Am Beginn 
stand die Werkstatt … Nachkriegszeit … …langfristige Kundenbindung

Am Beginn 
stand die Werkstatt … Nachkriegszeit … …langfristige Kundenbindung

Ein Feature und ein Gespräch über 100 Jahre Firmengeschichte

Nein, man sieht dem Unternehmen sein Alter nicht an. Dennoch agiert die Still GmbH seit nunmehr 100 Jahren erfolgreich am Markt und gilt als Pionier elektromotorisch angetriebener Gabelstapler. Dabei zeigt ein Blick hinter die Kulissen, dass deutlich mehr als nur reine Innovation und technische Entwicklung hinter dem Erfolgskonzept des heutigen Anbieters intralogistischer Gesamtlösungen steckt. Dr. Henry Puhl, Vorsitzender der Still-Geschäftsführung, hat im Gespräch mit „Technische Logistik“ diesbezüglich den Vorhang ein wenig gelüftet.

1.  (Quelle: Still)
2.  (Quelle: Still)
3.  (Quelle: Still)

» Die Lithium-Ionen-Technologie wird meiner Meinung nach nicht das allein glücklich machende Energiespeichersystem der Zukunft sein. Schon aus dem Grund, weil es wirtschaftlich nicht immer die erste Wahl ist.

Dr. Henry Puhl

Vorsitzender der Still-Geschäftsführung

» »Still setzt - unabhängig vom Energiespeicher oder der Antriebstechnologie – stets auf die Zero Emission Philosophie, mit der wir proaktiv für unsere Kunden ins Feld gehen.

Dr. Henry Puhl

Vorsitzender der Still-Geschäftsführung

» Still hat aber seinerzeit, und das war neu, seine Kompetenz in den Bereichen elektrische Antriebe, Mobilität und Transport verbunden und damit den Grundstein für den bis heute anhaltenden Erfolg gelegt.

Dr. Henry Puhl

Vorsitzender der Still-Geschäftsführung

Jan Kaulfuhs-Berger: Herr Dr. Puhl, ich stelle jetzt nicht die Frage, ob Sie sich noch genau an den 1. Februar 1920 zurück erinnern können.

Henry Puhl: (lacht) Naja, selbst wenn wir beide uns alterstechnisch zusammentun würden, würde das schwierig werden.

Insofern eine, finden wir, beeindruckende Firmengeschichte, ja Industriegeschichte, die wir heute einmal etwas näher mit Ihnen beleuchten wollen.

Gern.

Wenn Sie, Herr Dr. Puhl, diese Aspekte hinsichtlich der Anfänge von Still an-schauen, was fällt Ihnen dazu spontan ein?

Ich würde sagen, dass Still damals schon ein wachsendes Unternehmen war, das sich seinerzeit bereits große Ziele gesetzt und – ganz wichtig - die Menschen hinter der Marke Still in den Mittelpunkt gestellt hat. Damit hob sich Still bereits früh von ähnlichen Reparaturwerkstätten ab.

Herr Dr. Puhl, Still hat nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur gezielt auf das Thema Flurförderzeuge gesetzt, sondern schon auf das Thema Mobilität.

Ja, die Produktion von Flurförderzeugen ist die eine Sache. Still hat aber seinerzeit, und das war neu, seine Kompetenz in den Bereichen elektrische Antriebe, Mobilität und Transport verbunden und damit den Grundstein für den bis heute anhaltenden Erfolg gelegt. Dann war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum nächsten Erfolgsprodukt, …

… einem Dreirad-Schlepper, …

… der bald in großen Stückzahlen als „Muli Mobil“ in vielen Lagerhallen und Industriebetrieben eingesetzt wurde.

1949 kam der ESG 1000 hinzu, der erste Gabelstapler aus unserem Haus. Dieser markierte den Beginn der eigentlichen Kernkompetenz von Still, nämlich anwenderfreundliche Ingenieurskunst, die auf die wachsenden logistischen Bedürfnisse der Wirtschaft hin entwickelt wird.

Herr Dr. Puhl, dass – nennen wir es – eine tragende Säule der technischen Entwicklung von Still eines Tages de facto an der nächsten Ecke einen direkten, ernstzunehmenden und sehr erfolgreichen Mitbewerber, die heutige Jungheinrich AG, gründet, kann ja seinerzeit nicht gut angekommen sein, oder?

Wissen Sie, so ein Wechsel ist auch heute nichts Außergewöhnliches. Und ich sehe dies genauso, wie es Hans Still seinerzeit im Interesse des technischen Fortschritts gesehen hat: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Still gilt, nicht zu Unrecht, als Pionier der elektromotorisch betriebenen Flurförderzeuge. Jungheinrich, um einmal in diesem Spannungsfeld zu bleiben, als Pionier in der Lagertechnik – aber heute auch als Pionier in der Lithium-Ionen-Technologie bei Flurförderzeugen.

Das mag vielleicht eine Momentaufnahme sein. Aber gerade weil wir über 100 Jahre Still und damit auch über eine jahrzehntelange Geschichte der Elektromobilität sprechen, ist mir der Gesamtzusammenhang wichtig.

Bitteschön.

Wir sind mit Elektroantrieben gestartet, haben sehr früh mit ersten Brennstoffzellenprojekten begonnenen und auch das erste hybrid angetriebene und in Serie produzierte Flurförderzeug auf den Markt gebracht. So gesehen waren und sind wir Vorreiter in der Branche – auch bei den alternativen Energiespeichern. Beispiel: Brennstoffzelle. Unser erstes diesbezügliches Projekt haben wir im Jahr 2003 am Münchner Flughafen umgesetzt. Durch ihren hohen Wirkungsgrad und die Emissionsfreiheit war die Brennstoffzelle bei bestimmten Projekten damals bereits attraktiv und effizient.

Wenn in der Branche über alternative Energiespeicher geredet wird, spricht man heute am ehesten von der Lithium-Ionen-Technologie.

Ja, aber dies wird meiner Meinung nach nicht das allein glücklich machende Energiespeichersystem der Zukunft sein. Schon aus dem Grund, weil es wirtschaftlich nicht immer die erste Wahl ist. Dennoch sehen wir in dieser Technologie ein großes Potential. Mit der Lithium-Ionen-Technologie werden sich die Elektrostapler mehr und mehr in die Bereiche entwickeln, die bisher für verbrennungsmotorisch betriebene Fahrzeuge reserviert schienen – was auch unser RX 60 beweist. Aber ganz unabhängig vom Energiespeicher oder der Antriebstechnologie – wir setzen stets auf unsere Mission: Zero Emission Philosophie, mit der wir proaktiv für unsere Kunden ins Feld gehen, um für diese effiziente Lösungen mit minimalem Ressourceneinsatz zu kombinieren.

Rechnen wir die technologischen und unternehmerischen Entwicklungen heraus, könnte man zusammenfassend sagen, bei Still ist, positiv gedacht, alles beim Alten geblieben.

(lacht) Sicher, Technologie entwickelt sich, teilweise rasant. Schauen wir nur einmal auf die aktuellen Dauerbrenner wie Automatisierung und Robotik, Sicherheit und Assistenzsysteme oder das allumfassende Thema intralogistische Gesamtlösungen. Auch hier spielt Still ganz vorn mit. Was aber bleibt, sind Werte wie Stellung, Förderung und Unterstützung der Mitarbeiter beziehungsweise Schnelligkeit, Zuverlässigkeit und Qualität, was Produkte, Lösungen und den Service angeht. Und nicht zu vergessen: eine strikte Ausrichtung des unternehmerischen Handelns an den Bedürfnissen der Kunden.

Genau die von Ihnen angesprochenen Dauerbrenner stehen ebenfalls noch auf meinem Zettel. Das Gespräch werden wir in Bälde mit genau diesen Themen fortsetzen.

Sehr gern.

Für heute, Herr Dr. Puhl, herzlichen Dank für die Einblicke in die Firmengeschichte und das nette Gespräch!

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Zwei Mitarbeiter waren es, mit denen sich Hans Still im Jahr 1920 mit einer Reparaturwerkstatt selbstständig gemacht hat. Damals schon standen Werte wie Schnelligkeit, Zuverlässigkeit und Qualität im Mittelpunkt des Unternehmens. Bereits kurze Zeit später wurden in der Werkstatt auch eigene Produkte entwickelt wie die Lichtstation „Matador“ und kleine tragbare Stromerzeuger.

Aber nicht nur Erfindergeist zeichnete die kleine Hamburger Firma aus, sondern bereits in den 1920er Jahren wurde hier der Stellenwert der eigenen Mitarbeiter erkannt. Das spiegelte sich unter anderem in den damals gegründeten und bis heute bestehenden unterschiedlichen Betriebssportgruppen als integraler Bestandteil der Unternehmenskultur wider. Gleiches gilt für die „Nothilfe Hans Still e.V.“, mit der damals (und auch heute) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geholfen wurde, die in eine Notlage geraten sind.

Und die Entwicklung blieb nicht stehen. Bereits 1924 war Still eine Größe auf der Leipziger Messe und präsentierte dort Lichtstationen, Elektromotoren, Generatoren und Transformatoren. Diese Produkte, die somit dem Weltmarkt vorgestellt wurden, bildeten de facto den Grundstein der weiteren Erfolgsgeschichte. Dennoch blieb neben der Entwicklung auch die Reparatur der Still-Produkte für viele Jahre der Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit – bis hin zur …

… und dem damit in Verbindung stehenden Zusammenbruch Deutschlands. Auch für das Unternehmen Still schlug zu dieser Zeit wieder die „Stunde Null“. Die auf 500 Mitarbeiter geschrumpfte Belegschaft begann mit dem Wiederaufbau des Unternehmens, das sich zunächst auf seine Wurzeln besann und mit der Reparatur von Elektromotoren und Transformatoren wieder den Betrieb aufnahm.

Vieles ist in den Kriegsjahren verloren gegangen, was blieb sind das Wissen und die Erfahrungen aus den bisherigen Innovationen und Produkten, der Teamgeist – und der Bedarf an Transportlogistik und mobiler Stromversorgung beim Wiederaufbau des Landes. Hinzu kam der allgegenwärtige Mangel an Treibstoff. Dies, in Kombination mit elektrotechnischem Know-how und einem klaren Blick auf die aktuellen Bedürfnisse, führte zum ersten Erfolgsprodukt von Still nach Beendigung des Krieges: dem Elektrokarren EK 2000.

Ein von Hans Still gegründetes Entwicklungsteam präsentierte diesen EK 2000 zu Beginn des Jahres 1946 und schaffte damit, rückblickend betrachtet, den Durchbruch als Hersteller von Flurförderzeugen. Das unabhängig von teuren fossilen Brennstoffen agierende kompakte und wendige Fahrzeug wurde zum Wendepunkt in der Ausrichtung des Unternehmens. Die Fertigung reiner Stromgeneratoren trat in den Hintergrund und wurde 1969 ganz eingestellt.

Das Stichwort heißt anwenderfreundliche Ingenieurkunst – und bringt uns zu einem Thema, das am Anfang bereits gestreift worden ist: die Stellung, die Wertschätzung der Mitarbeiter. Für Hans Still sind seine Mitarbeiter keine Lohnempfänger, sondern aktive Mitgestalter der Zukunft seines Unternehmens. Seit Anbeginn diskutiert und entwickelt er kontinuierlich im Dialog mit seinen Kolleginnen und Kollegen Ideen und Visionen für innovative Produkte.

Talent und Erfindergeist wurden nicht nur erkannt, sondern auch gezielt gefördert. Eigenverantwortliches Handeln stand dabei im Mittelpunkt. In dieser Tradition entwickelte sich auch ein junger Ingenieur namens Dr. Friedrich Jungheinrich im Team von Still. Dieser leitete Ende der 1930er Jahre zunächst die Arbeitsvorbereitung, in der die Werkzeuge für die Produktion entwickelt werden, und übernahm 1941 die Leitung des Vorrichtungshauses und der Normung. Später gab er als Produktentwickler dem Unternehmen wichtige Impulse für neue Innovationen.

Letzteres könnte auch eine Aussage von Hans Still gewesen sein. Genau wie der Ansatz, dass innovative Produkte, gekoppelt mit anwenderfreundlicher Ingenieurskunst und das Vertrauen in Mitarbeiter, nur eine Seite der Medaille sind. Die andere bildet durch einen schnellen und zuverlässigen Kundendienst entstehende …

Dies erkennend, stellte bereits Hans Still – parallel zur Geräteproduktion – seinen Kunden ein maßgefertigtes Serviceangebot zur Seite. Mit dem Schlagwort „Schnelle Hilfe“ signalisiert Hans Still in Werbeanzeigen seinen Kunden, dass er bei Problemen nicht im Regen stehen lässt und – nicht die einzige Parallele zu heute – sie darüber hinaus bei der Integration seiner Produkte in ihren Betriebsablauf logistisch berät.

Auch heute sind bei Bedarf die weltweit über 3.500 Kundendiensttechniker unterwegs und verbauen ausschließlich patentierte Still-Original-Ersatzteile – wenn nötig sind diese bereits am Morgen nach einer Bestellung bis 16:00 Uhr des Vortages beim Servicetechniker. Und die Beratungsleistungen, in welchem Bereich auch immer, hat Still bis heute sukzessive ausgebaut.

 

 

 

Technische Logistik 08/2020