„Wir wollen ganz vorne mitspielen“

„Wir wollen ganz vorne mitspielen“

Kai von Berg über Elektromobilität und alternative Antriebsmöglichkeiten bei Frontstaplern

Wenn Kai von Berg über Gegengewichtstapler spricht, dann leuchten seine Augen. Erst recht, wenn zudem noch die unterschiedlichen Antriebsarten Thema sind, wie im Gespräch mit „Technischer Logistik“. Kein Wunder, unser Interviewpartner hat sich mit dieser Problematik nahezu sein ganzes Berufsleben beschäftigt.

1.  (Quelle: Still)
2.  (Quelle: Still)
3.  (Quelle: Still)

»Es gibt derzeit einen richtigen Wettbewerb, ein Rennen um die beste Technologie.

Kai von Berg (links), Senior Director, Product Management for Counterbalance Trucks, Still GmbH

»Bei den Elektro-Gegengewicht-staplern ist Still absolut führend.

» Es ist die Logistikleistung, die für den Kunden wichtig ist.

»Auch bei der Brennstoffzelle sehe ich langfristig großes Potenzial. Und Still steht bereit.

Kai von Berg, Senior Director, Product Management for Counterbalance Trucks, Still GmbH

Jan Kaulfuhs-Berger: Wir möchten uns heute auf die Gegengewichtstapler konzentrieren. Da sind wir bei Still ja an der richtigen Adresse, oder?

Kai von Berg:(lacht) Ja, Gegengewichtstapler sind gewissermaßen die DNA von Still und als Kernprodukt besonders der E-Stapler. Mit den neuen Produkten, insbesondere dem RX 20 aus dem Jahr 2018 und dem neuen RX 60, den wir im vergangenen Jahr vorgestellt haben, sind wir hier sehr gut aufgestellt. Wir wollen hier weiterhin, das möchte ich in aller Bescheidenheit sagen, ganz vorne mitspielen.

Dann schauen wir einmal zunächst auf den Weltmarkt …

Als Still EMEA konzentrieren wir uns erstmal auf Europa, den Nahen Osten und Afrika. Überdies ist Still aber auch in anderen Regionen der Welt vertreten. Kion APAC und Kion America sind jeweils markenübergreifend für das Industrial-Truck-Geschäft in der Region Asien-Pazifik und auf dem amerikanischen Kontinent zuständig. Über diese ist dann auch Still in anderen Regionen sehr gut vertreten.

Bleiben wir also in Europa. Hier ist Still nicht ganz die Nummer 1.

Das ist natürlich differenziert nach den einzelnen Produktklassen zu betrachten. Bei den E-Staplern liefern wir uns seit jeher ein Kopf-an-Kopf Rennen um die Marktführerschaft und in einzelnen Tragfähigkeitsklassen liegen wir auch ganz vorne. Als Teil der Kion Group, Europas größtem Hersteller von Flurförderzeugen, sind wir weltweit einer der führenden Hersteller von E-Staplern.

Dann schneiden wir einmal die Elektro-Gegengewichtstapler heraus.

Hier ist Still absolut führend. Und das bauen wir weiter aus. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir immer noch eine Reihe an Kunden haben, die auf verbrennungsmotorische Stapler setzen.

Der Verbrenner ist also noch nicht tot?

Totgesagte leben länger (lacht). Wir sehen aber schon deutlich eine abnehmende Tendenz. Auch wenn diese heute nicht so steil wie prognostiziert ist, wird sich meiner Meinung nach der Trend zukünftig eher verstärken. Wir bei Still denken, dass die Konvertierung von Verbrenner zu Elektro sich dann auch letztendlich vollziehen wird. Vor allem in den entwickelten Ländern wird der Trend zum Beispiel durch Abgasregulierungen auch noch einmal verstärkt. In anderen Regionen, wie dem Nahen und Mittleren Osten, Afrika, den osteuropäischen Staaten oder auch einige asiatische Regionen, ist der Anteil von V-Staplern teilweise noch deutlich höher. Hier wird die Konvertierung vermutlich nicht ganz so schnell vorangehen.

Dann blicken wir noch einmal auf Europa in Sachen Verbrenner?

In Europa bleibt der „Dieselmarkt“ tendenziell in Richtung Osten stärker. Wir sehen aber durchaus auch noch Märkte im – nennen wir es – alten Europa: Insbesondere, wenn wir das Thema Treibgas betrachten. In Frankreich oder UK, beispielsweise, ist dies durchaus noch eine nennenswerte Größe. Und natürlich gibt es immer auch einen Gewöhnungseffekt.

Gewöhnungseffekt?

Unsere Studien zeigen, dass unsere Kunden loyal gegenüber einer Technologie sind – sie „richten sich ein“. Wenn etwas gut funktioniert, dann funktioniert es eben gut (lacht).

Dennoch, und damit kehren wir zum Ausgangspunkt zurück, der Renner ist und bleibt der Elektrostapler.

Sicher. Und das hat natürlich auch etwas mit den höheren Leistungsgrenzen zu tun, die früher dem Verbrenner vorbehalten waren. Nun haben wir es mit unserem RX 60 jedoch geschafft, dass selbst getestete Dieselstapler gleicher Tragfähigkeitsklasse, in Bezug auf Produktivität gegenüber unserem Elektrostapler das Nachsehen haben. Das ist ein Meilenstein.

Der Schritt vom herkömmlichen Elektrostapler zu den alternativen Antrieben ist da ja noch groß. Und im Vergleich zu einigen Jahren zuvor ist die Akzeptanz sowie die Wirtschaftlichkeit dieser alternativen Antriebe ja deutlich gestiegen.

Ja, natürlich. Wenn wir in Richtung neuer Antriebskonzepte und Energiespeichersysteme schauen, da kommen wir von der klassischen Blei-Säure-Batterie schnell hin zu Lithium-Ionen. Zudem haben wir noch das Thema Brennstoffzelle. Wobei ich eher Blei-Säure und Lithium-Ionen in einer Gruppe sehe. Die Brennstoffzelle ist eine gesonderte Thematik, schon alleine aus Gründen der komplexeren Infrastruktur.

Über die Brennstoffzelle wird immer wieder geredet, Modellprojekte werden vorgestellt. Aber ein Durchbruch ist nach wie vor nicht zu verzeichnen.

Auch wir haben Analysen gefahren und gefragt: Was sind unsere Hebel? Über welche Einflussgrößen verfügen wir, um gewissen Technologien zum Durchbruch zu verhelfen. Heute sehen wir die Brennstoffzelle für unsere Kunden noch nicht im Bereich des ROI. Aber langfristig sehe ich hier großes Potenzial. Und wir bei Still stehen bereit. Aber, da bin ich Realist, alleine schaffen wir diesen Wandel nicht, andere Industrien, wie Automobil oder Energiewirtschafft, werden hier den Maßstab setzen.

Das ist in Sachen Lithium-Ionen allerdings anders.

Ja, die Lithium-Ionen-Technologie ist in ihrer Entwicklung mittlerweile so reif, dass sie jetzt immer mehr ihren Einsatz findet. Hier gibt es auch heute eine deutliche Akzeptanz bei den Kunden. Auch wenn die Anfangsinvestition noch nicht annähernd bei Blei-Säure liegt, wiegen die operativen Vorteile der Technologie sehr oft den Mehrpreis auf.

Obwohl Japan bereits angekündigt hat, bei den Olympischen Spielen in diesem Jahr voll auf das Thema Brennstoffzelle zu setzen.

Ganz grundsätzlich betrachtet gibt es derzeit einen richtigen Technologie-Wettbewerb, ein Rennen um die beste Technologie je Anwendung. Bei der Brennstoffzelle sehe ich heute massive Förderungen durch staatliche Stellen, wie zum Beispiel in Tokyo. Auch das kann eine Methode sein, Technologien zum Durchbruch zu verhelfen.

Kommen wir zurück zum Elektroantrieb und dem von Still vorgestellten RX 60.

Wir haben bei diesem Fahrzeug zwei Versionen vorgestellt. Eine davon ist die High-Performance-Variante. Diese haben wir, im Vergleich zum Vorgängermodell, im Sinne der Beschleunigung, der Geschwindigkeit, der Steigfähigkeit und der Hub- Performance entsprechend aufgerüstet.

Der RX 60 bringt es, wenn wir richtig informiert sind, auf 21 Kilometer pro Stunde. Spielen diese vergleichsweise hohen Endgeschwindigkeiten tatsächlich eine tragende Rolle?

Berechtigte Frage. Unsere Fahrzeuge erreichen ohne Last eine maximale Fahrgeschwindigkeit von bis zu 21 Kilometer pro Stunde, das ist korrekt. Aber das ist für uns nicht immer das wichtigste. Es gibt in der Tat auch Kunden, die uns bitten, die Geschwindigkeit etwas zu drosseln. Am Ende des Tages interessiert den Kunden das Gesamtpaket, also die Umschlagsleistung und die Sicherheit des Gerätes. Das ergibt sich aus vielen Parametern, wie zum Beispiel Hub- und Senkgeschwindigkeiten, Assistenzsystemen und so weiter. In Summe macht das den Unterschied auch für den Kunden aus. Dennoch sind hohe Geschwindigkeiten auf langen Fahrstrecken natürlich interessant. Diese werden häufig mit verbrennungsmotorischen Staplern gefahren und bieten hier einen Baustein bei der Konversion zum E-Stapler.

Aber im Endeffekt kommt es auf die Umschlagsgeschwindigkeit an.

Richtig. Und hier sprechen wir über zwei Faktoren. Der eine Faktor bezieht sich auf die Motorleistung und die technischen Aspekte. Der zweite Faktor, und den darf man nicht unterschätzen, beschreibt die Bedienbarkeit. Je präziser, je intuitiver ein Fahrzeug reagiert, umso schneller kann man arbeiten. Es ist die Logistikleistung, die für den Kunden wichtig ist. Und diese hängt an beiden Kriterien. Ich glaube, wenn ich das mit etwas Stolz sagen darf, dies ist uns beim RX 60 sehr gut gelungen.

Herr von Berg, ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Technische Logistik 03/2020 PDF-Download (1.59 MB)