E-Commerce und Logistik

Experten diskutierten über die Herausforderungen der Zukunft

Die Logistikwerkstatt Graz 2021 stellte die Gerätetechnik, Software, Organisation und Geschäftsmodelle des E-Commerce in den Fokus und blickte in die Zukunft.

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(v.l.n.r.) Hannes Hick (Technische Universität Graz), Andrea Pilz-Kapfinger (Österreichische Post AG), Thorsten Schmidt (Technische Universität Dresden) und Gerhard Greiner (ALP.Lab GmbH) diskutieren zum Thema „autonome Zustellfahrzeuge“ Bild: Hannes Hick, Thorsten Schmidt, Christian Landschützer
(v.l.n.r.) Hannes Hick (Technische Universität Graz), Andrea Pilz-Kapfinger (Österreichische Post AG), Thorsten Schmidt (Technische Universität Dresden) und Gerhard Greiner (ALP.Lab GmbH) diskutieren zum Thema „autonome Zustellfahrzeuge“ Bild: Hannes Hick, Thorsten Schmidt, Christian Landschützer

Das Duett aus Verein Netzwerk Logistik (VNL) und Institut für Technische Logistik der TU Graz (ITL) lud gemeinsam am 7. und 8. Oktober 2021 in das historische Ambiente der Aula der Alten Technik zu einem Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ein. Bei diesem erstmals in hybrider Form durchgeführten Event verfolgten mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus fünf Nationen die insgesamt 17 Vorträge und beteiligten sich intensiv an den beiden umfassenden „Werkstattsitzungen“.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft und Studierenden erörterten Fragen rund um die Themen „autonomes Zustellfahrzeug“ und „Microhub und Groß-Fullfillment“. Hierbei wurde ein Versuch einer Prognose für die Logistik der nächsten zehn Jahre unternommen, die hier zusammenfassend wiedergegeben wird.

17 Fachvorträge

Innerhalb der zweitägigen Vortragsreihe wurden die Auswirkungen und Herausforderungen des stark wachsenden E-Commerce auf die (Intra-)Logistik analysiert. KEP-Dienstleister, wie beispielsweise die Österreichische Post AG, erweitern aktuell ihre logistischen Netzkapazitäten: von der Modernisierung der Paketbasen bis hin zum kompletten Neubau von Logistikzentren. Dabei wird auf neuste Technologie unter anderem im Bereich der automatisierten Entladung von Wechselaufbaubrücken („Rapid Unloader“) zurückgegriffen, welche durch die PHS Logistiktechnik GmbH angeboten wird und die gemeinsam mit der Österreichischen Post AG und der TU Graz entwickelt wurde.

Auch im Handel sind die Veränderungen im Konsumverhalten durch den E-Commerce zu bemerken. Dies erfordert neue beziehungsweise aktualisierte Geschäftsmodelle, um weiterhin wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dabei wird beispielsweise versucht, den Ansatz des Unified Commerce umzusetzen, um so eine optimale Customer Experience zu bieten, in deren Fokus stets die Kundenwünsche und -bedürfnisse stehen. Bei der Kastner & Öhler AG wird verstärkt der ROPO-Effekt (Research online – purchase offline) wahrgenommen, welcher dem stationären Handel wieder mehr Bedeutung zukommen lässt.

Dem großen Trend der Regionalität hat sich das Unternehmen Nice Shops GmbH in der Südoststeiermark gewidmet. Über den Online-Shop werden diese regionalen Produkte nicht nur per Post versandt, sondern auch bei Bestellung bis 15:00 Uhr im Raum Graz „same day“ per Fahrradkurier zugestellt. In den weiteren Vorträgen wurde unter anderem auf die neuste Gerätetechnik der Siemens Logistics GmbH, Knapp AG und SSI Schäfer Automation GmbH eingegangen, welche für einen effizienten Betrieb der Distributions- bzw. Logistikzentren notwendig ist.

Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Führende Professoren und Forscher der Technischen Logistik bereicherten mit Ihren Ein- und Ausblicken den Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Den Abschluss der Vortragsreihe bildete ein Bericht der TU Graz Forschungsinitiative „Nachhaltige Personen- & Gütermobilität“. Erklärtes Ziel ist hier ein interdisziplinärer Forschungs- und Wissensaustausch der neun beteiligten Forscher und Forscherinnen und Institute aus technischen und ökonomischen Domänen.

Die Beiträge sind im Tagungsbegleitband dargestellt und als open source Ebook (DOI 10.3217/978-3-85125-837-0) beziehungsweise über den Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-85125-837-0).

Blick in die Zukunft – Werkstattsitzungen

Am ersten Tag der Logistikwerkstatt wurde erörtert, welchen Einfluss die voranschreitenden Technologien im Bereich des autonomen Fahrens auf die KEP-Dienstleister haben. Dabei wurden unter anderem folgende Fragen in den Fokus gestellt, mit dem Versuch einer Prognose für die Zukunft:

  • Braucht es aufgrund der Verkehrssituation in den Innenstädten ein Umdenken im Zustellprozess und sind autonome Zustelllösungen die Antwort?
  • Gibt es ein Potential für Zustellfahrzeuge, welche Sendungen autonom auf der letzten Meile transportieren und am Zustellort übergeben?
  • Wie wird sich das Berufsbild Zustellfahrer verändern?
  • Wie weit ist die Entwicklung eines marktreifen autonomen Zustellkonzepts bereits vorangeschritten?

Die KEP-Zustellung bewegt sich besonders im Spannungsfeld Ökologie und Ökonomie. Um diesen Ansprüchen in Zukunft gerecht zu werden, benötigt es neue Formen innovativer Zustellungskonzepte auf der letzten Meile, wobei hierbei die Lösungsakzeptanz durch die Sendungsempfänger eine wesentliche Rolle spielt. Erfahrungen zeigen, dass vor allem junge (technikaffine) Menschen in urbanen Gebieten Innovationen in diesem Bereich sehr gut annehmen (zum Beispiel Paketstationen, Vorzimmer-Zustellung und Ähnliches). Diese Last-Mile-Adaptionen bringen sowohl ökonomische sowie ökologische Vorteile im Zustellprozess (Erhöhung der Zustellquote und dadurch Reduktion von Zustellkilometern). Dem gegenüber steht jedoch der schwindende persönliche Kontakt zwischen Empfänger und KEP-Dienstleister, welcher vor allem von der älteren Bevölkerung sehr geschätzt wird.

Große Herausforderung: Autonome Zustellung

Der Trend zu autonomen Systemen wird auch im KEP-Sektor Einzug halten. Die Prognose muss jedoch differenziert ausfallen, denn während beim autonomen Transport von Sendungen auf bestehende beziehungsweise zukünftige Innovationen aus der Fahrzeugindustrie zurückgegriffen werden kann, stellt die autonome Zustellung (inklusive Sendungsübergabe) eine aktuell als sehr groß eingeschätzte Herausforderung dar (Sicherheit, Lösungsakzeptanz).

Automatisierte oder autonom durchgeführte Teilprozesse werden jedoch in der Zukunft einen großen Teil dazu beitragen, dass das Zustellpersonal in seiner Tätigkeit unterstützt und dadurch das Berufsbild nachhaltig neu definiert wird.

Die Entwicklung und Anwendung neuer Technologien sowie damit einhergehende Veränderungen im Zustellprozess werden in Zukunft eine entscheidende Schlüsselrolle einnehmen, um die Branche in Richtung Klimazielerreichung zu lenken. Die „Logistikwerkstatt-Prognose“ ergab, dass die Entwicklung der autonomen KEP-Zustellung erst zu 20 bis 30 Prozent fortgeschritten ist und es weiterhin ein großes abzuarbeitendes Forschungsfeld im Bereich der letzten KEP-Meile gibt.

Das Beste aus beiden Welten

Der zweite Tag der Logistikwerkstatt stellte sich dem Thema „Microhub und Groß-Fullfillment – das Beste aus beiden Welten“ mit dem Ziel, die aktuellen sowie zukünftigen Trends aufgrund des E-Commerce im Distributionsbereich zu eruieren:

  • Gibt es einen Trend vom Groß-Fullfillment-Center hin zu Microhubs?
  • Was verändert der Fokus auf die Nachhaltigkeit bei den Logistikzentren?
  • Wie sehen die Arbeitsplätze der Zukunft in den Logistikzentren aus; und braucht es bei Vollautomatisierung überhaupt noch den Menschen?

Weder Groß-Fullfillment-Center noch Microhubs werden in Zukunft allein das Bild in der Logistikbranche prägen. Auch weiterhin wird der Einsatz und die Konzeptionierung der Größe von Logistikzentren sehr stark vom Einsatzgebiet und der Lieferkette beeinflusst werden. Es wird sich allerdings eine klare Trennung der Einsatzgebiete ergeben. Microhubs stellen in urbanen Gebieten die Grundlage für kurze Lieferzeiten und Kundennähe dar. Erst dadurch werden neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle (zum Beispiel Same-Hour-Delivery und Frischwarenlogistik) ermöglicht. Dagegen werden auch zukünftig globale Transport- und Lieferketten weiterhin auf Großlogistikzentren basieren. Daher gibt es keine Entweder-Oder-Frage in Bezug auf derartige Logistikkonzepte, sondern es müssen frühzeitig möglichst alle (zukünftigen) Logistik- bzw. Geschäftsmodelle definiert werden, damit die passende Logistikinfrastruktur zugrunde gelegt werden kann. Prognosen gehen aktuell davon aus, dass im Jahr 2024 ca. 30 Prozent aller Logistikzentren als Micro-Fullfillment-Center betrieben werden.

Ein weiterer Trend ist auch die nachhaltige Gestaltung von Logistikzentren. Hierbei werden bereits in der Planungsphase Nachhaltigkeitsfaktoren, wie beispielsweise Energieeffizienz oder CO2-Footprint, in die Konzeptionierung und Auslegung miteinbezogen. Auch wenn es eine starke Tendenz in Richtung Automatisierung gibt, gilt es hier genau abzuwägen, welche Prozessschritte sich hierfür eignen bzw. wie die Menschen noch besser unterstützt werden können – denn klar ist: Auch in Zukunft wird die Logistikbranche nicht gänzlich ohne menschliche Arbeitsleistung auskommen. Darum gilt es auch weiterhin am Image der Logistik zu arbeiten und die Logistik-Arbeitsplätze zu attraktiveren, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Jubiläum

Zehn Jahre Logistikwerkstatt Graz

In diesem Jahr lädt das ITL gemeinsam mit dem VNL zur 10. Logistikwerkstatt ein. Vom Abend des 23.05. bis 24.05.2022 wird am mittlerweile traditionellen Veranstaltungsort einerseits auf ein Jahrzehnt voller spannender Diskussionen und Vorträge zurückgeblickt, andererseits aber auch in gewohnter Manier neue Erkenntnisse und Innovationen erörtert und gemeinsam der Versuch einer Prognose für die Zukunft der Technischen Logistik erarbeitet – diesmal unter dem Motto „think bigger“.

Dabei wird auch ein neues ergänzendes Veranstaltungsformat vorgestellt und an die Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer angepasst.

Weitere Infos (Anmeldung, Programm, Tagungsband…) finden Sie unter

https://logistikwerkstatt-graz.at/.

Prof. Dr. Christian Landschützer, Institut für Technische Logistik,
TU Graz, Österreich

Prof. Dr. Christian Landschützer

Martin Knödl

Martin Knödl
Institut für Technische Logistik,TU Graz, Österreich

Gerald Mahringer, Institut für Technische Logistik, TU Graz, Österreich

Gerald Mahringer
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· Artikel im Heft ·

E-Commerce und Logistik
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