Bei Thomann stieg der Umsatz in den vergangenen Jahren im zweistelligen Prozentbereich, sodass die 2008 beauftrage Anlage das heutige Volumen niemals schaffen könnte“, sagt Norbert Groth. Neben dem Versand-Center-Süd läuft daher seit 2017 auch das Versand-Center-Nord (VCN).

Blick zurück: 2009 stand Thomann eine Anlage zur Verfügung, die 20.000 Pakete am Tag verarbeiten konnte. Errichtet wurde ein viergassiges Automatisches Kleinteilelager (AKL) mit 70.000 Behälterstellplätzen und Kommissionierung für Schnelldreher. TGW baute acht Regalbediengeräte (RBG) vom Typ „Mustang“ ein. Zudem stand Thomann nach zwei Ausbaustufen 2010 ein automatisches Palettenlager mit fünf Gassen und 18.000 Stellplätzen zur Verfügung. Großteile lagerten in einem manuellen Kommissionierlager. Herz der Anlage war ein Natrix-Sorter, Mitarbeiter verpackten die Waren an 32 Packstationen.

Erfolgreiches Erweiterungskonzept

Auf die Anlagenleistung nach der zwölf Millionen Euro teuren Investition war Hans Thomann stolz: Der Ausstoß war im Vergleich zu früher um 40 bis 50 Prozent höher. Die Durchlaufzeit konnte auf 28 Minuten gedrückt werden. Das Erweiterungskonzept von TGW war erfolgreich. Der Kommissionierprozess wurde für die verschiedenen Warengruppen unterschiedlicher Größen – vom Instrumentenkabel bis zum E-Piano – optimiert. Gesteuert wurde die Anlage von TGW-Software. Die rund vier Millionen Kunden konnten aus 65.000 Artikeln ihre gewünschten Waren wählen. Doch sowohl die Zahl der Kunden als auch die Zahl der Artikel stieg. Hans Thomann entschied sich für den Bau des Versand-Center-Nord (VCN) – erneut mit dem Partner der Wahl TGW.

2017/18 ging dieser Bereich in Betrieb. Der Auftrag für das Hochregallager (HRL 2) für TGW umfasste 21.000 Palettenstellplätze. Dazu kam ein Shuttlesystem mit sechs Gassen und 111.600 Stellplätzen für Kleinteile. Thomann investierte zudem in automatisierte Kartonaufrichter und -schließer, Etikettiermaschinen sowie eine effiziente Ware-zur-Person-Kommissionierung. Im Zuge der Erweiterung modernisierte TGW das WMS, um die komplexen Anforderungen des Musikhauses umsetzen zu können. Nach einer Software-Modernisierung von „CI_LOG 4“ nutzt Thomann heute die TGW Warehouse Software für die Bereiche Warehouse Management System (WMS), Warehouse Control System (WCS) und Material Flow Controler (MFC).

Durchlaufzeit auf 20 Minuten gesenkt

Doch Thomann wuchs und wuchs. Weil die Ausbaustufen mit TGW erfolgreich über die Bühne gingen, gab Thomann 2020 grünes Licht für weitere Projekte. Das Hochregallager HRL 1 soll erweitert werden, sodass der Nachschub verbessert wird. Zudem soll im laufenden Betrieb bis Ende 2021 im VCS ein neuer Warenausgangsloop mit automatischer Etikettierung für bis zu 2000 Pakete pro Stunde an den Start gehen. Geplant ist – neben anderen Projekten – auch ein Großgebindelager, in das voluminöse Waren, wie beispielsweise ein E-Piano, eingelagert werden. Weil die Coronapandemie das E-Commerce-Geschäft beschleunigt, denkt Thomann über weitere Ausbauprojekte nach – etwa im Versandbereich oder im Shuttlelager. Auch ein weiteres Hochregallager ist eine Option.

Dank der verschiedenen Erweiterungen hat Thomann die Durchlaufzeit von 28 Minuten auf etwa 20 Minuten gesenkt – und das bei einem Anstieg der Artikel von 65.000 auf 90.000. Statt vier Millionen Kunden werden heute mehr als zwölf Millionen Kunden in ganz Europa mit Waren aus der Logistikanlage versorgt.

Erweiterung im laufenden Betrieb

Was sich auf dem Papier einfach liest, ist in der Praxis ein komplexer Prozess. „Die oberste Regel lautet: Der laufende Betrieb darf bei den Erweiterungen und Modernisierungen nicht gestört werden“, betont Norbert Groth. Zu den Erfolgsfaktoren für die Projektumsetzung gehören laut den Experten aus der Retrofit-Abteilung von TGW eine detaillierte Planung, intensive Tests, ein umfangreiches Pflichtenheft, eine genaue Definition der Prozesse und ein ausgeklügelter Zeitplan. Ein sogenannter Big Bang war in Treppendorf nie möglich. Weil das harte E-Commerce-Geschäft keine wochenlangen Betriebsferien erlaubt und eine Sechs-Tage-Woche im Lager üblich ist, mussten die Lückenschlüsse zwischen Freitagabend und Montag sechs Uhr stattfinden.

„Im Rahmen einer Softwaremodernisierung ist es theoretisch möglich, bei Problemen kurzfristig auf die alte Version zurückzugreifen. Aber bei der Inbetriebnahme einer Erweiterung muss alles auf einen Schlag funktionieren“, betont Norbert Groth. So wie im Orchester alle gleichzeitig zu spielen beginnen. Norbert Groth ist zuversichtlich, dass die geplanten Projekte erfolgreich laufen werden. „Bei den Mitarbeitern von TGW ist die Erfahrung und Kompetenz für solche Projekte vorhanden“, resümiert er. (jak)

Eine Information der TGW Logistics Group

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Jan Kaulfuhs-Berger

Chefredakteur, Zeitschrift Technische Logistik - Hebezeuge Fördermittel
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