„Blaupause“ für den Stahlumschlag

Logistikdrehkreuz für Norddeutschland mit Erweiterungspotenzial

Sie gilt mit ihren 36.000 Quadratmetern Hallenfläche plus Gleisanbindung als „Blaupause“ für den Aluminium- und Stahlumschlag des Stahlkonzerns Thyssenkrupp als Hersteller von Stahlprodukten. Bereits im Mai 2017 kam die erste überraschende Anfrage aus Essen im Rotenburger Rathaus an, ob denn 75.000 Quadratmeter Grundstück mit Gleisanschluss in Rotenburg/Wümme realisierbar wären? Der Plan: Bündelung verschiedener norddeutscher Standorte in der Niedersachsenstadt. Der damalige Bürgermeister Andreas Weber gab grünes Licht. Bei Vollauslastung sind bis zu 70 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im 3-Schicht-Betrieb tätig.

1105
 Bild: Thyssen Materials Services
Bild: Thyssen Materials Services

Die Fertigstellung des Rotenburger Logistik-Centers, in seiner Logistik der „Ware zum Lkw“ ist im Essener Konzern bislang noch einmalig. Seit Sommer 2021 werden hier bis zu 20.000 Tonnen Werkstoffe vorrätig gehalten um größtmögliche Materialverfügbarkeit zu gewährleisten, so Matthias Holowaty, Leiter Logistik Region Nord bei der Konzerntochter Thyssen Materials Services.

Der Werkstoffhändler investierte in das rund 100.000 Quadratmeter großes Grundstück und die Hardware, eine Hallenlagerfläche von 36.000 Quadratmeter im Rotenburger Gewerbegebiet, gut 60 Millionen Euro. Mit dem Digital-Konzept „Ware zum Lkw“ (toii) habe man Neuland betreten und ein Center mit Pilotcharakter entwickelt, „das quasi die Blaupause“ für spätere Logistikimmobilien sein soll und wo der Maschinenpark digital vernetzt wird, erklärt Holowaty.

Im Gefüge des Thyssenkrupp-Konzerns konzentriert sich das Tochterunternehmen Produzenten unabhängig hauptsächlich auf den deutschen Markt. Für das erklärte Ziel der Bündelung in Rotenburg mussten zuvor insgesamt drei Niederlassungen, davon zwei in Hamburg und eine in Bremen, im Herbst 2021 weichen. „Wir liegen hier nahe der Autobahn und strategisch günstig zwischen in Hamburg und Bremen“, erklärt Holowaty einige Gründe pro Rotenburg. Eine derartige Infrastruktur mit entsprechendem Grundstückszuschnitt, und – was nicht unwesentlich gewesen sei für die Standortentscheidung – dem vorhandenen Gleisanschluss sei im zunächst priorisierten Hamburger Süden nicht vorhanden gewesen.

Vom Ruhrpott an die Wümme, von Essen auf den Weg nach Rotenburg, machte sich daher schon im Februar 2020 die Führungsriege um Vorstand, Geschäftsführung, Logistik- und Projektleiter der Thyssenkrupp Materials Service, um die Grundsteinlegung ihres neuen „State-of-the-art“ Logistikcenters zu feiern. „Wir wollen für unsere Kunden nicht nur der beste Materialverkäufer, sondern auch der beste Lieferkettenmanager sein“, erklärte damals Martin Stillger, Vorstandssprecher von Thyssenkrupp Materials Services.

Modernes Werkstoffgeschäft

Seitdem werden in Rotenburg dank Automatisierung, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz Produktionsmaschinen aller Generationen vernetzt, Bestellprozesse automatisiert, Warenströme analysiert und Vorhersagen für den Werkstoffbedarf der Kunden getroffen, getreu dem Motto „Materials as a Service“. Das Versprechen: Rundum-Service mit einer „Boxencrew, die sich um alle Werkstofffragen und Dienstleistungen entlang der Kunden- Supply Chain kümmert“.

Etwa ein Jahr später und nach den ersten Testläufen sowie dem Einspielen aller logistische Abläufe läuft digitalisiert laut Werksangaben alles nahezu nach Plan, in Teilen im 3-Schicht-Modus. Im Idealfall sorgen so der optimierte Materialfluss sowie der Einsatz Fahrerloser Transportsysteme für eine schnellere und effizientere Be- und Entladung und damit auch für deutliche Reduzierungen der Standzeiten, oder wie Holowaty sagt, „in weniger Zeit die gleiche Menge Lkw“. Der Logistiker spricht dabei von bis zu etwa 50 Lkw an 24 Stunden in der Vollauslastung des Werkes.

Wie viele andere Unternehmen hat Thyssen aber natürlich auch mit Lieferkettenproblemen und mit explodierenden Preisen beim Zukauf zu tun. Trotzdem gilt, geliefert wird ab Rotenburg noch schneller der Treibstoff für die industrielle Produktion der Kunden im E-Commerce und vor allem der Werften & Co im Norden. Letztere haben indes selbst mit Krisen-Szenarien zu kämpfen.

Keine Querverkehre beim Lager und Transport

„Nach Kundenvorgabe kann Langmaterial passgenau bearbeitet werden. „Ob längs- oder quergeteilt, gesägt, gelasert, plasmagebrannt, wasserstrahlgeschnitten, entzundert und grundiert, inklusive Qualitätssicherung und Werkstoffprüfung, alles direkt einsetzbar für die Kunden“, so der Interims-Projektleiter Peter Velten, der den Aufbau des beispielhaften Logistikkonzeptes federführend begleitet hat.

Das Konzept soll auch dem Gesundheitsschutz des gesamten Teams zuträglich sein, da es dank Automatisierung nun weniger körperliche Arbeit und keinen Querverkehr mehr im Lager- und Anarbeitungsbereich gebe, lautet die Begründung des Unternehmens.

Beim Gleisverkehr beschränke man sich mit Rücksicht auf die Anwohner auf ein Zwei-Schicht-System von 6 Uhr bis 22 Uhr. Auf der Schiene als wohl nachhaltigste Lösung könnten im Wareneingang etwa 60 bis 70 Tonnen geladen werden, was etwa zwei bis drei entspräche.

Gebaut wurde die imposante Logistikhalle vom Generalunternehmer Willy Johannes Bau GmbH & Co. KG aus dem niedersächsischen Nachbarort Hemslingen. Das frühere Stahlunternehmen in Familienhand ist auf schlüsselfertige Industrie- und Gewerbeimmobilien spezialisiert. Auch wenn man bei Johannes von Routine in der Bauphase spricht, einige Extras und besondere Gebäudeanforderungen gab es eben doch. Der technische Ausbau für KI & Co. ist das eine, „eine Hallenhöhe von 22 Metern schon weit über dem Maß typischer moderner Logistikhallen mit 11 bis 14 Metern Höhe“, so Dr. Klaus Piepmeier, Mitglied der Geschäftsleitung und Vertriebsleiter. Piepmeier nennt allein etwa 30 Millionen Euro an Kosten nur für den Hallenkomplex.

Hans-Jörg Werth; Werth Kommunikation/Text & Ideen, Scheeßel

AnhangGröße
Beitrag als PDF herunterladen1.52 MB

· Artikel im Heft ·

„Blaupause“ für den Stahlumschlag
Seite 58 bis 59
20.08.2021
Generalüberholung für Regalbediengeräte und Fördertechnik
Die Produkte von thyssenkrupp rothe erde sorgen jeden Tag dafür, dass die Welt in Bewegung bleibt. Der Weltmarktführer stellt sogenannte Großwälzlager her. Großwälzlager sind Komponenten, die zwei...
18.11.2020
Wege eines Staplers: von der Entstehung bis zur Auslieferung
Auch wenn sich ganz grundsätzlich die Produktion von Gabelstaplern ähnelt, ist es dennoch interessant, diese von Zeit zu Zeit etwas genauer zu betrachten. Dass nur wenige Wochen nach dem Besuch in...
26.10.2022
Hochauflösende zerstörungsfreie Prüfung von Stahlseilen
Im Rahmen eines vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) geförderten Forschungsprojekts wurde ein neues Prüfgerät entwickelt...
20.10.2022
Konvektionsloser Betrieb ohne Staubaufwirbelung
Der zunehmende Internet-Handel treibt die Nachfrage nach Logistik-Hallen. In Ballungsgebieten fehlt es aber oft an verfügbaren Grundstücken und an Baukapazitäten. Eine Lösung sind kompakte City...
17.11.2020
Kapazitäten, Effizienz und optimierte Prozesse
Mit einem umfassenden Erweiterungs- und Modernisierungsprojekt hat die Mias Gruppe Effizienz und Produktionsausstoß in ihrem zentralen Werk für Regalbediengeräte mehr als verdoppelt. Durch Einbindung...
07.12.2020
Ohne Konsolidierung in die Champions-League
In Neuendorf in der Schweiz, einige Fahrminuten südlich von Basel, entsteht eines der größten Logistikzentren des Landes. Die Migros-Verteilbetrieb Neuendorf AG investiert in die Zukunft des Standorts...