„Die Leute wollen Messen“

Peter Kazander über Messen in Zeiten der Pandemie

Seit gut zwei Jahren beeinflusst die Pandemie unser Leben – in hohem Maße auch das Messe-geschäft. In den vergangenen 24 Monaten haben maximal zehn, zwölf Prozent der geplanten Veranstaltungen tatsächlich stattgefunden. Jan Kaulfuhs-Berger, Chefredakteur „Technische Logistik“, hat mit Peter Kazander, Geschäftsführer der Euroexpo GmbH, über die Situation der Messelandschaft im Allgemeinen und der Logimat im Besonderen gesprochen.

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 Bild: J. Kaulfuhs-Berger
Bild: J. Kaulfuhs-Berger

Jan Kaulfuhs-Berger: Wir sind mittlerweile am Beginn des dritten Pandemie-Jahres. Besonders getroffen hat es dabei die Messegesellschaften. Herr Kazander, wo steht die Messelandschaft heute?

Peter Kazander: Messetechnisch hat in den vergangenen 24 Monaten kaum etwas stattgefunden, egal auf welche Branche man schaut. Im vergangenen Jahr, zwischen August und Oktober, sind ein paar Messen gelaufen – zum Beispiel die Fachpack in Nürnberg. Und dort hat man gemerkt: Die Leuten wollen Messen! Menschen wollen zusammenkommen, nicht nur aus geschäftlichen, sondern auch aus sozialen Gründen.

Messen haben in der Pandemie also nichts von ihrer Anziehungskraft verloren?

Definitiv nicht! Wir spüren insbesondere bei der Vorbereitung der Logimat, die vom 31. Mai bis 2. Juni in Stuttgart stattfindet, sowohl auf Seiten der Aussteller als auch auf Seiten der Besucher puren Enthusiasmus, pure Freude.

Auch von einer Zurückhaltung bezüglich möglicher Infektionsrisiken ist nichts zu spüren?

Nein, es gibt keine Angst vor Zusammenkünften und vor allem auch keinen Grund. Wir sind vernünftig geschützt. Auch wenn die Inzidenzen noch relativ hoch sind, die Hospitalisierungsraten sinken beständig. Und wir haben auf der Logimat ein sehr gutes Hygienekonzept.

Viele haben in den vergangenen zwei Jahren versucht, virtuelle Messen anzubieten.

Verständlich. Und dann kam die Stimmung wie Mitte der 1990er Jahre auf: Wir haben ja jetzt das Internet und brauchen keine Messen mehr! Das hat sich – damals wie heute – nicht bewahrheitet. Was auch immer unter dem Begriff „virtuelle Messe“ gelaufen ist, hat nur zu Enttäuschungen geführt – sowohl auf der Aussteller- als auch auf der Besucherseite. Ich sage es noch einmal ganz deutlich: Virtuelle Messen sind ein Widerspruch in sich!

Dennoch gibt es ja die „LogiMAT.digital“, die im Netz ja recht erfolgreich läuft.

Ja, aber das ist keine virtuelle Messe.

Sondern?

Eine digitale Plattform. Aber lassen Sie mich bitte noch einmal einen Schritt zurückgehen. Das, was virtuelle Messe genannt wird, ist vom Konzept her ein kurzer Zeitraum von ein paar Tagen, in denen Aussteller und Besucher auf eine Internetplattform gebracht werden, um dort ein paar Spielchen zu spielen. Das funktioniert aber nicht. Die Stärke der „LogiMAT.digital“ besteht nicht in drei, vier Tagen Messe. Wir werden in Stuttgart auch keine Hybrid-Veranstaltung machen. Das ist Quatsch! Sondern wir ermöglichen dem Messe-Aussteller, auf dieser Plattform außerhalb der Messezeiten seine Lösungen zu präsentieren und damit zwischen den Messen mit den Besuchern permanent in Kontakt zu bleiben.

Das klingt danach, dass diese Plattform auch weiterhin bestehen bleibt.

Ja, definitiv. Die „LogiMAT.digital“ ist zwar in der Pandemie entstanden, die Idee hierzu ist aber deutlich älter. Für die Ausstellerseite ist es ja spannend, übers Jahr weiter in Kontakt mit den Besuchern zu bleiben. Also vielleicht alle zwei, drei Monate Aktionen hier zu starten …

… und sich im Vorfeld einer Messe schon in Position zu bringen.

Genau. Ein gutes Beispiel ist die Aktion „Hallo Stuttgart“, die Vorfeld der Messe stattfindet. Hier senden wir etwa einen Monat lang Aussteller-Einladungen an Besucher, diese zur Messe an ihren Ständen zu besuchen.

Die „LogiMAT.digital“ also als Brücke zwischen den Messen in Stuttgart.

Ja, aber nicht nur das. Sondern auch zwischen unseren Logimat-Messen, die in Shanghai und Bangkok stattfinden.

Stichwort Bangkok. Die Euroexpo GmbH hat die dortige Messe ja im Frühjahr 2019 gekauft. De facto hat, pandemiebedingt, bis jetzt ja noch nichts stattgefunden.

Nun, wir hatten Ende Juli 2019 gewissermaßen eine „Nullausgabe“ – die Intelligent Warehouse. Diese Messe lief damals noch unter diesem Namen, war im Grunde aber schon eine Logimat. 2020 und 2021 mussten wir wegen der Pandemie zunächst verschieben, dann absagen – auch weil die Einreisesituation in Thailand sehr lange unklar war. Jetzt haben wir aber einen tollen Termin …

… vom 12. bis 14. Oktober 2022 …

… und das wird dann die erste richtige Logimat-Messe in Bangkok sein. Hier werden unsere Aussteller, das darf ich an dieser Stelle auch sagen, mit einem fantastischen Zuschuss vom Wirtschaftsministerium unter dem Stichwort „made in Germany“ unterstützt. Das wird eine super Geschichte!

Bleiben wir auf dem internationalen Parkett. Gibt es mit Blick auf die Euroexpo weitere Neuigkeiten?

Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren viel Zeit zum Nachdenken. Ja, es sind einige Sachen in der Pipeline. Ich hatte gehofft, wir wären in der Zwischenzeit damit etwas weiter. Aber es kommt dieser Tage noch mehr. Lassen Sie sich überraschen. Aber eines kristallisiert sich mittlerweile heraus: Es wird für mich schwer, zur Zeit in Rente zu gehen. Ich werde wohl weiter machen.

Herr Kazander, herzlichen Dank für das Gespräch!

Redaktion (allg.)

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· Artikel im Heft ·

„Die Leute wollen Messen“
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