„Es bleibt auf jeden Fall spannend“

„Es bleibt auf jeden Fall spannend“

Ein Interview mit Theo Diehl über Branchentrends und die Herausforderung „intelligenter“ Kran

Wie kann man für den Kunden sein Problem in der Bewegung mit Kunststoff lösen? Das ist die Frage, mit der sich die Igus GmbH bereits seit 1964 befasst. Worauf es dabei besonders im Kranmarkt ankommt, was in den nächsten Jahren an technischen Herausforderungen bevorsteht und was es mit dem „intelligenten“ Kran auf sich hat, darüber sprach die Redaktion mit Theo Diehl, Leiter Branchenmanagement Kranindustrie bei Igus.

1.  (Quelle: Igus )

» Je mehr Kunden auf unser System setzen, desto mehr erkennen wir, ob wir in die richtige Richtung arbeiten.

Theo Diehl, Leiter Branchenmanagement Kranindustrie bei Igus

» Der Service wird bei uns wirklich gelebt, denn das A und O für den Betreiber ist ein störungsfreier Betrieb, und das müssen wir sicherstellen.

Theo Diehl, Leiter Branchenmanagement Kranindustrie bei Igus

» Es wird immer wieder neue technische Herausforderungen geben, auf die wir uns einstellen werden.

Theo Diehl, Leiter Branchenmanagement Kranindustrie bei Igus

Christina Kasper: Herr Diehl, wo liegen die Stärken von Igus im Vergleich zum Wettbewerb?

Theo Diehl: Eine Stärke liegt sicher darin, dass wir das Produkt-Know-how im Bereich der Energiekettensysteme mit dem Branchen-Know-how für den Kranmarkt zusammenbringen. Als Energieketten- und Leitungsspezialist können wir dem Kunden unter anderem durch die zwei Milliarden Testzyklen pro Jahr im Igus-Testlabor ganz genau sagen, wie lange sein System halten wird. So erhält er berechenbare Sicherheit. Auf der anderen Seite sind wir seit über 20 Jahren im Kranmarkt aktiv und kennen diesen sehr genau. So haben wir bereits über 1.000 STS-Krane ausgerüstet, von Antwerpen bis Shanghai. Die Energiekette ist auf vielen Krananlagen bereits zum Standard in der Energieführung geworden. Dabei haben wir relativ schnell festgestellt, dass wir für Krananlagen spezielle Produkte brauchen. Wir wollten einerseits unsere Energiekettenstandards und Leitungen, die wir in anderen Branchen einsetzen, auch für den Kranbau verwenden. Es stellte sich aber schnell heraus, dass wir spezielle Lösungen dafür brauchen.

Zum Beispiel?

Bei den Hallenkranen sind beispielsweise ganz spezielle Produkte entstanden wie „Guidefast“. Dabei handelt es sich um ein Rinnensystem für einen Standard-Hallenkran, das sehr einfach und schnell zu montieren ist, für E-ketten, in denen drei oder vier Leitungen eingebaut werden. Ein anderes Beispiel: Für den Prozesskran etwa, der ein höheres Leitungsvolumen und höhere Kettenanforderungen hat, haben wir Rollenketten entwickelt. Auf langen Verfahrwegen spart der Kunde dadurch 56 Prozent Antriebsenergie. Am Anfang dieser Entwicklungen steht dabei immer der Kunde und seine individuelle bewegte Anwendung. Wir achten bereits bei der Produktentwicklung darauf, was der Anwender braucht und wovon er den größten Nutzen hat. Wir bekommen gleichzeitig viel direkte Rückmeldung vom Markt, und diese fließt direkt in die Produktentwicklung ein. Unsere Stärke ist also unser über so lange Zeit aufgebautes Know-how und unsere seit langem sehr enge Zusammenarbeit mit den Kranbauern.

Sie versuchen es zwar zu umschiffen, aber ich frage es trotzdem. Würden Sie Igus denn als Trendsetter dieser Branche sehen?

Wenn ich uns etwa mit Marktbegleitern im Bereich der Energieketten vergleiche, kann man sagen, wir haben über die Zeit eine sehr hohe Anzahl an Referenzen vorzuweisen. Diese Erfahrungen sind natürlich äußerst wichtig, um weitere Expertise aufzubauen und Produkte neu zu entwickeln oder weiter zu verbessern.

Und wie findet jetzt der Hafenbetreiber die richtige Lösung für sich? Wie funktioniert das?

Wenn ein Hafenbetreiber einen neuen Kran anschaffen möchte, wird üblicherweise ein Lastenheft erstellt. Das wird dem Kranbauer gegeben und dieser bietet dann den dem Lastenheft entsprechenden Kran an. Es gibt sogenannte Consultants, die das Lastenheft erstellen oder eigene Leute, die das machen, die sich mit der Technik und der Materie auseinandersetzen und für das Terminal die beste Lösung suchen.

Und die kommen dann auf Sie zu?

Im Idealfall ist es so, dass wir mit den Leuten schon in Kontakt sind oder selbst in Kontakt treten, etwa auf Messen. Wir beraten dann, was für den notwendigen Kran die beste Lösung ist. Das Feedback, das wir auf diese Weise erhalten, hilft uns wiederum sehr dabei, zu sehen, wo wir noch weiterentwickeln müssen. Ist der Kranbetreiber letztendlich mit einer Energiekette einverstanden, wird es dem Kranbauer übergeben, wo wir dann auch wieder mit im Boot sind. Der Kranbauer zeigt uns sein Krandesign und wir machen praktisch das Restdesign, um die Kette dort mit einbauen zu können. Abschließend werden die ganzen Zeichnungen dem Hafenbetreiber wieder zur Genehmigung vorgelegt. Ist alles genehmigt, kann der Bau beginnen.

Wie sieht es nach der Inbetriebnahme mit After-Sales-Service aus?

Bei der Installation unseres Systems in den Kran machen wir schon einmal eine Vorabnahme, um sicherzustellen, dass alles richtig funktioniert, eine weitere Testphase erfolgt dann nach Inbetriebnahme des Krans auf dem Terminal. Nach erfolgter Inbetriebnahme bleiben wir dann mit dem Hafenbetreiber in Kontakt, schulen sein Personal und bieten an, die Inspektion für ihn zu machen. Der Service wird bei uns wirklich gelebt, denn das A und O für den Betreiber ist ein störungsfreier Betrieb. Das müssen wir sicherstellen.

Und wo genau kommt dann der „intelligente“ Kran ins Spiel?

Der „intelligente Kran“ kommt dann ins Spiel, wenn wir über die neuen Möglichkeiten im Rahmen von Industrie 4.0 sprechen. Präventive Wartung ist ja ein Teilbereich davon. Sie ermöglicht bereits im Vorfeld eine Zustandsüberwachung, so dass es nicht zu einem Stillstand der Anlage kommt. So wird auch die Erhöhung der Anlagenverfügbarkeit beim Hafenkran in einem sich verändernden Umfeld immer wichtiger. Mittlerweile hat der Kranfahrer oftmals seinen Arbeitsplatz nicht mehr auf dem Kran, sondern steuert aus einem Büro in einem Gebäude mehrere Krane gleichzeitig. Dabei geht aber das Gefühl der Fahrer für den Kran vielfach verloren. Und damit das Gespür, wenn etwas mit dem Kran nicht stimmt.

Diese wichtigen Informationen gingen sonst verloren?

Ja, um also nicht Gefahr zu laufen, diese Informationen nicht mehr richtig bewerten zu können, machen wir den Kran insofern „intelligent“, indem wir das ganze Energieführungssystem überwachen. Wir verbauen dafür verschiedene Sensoren, die dann wiederum verschiedene Daten liefern. Diese Daten lassen sich unterschiedlich nutzen – offline oder online.

Was für Daten wären das zu Beispiel?

Wir können etwa darauf hinweisen, dass in der Anlage etwas nicht stimmt und eine Überprüfung durchgeführt werden sollte. Das geht bis dahin, dass wir im Realbetrieb genau sagen können, wann die Krananlage genau gewartet werden muss und wie lange die Restlebensdauererwartung der E-Kette bzw. des E-Kettensystems ist. Da wird die Bewegung beachtetet, die Geschwindigkeit mit einbezogen, die Beschleunigung aber auch die Zugkraft oder das Spiel zwischen Bolzen und Bohrung.

Daten, die Sie jetzt auch hier in Ihrem Testcenter in Köln erhoben haben?

Genau. Mit diesen Daten aus dem 3.800 Quadratmeter großen Testlabor werden die aktuell erfassten Daten von dem sich im Einsatz befindlichen Kran dann abgeglichen. Dazu muss uns aber natürlich der Kunde erlauben, dass wir die Daten erhalten. Das ist in sehr vielen Fällen nicht ganz einfach, aber wir machen das so, dass wir eine separate SIM-Karte mit einbauen und nicht in das Netzwerk des Kunden gehen. Die Daten, die wir dann erhalten, werden von uns als Rohdaten verwendet.

Das heißt?

Das bedeutet, wir sehen nicht, ob sie jetzt aus London oder Singapur kommen, sondern die Daten kommen rein, werden mit dem Algorithmus bearbeitet und über den gleichen Kanal gehen die Daten auch wieder raus. Alternativ lässt sich das System aber auch so betreiben, dass das „Isense System“ ausschließlich in die IT Infrastruktur des Kunden eingebunden ist. Er kann dabei sehen, wie der Zustand der Energieführungssysteme auf seinen Kranen ist und ob alles reibungslos funktioniert. Der Vorteil für den Kunden ist sowohl bei der Online- wie auch der Offline-Variante, dass er seine Instandhaltung besser planen und somit Kosten sparen kann. Er kann besser sehen, in welchem Zustand das Energiekettensystem ist, und hat darüber die Möglichkeit, unerwartete Stillstandzeiten zu vermeiden.

Wo sehen Sie noch weitere technische Möglichkeiten in diesem Bereich?

Es bleibt auf jeden Fall spannend. Es wird immer wieder neue technische Herausforderungen geben, auf die wir uns einstellen müssen. Allein dadurch, dass der Fahrer, vor allem in der Hafenkrantechnik, nicht mehr auf dem Kran sitzt, werden die Krane mit höheren Geschwindigkeiten arbeiten können. Wir werden höhere Umschlagzeiten und dadurch auch höhere Geschwindigkeiten haben. Das heißt, im Moment fährt ein Kran mit vier Metern pro Sekunde in der Katzfahrt, das ist so die Regel. Wir werden aber auf bis zu fünf bis sechs Meter pro Sekunde kommen.

Und wie bereiten Sie sich darauf vor?

Dem stellen wir uns speziell mit dem Kettentyp P4.1, bei dem wir das Gleitlager in das Kettenglied mit integriert haben, um noch mal höhere Zugkräfte, höhere Geschwindigkeiten und höhere Lebensdauern zu bekommen. Das Thema Lebensdauer bleibt auch nach wie vor sehr interessant. Wir haben bisher mit Lebensdauer-Erwartungen von etwa zehn Jahren gearbeitet, der Markt zeigt uns aber, dass wir auf mindestens 15 Jahre kommen müssen. Ein Kran hat eine Lebensdauer-Erwartung von 30 Jahren. Bei einer solchen Lebensdauer-Erwartung wird das System vom Betreiber bisher zweimal überarbeitet, beziehungsweise erneuert. Wenn wir auf fünfzehn Jahre kommen, muss das nur einmal gemacht werden. Das ist unser Ziel.

Wo sehen Sie die Grenzen?

Man kann natürlich nicht immer schneller werden. Für Beschleunigungen von über 2 m/s2 wären die Antriebe dann zu groß. Von daher sind wir mit unseren kleinen, leichten Teilen immer noch in einer sehr komfortablen Position. Für die nächsten Jahre sind wir, was die Beschleunigung angeht, also noch sicher. Wir schauen uns aber kontinuierlich auf dem Markt um, um zu wissen, was in zehn oder vielleicht auch zwanzig Jahren gefordert wird.

Und was könnte das sein?

Die Geschwindigkeiten werden höher werden. Damit steigt auch die Beanspruchung des Materials. Wir werden höhere Datenvolumina und neue Systeme haben. 5G ist ein großes Thema für die Datenübertragung. Was man aber im Moment noch nicht sagen kann ist, wie schnell sich davon was in welche Richtung entwickeln wird.

Das heißt, das Fragezeichen ist eher beim „Wann“ und nicht beim „Ob“?

Ja, es wird ganz sicher weiter automatisiert werden, es wird weiter daran gearbeitet werden, den Umschlag pro Container billiger zu machen, es werden neue Geschäftsmodelle kommen. Etwa, dass der Kran nicht mehr bezahlt wird, sondern der Kranbauer nach umgeschlagenem Container bezahlt wird. Wo man also nur noch den Nutzen konkret abrechnet. Das gibt der Kranbauer natürlich auch an die Komponentenhersteller weiter und, und, und. Dem muss man sich stellen und muss sein Material, seine Produkte in diesem ganzen Spiel fit halten. Gerade dafür braucht man die Tests, die Erfahrung und die Sicherheit.

Was heißt das für Igus und die kommenden Jahre?

Wir werden weiter an unseren Produkten und an unseren Energieketten und Leitungen arbeiten. Wir sind auch mit der P4.1 noch nicht am Ende der Entwicklung, es wird da weitere Schritte geben. Wir werden an der Sensorik weiter dranbleiben und wir werden bei schnelllaufenden Anlagen mehr gefordert werden, auch bei dem Wettbewerb außerhalb der E-Kette. Es wird in Bezug auf verschiedene Materialien für die Zubehörteile weiter geforscht werden, damit wir von Edelstahl weg hin zu Aluminium kommen beispielsweise. Auch bei den Hallenkranen sehe ich große Möglichkeiten, die althergebrachten Systeme noch dahingehend zu verbessern, dass wir Montagezeiten einsparen oder noch engere Partnerschaften mit dem Kranbauer eingehen und dabei noch tiefer mit in seine Produktionsmöglichkeiten einsteigen.

Herr Diehl, vielen Dank für das Gespräch.

Technische Logistik 12/2019 PDF-Download (2.08 MB) Autor: C. Kasper