„Air Cargo boomt ohne Ende!“

Ein Gespräch über Projekte, Systeme und Flughafentechnik

Es gibt gefühlt kein Gespräch in unserer Branche, in dem es nicht hauptsächlich um Fahrerlose Transportsysteme, Automatisierung oder Autonomie geht. Sehr abwechslungsreich hingegen das Interview mit Dimos-Geschäftsführer Pascal Schütz und Arne Röhrig, Leiter „Project and Systems“ bei Dimos über den spannenden Bereich des Cargo-Handlings. Obwohl wir am Ende des Gesprächs dann doch noch auf das Eingangsthema kommen.

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Jan Kaulfuhs-Berger (Mitte), Chefredakteur Technische Logistik", im Gespräch mit Dimos-Geschäftsführer Pascal Schütz (links) und dem Gründer von Dimos, Alfred Schütz. Bild: Dimos
Jan Kaulfuhs-Berger (Mitte), Chefredakteur Technische Logistik", im Gespräch mit Dimos-Geschäftsführer Pascal Schütz (links) und dem Gründer von Dimos, Alfred Schütz. Bild: Dimos

Jan Kaulfuhs-Berger: Wir haben uns im vergangenen Jahr das erste Mal getroffen und ausführlich über Dimos gesprochen. Was hat sich, auch unter dem Aspekt der anhaltenden Pandemie, in Ihrem Unternehmen getan?

Pascal Schütz: Lassen Sie uns doch an unser letztes Interview anknüpfen, das unter dem Titel „Leidenschaft als Erfolgskonzept“ lief. Auf dieser Welle sind wir nach wie vor unterwegs. Für Dimos kann ich sagen: Wir haben unser Potential voll ausgeschöpft und konnten definitiv ein Rekordjahr verzeichnen – sowohl im Auftragseingang als auch im Output. Bei den ausgelieferten Fahrzeugen sind wir auch auf Rekordkurs.

Das hört man in der Pandemie nicht oft, es sei denn, man handelt mit Klopapier.

Pascal Schütz: (lacht) Nun, die Corona-Pandemie hat dem Thema E-Commerce noch einmal einen deutlichen Schub gegeben. Aber auch andere Vorfälle, wie beispielsweise die Blockade des Suez-Kanals durch ein querliegendes Schiff, haben ihren Beitrag dazu geleistet.

Nun ist Dimos aber noch nicht wirklich durch Aktivitäten im Bereich E-Commerce aufgefallen.

Pascal Schütz: Nein, und an dieser Stelle kann ich Ihnen gleich meinen Kollegen Arne Röhrig vorstellen, der für unsere relativ neue Abteilung „Project and Systems“ federführend tätig ist und im Augenblick das Thema Air Cargo intensiv bearbeitet. Der Bereich Air Cargo boomt ohne Ende.

Obwohl oder weil in Pandemiezeiten ein Großteil des zivilen Luftverkehrs eingebrochen ist?

Pascal Schütz: Ganz klare Antwort: Weil! Jedes Zivilflugzeug hat eine gewisse Belly-Kapazität. Auf Grund des temporären Wegfalls vieler Zivilflüge muss dies durch normale Frachter aufgefangen werden. Das erzeugt einen extremen Peak auch bei unseren Kunden und am Ende des Tages Nachfrage nach modernen Anlagen und Prozessen sowie effektiven Lösungen, um das Cargo zu handeln.

Da sind wir ja mittendrin im Thema Airport. Für Dimos ein neuer Bereich?

Pascal Schütz: Nicht wirklich. Was unseren X-Way-Mover anbelangt, tummeln wir uns bereits seit 2003 in den Bereichen Flughafentechnik und Air Cargo – mit dem Palett Mover sogar schon seit 1999. Damals waren an den Airports die Tonnagen noch nicht so hoch, das Thema E-Commerce zwar präsent, aber noch nicht in aller Munde. Und um ehrlich zu sein, wir waren mit unserer Technologie damals einen Schritt voraus. Die Luftfracht-Abfertiger hatten noch Platz, so dass das durchschlagende Verkaufsargument unseres X-Way-Mover gar nicht richtig zum Tragen kam.

Welches wäre das denn?

Pascal Schütz: Nun, konkret geht es um das Einlagern von ULD, …

… so genannten Unit Load Devices, also den Ladungsträgern im Flugzeug, … Pascal Schütz: … in die zweite oder sogar dritte Ebene. Für den Betreiber heißt das, bei gleicher Grundfläche Lagerkapazität verdoppeln oder verdreifachen. Der Platz am Flughafen ist rar und teuer.

Arne Röhrig: Das ist für mich genau der Zeitpunkt, um in das Gespräch zu grätschen. Alles richtig, aber es ist nicht so, dass man nur in die Höhe muss. Es gibt viele Abfertiger, die eine leere Halle haben und überlegen, wie sie ihre Fracht vom Lastwagen zum Flugzeug bekommen. Und der eigentliche Vorteil des X-Way-Movers ist, dass man alles, was man beim ULD-Handling durchführen muss, mit dem Fahrzeug freibeweglich in der Halle machen kann. In einem Satz: Man kann mit dem X-Way-Mover, also mit einer einzigen Investition, die wichtigsten Produkttypen abdecken.

 

Wie kommt das bei den Abfertigern an?

Arne Röhrig: In der Cargo-Branche ist das so ähnlich wie mit dem, was man sprichwörtlich vom Bauer sagt: Was er nicht kennt, damit hat er ein Problem. Darum hatten wir anfangs einige Herausforderungen, den X-Way-Mover in der Branche zu platzieren.

Pascal Schütz: Wie gesagt, der X-Way-Mover ist seit 2003 auf dem Markt, über die Zeit mit den Kundenanforderungen gewachsen und mittlerweile voll akzeptiert. Das merkt man ganz deutlich am Auftragseingang. Aber das Fahrzeug ist nur ein spezielles Produkt. Das Systemgeschäft selber haben wir seit 2017 im Fokus. So richtig umgesetzt haben wir es aber erst in diesem Jahr.

Warum?

Pascal Schütz: Der Grund ist ganz simpel. Wir sind Partner der Global Player. Dort bieten wir unsere Fahrzeuge an. Aber wir sind nicht der Generalunternehmer, der den gesamten Flughafen betreut, man spielt quasi eine untergeordnete Rolle. Für manches Produkt aus dem Hause Dimos ist dieser Vertriebsweg einfach zu lang, für den Kunden am Ende zu teuer. Aber es gibt viel Potential, das auch wir abschöpfen können. Deshalb treten wir hier nun auch als Systemlieferant auf.

Daher die neue Abteilung „Project and Systems“?

Arne Röhrig: Richtig. Das, was Pascal Schütz gesagt hat, werden wir in Zukunft mit „Project and Systems“ machen. Es geht am Ende darum, dem Kunden nicht nur ein bestimmtes Fahrzeug oder Produkt zu verkaufen, sondern den gesamten Handlingsprozess erstens zu beraten, zweitens umzusetzen und drittens zu betreuen. Kurz: Wir wollen für unsere Kunden am Flughafen den Prozess mit den ULD von der Air- bis zur Landsite so effektiv wie möglich gestalten.

Wie kommen Sie dabei an den großen Playern vorbei?

Arne Röhrig: Nun, das ist der Marktkontakt, den man haben muss. Es geht nicht darum, nur die Kundenseite zu kennen, sondern auch die Leute, die als Berater tätig sind. Und natürlich auch alles, was man als Lieferant benötigt – also die Lieferkette in Gänze. Dann bekommt man auch Zugriff darauf.

Pascal Schütz: Ein weiterer wichtiger Punkt sind innovative Ideen, nicht nur bezüglich der Produkte, sondern auch der Prozesse.

Prozesse, also Projektgeschäfte als solche, sind sehr beratungsintensiv und eher langwierig. Da reicht, produktseitig betrachtet, der X-Way-Mover ja nicht aus.

Arne Röhrig: Natürlich nicht. Schlussendlich bedienen wir den Markt mit allen Produkten, die jeder im Markt kennt. Wir haben in unserem Portfolio alles, um es als System anzuerkennen. Dazu gehören Komponenten zum Fördern und Abtransportieren oder die Be- und Entladung von Lkw. Bei allem, was man in Gebäuden mit Fahrzeugen machen kann, beraten wir unsere Kunden mit dem Ziel, dass dieser erkennt, dass die Dimos-Fahrzeuge tatsächlich deutlich zum Mehrwert beitragen.

Pascal Schütz: Ganz grundsätzlich sind es Fahrzeuge, die auch von Wettbewerbern geliefert werden können. Aber das Alleinstellungsmerkmal ist ganz klar der X-Mover und der Fahrzeugtyp Intrac. Das Thema Flughafen ist sicher ein allumfassendes, öffnet aber auch Ideen für neue Geschäftsfelder. Wo geht bei Dimos die Reise hin? Arne Röhrig: Nun, wir fokussieren uns natürlich auch – technologisch gesehen – auf den Bereich der Fahrerlosen Transportsysteme. Wir bilden jetzt eine Familie an Fahrzeugen, die nichts als eine leere Halle benötigen – die mit smarten Lösungen und entsprechender IT dafür sorgen, dass man mit relativ begrenztem Aufwand für einen größtmöglichen Durchsatz sorgt.

Pascal Schütz: Unter dem Aspekt Zukunft ist folgendes ganz klar zu sehen: Wir werden sowohl die Dimos-Fördertechnik als auch die Dimos „Project and Systems“ weiter pushen. Im Bereich Fördertechnik heißt das, dass Vierwege- beziehungsweise Mehrwegestapler auch autonom fahren werden. Wir gehen davon aus, dass in zwei, drei Jahren etwa 30 Prozent unseres Auftragseingangs autonome Fahrzeuge betreffen wird.

Zurück zur Flughafentechnik. Wie sieht das Ihrer Meinung nach dort aus?

Pascal Schütz: Auch hier sprechen wir über autonom agierende ULD. Und nicht nur sprechen. Wir beschäftigen uns diesbezüglich gerade mit der Fertigung eines Prototyps …

… was ein guter Anknüpfungspunkt für unser nächstes Interview sein kann.

Pascal Schütz: Sein wird.

Meine Herren, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Jan Kaulfuhs-Berger

Chefredakteur, Zeitschrift Technische Logistik - Hebezeuge Fördermittel
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· Artikel im Heft ·

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