„Wir automatisieren, wo es Sinn macht“

„Wir automatisieren, wo es Sinn macht“

Neue Anforderungen, wenn es um Flurförderzeuge für die Nische geht

Lange, schwere und sperrige Lasten von A nach B zu bewegen, hier setzt der Flurförderzeugspezialist Hubtex mit seinem jahrelangen Know-how an. Doch die Parameter ändern sich. Auch hier geht es immer mehr um das Automatisieren von Prozessen. Wie das sinnvoll realisiert werden kann, darüber sprach die Redaktion in Fulda mit Jürgen Keller, Geschäftsführung Entwicklung und Produktion, und Michael Röbig, Marketingleiter bei Hubtex.

1.  (Quelle: Hubtex)

» Wir haben die Wandlungen im Markt kommen sehen, sind entsprechend darauf vorbereitet und haben agiert.

Jürgen Keller, Geschäftsführung Entwicklung und Produktion, Hubtex Maschinenbau GmbH & Co. KG

» Der Mensch und die Maschine werden zukünftig näher zusammenrücken und zusammen-arbeiten.

Michael Röbig, Marketingleiter, Hubtex Maschinenbau GmbH & Co. KG

» Wir versuchen nicht nur, dem Kunden ein AGV zu verkaufen, sondern wir wollen die für ihn beste Lösung platzieren.

Jürgen Keller, Geschäftsführung Entwicklung und Produktion, Hubtex Maschinenbau GmbH & Co. KG

» Vor allem bei den Schwerlastfahrzeugen stellen wir fest, dass fast jede Anfrage teil- oder vollautomatisierte Anforderungen enthält.

Michael Röbig, Marketingleiter, Hubtex Maschinenbau GmbH & Co. KG

Christina Kasper: Die Flurförderzeug-Branche ist ein hart umkämpfter Markt. Wie ist das Unternehmen Hubtex hier aufgestellt? Was unterscheidet Sie zu Ihren Wettbewerbern?

Michael Röbig: Die interessante Frage ist ja, warum braucht man Hubtex eigentlich? Die Antwort: vor allem für das innerbetriebliche Handling von langen, schweren und sperrigen Lasten. Man könnte also sagen, wir fangen da an, wo die Serienherstellung, die Plattformherstellung, wo die Stills, Lindes und Jungheinrichs mit ihrem Portfolio enden, weil es zu sehr in die Nische geht.

Das heißt, Sie kommen dann ins Spiel, wenn es darum geht, Sonderlösungen zu entwickeln und zu bauen?

Jürgen Keller: Ja, da fängt unser Segment an. Ein ganz großer Fokus liegt dabei auf dem Handling von Langgut – etwa Holz, Stahl, Aluminium oder Kunststoffprofile – beziehungsweise alles, was sehr schwer und sperrig ist. Das wird auch in Zukunft unser Kern bleiben, nur die Parameter werden sich verändern.

Und wie genau?

Jürgen Keller: Wir bewegen uns bei Hubtex mittlerweile jeden Tag in anderen Branchen. Mal ist es das Thema Flugzeugmontage, wo man viel mit sehr hohen Sicherheitsanforderungen und sehr hohen Automatisierungsanforderungen zu kämpfen hat, am nächsten Tag kann es sich beispielsweise um den Transport von Lebensmitteln wie Käselaibe handeln. Ein völlig anderes Metier, aber am Ende des Tages geht es auch hier darum, eine sperrige Last zu bewegen.

Michael Röbig: Wir versuchen immer, das Fahrzeug individuell an die Anforderung des Kunden anzupassen. Sei es für eine höhere Produktivität und Effizienz, die Optimierung der vorhanden Lagerfläche oder eine bessere Ergonomie. Interessant wurde es in den letzten fünf bis zehn Jahren, da kamen sukzessive immer neue Anforderungen auf uns zu, wie die Automatisierung und die Fabrik der Zukunft.

Wie stellt sich Hubtex auf diese Herausforderungen ein?

Jürgen Keller: Wir haben zum Beispiel die Entwicklungsmannschaft um 30 Prozent vergrößert und arbeiten jetzt mit insgesamt 60 Ingenieuren und Technikern an diesen Zukunftsprojekten. Darüber hinaus wurde ein eigenes Softwareteam installiert. Gemeinsam mit unseren externen strategischen Partnern stellen wir uns den durchaus unterschiedlichen Herausforderungen.

Wo liegen ihrer Meinung nach momentan die technischen Herausforderungen, wenn es um das Automatisieren von Lagerprozessen geht?

Michael Röbig: Die Herausforderungen sind vielschichtig, insbesondere für die Aufgabenstellungen unserer Fahrerlosen Transportfahrzeuge. Wir forschen beispielsweise intensiv an geeigneten Steuerungs- und Sensorik-Lösungen zum sicheren Erfassen der verschiedenen Betriebszustände. Insbesondere das sichere Detektieren des Langgutes ist dabei eine spannende Aufgabe. Der Mensch und die Maschine werden zukünftig näher zusammenrücken und zusammenarbeiten. Die aus der Vergangenheit gewünschten abgesperrten Zonen, hinter der die Maschinen eingesperrt sind, wird es nicht mehr geben. Kollaborierende Systeme werden immer verstärkter anzutreffen sein. Dazu muss die Sensorik die funktionale Sicherheit absolut verlässlich unterstützen.

Jürgen Keller: Des Weiteren ist es eine Herausforderung genau herauszufinden, was für den Kunden unter Kosten–Nutzen–Aspekten die optimale Lösung ist. Wir sehen deshalb das Thema Automatisierung mindestens in vier Stufen: beginnend mit Assistenzsystemen, weiter über teilautomatisierte Lösungen, über automatisierte Fahrzeuge, letztendlich dann zum vollautomatischen System.

Und das heißt?

Jürgen Keller: Ich finde, dass das Thema Automatisierung nicht ausreichend betrachtet wird. Es gibt das manuelle Gerät, es gibt das automatisierte Gerät und dazwischen ist eine große Grauzone. Diese Grauzone dazwischen, die hat es uns ein ganz schönes Stück angetan. Wir haben das manuelle Gerät mit Assistenzsystemen, wir haben automatisierte Fahrzeuge und automatisierte Systeme. Wir versuchen nicht nur, dem Kunden ein AGV zu verkaufen, sondern wir wollen die für ihn beste Lösung platzieren.

Michael Röbig: Das ist eigentlich genau das, was uns glaube ich ganz stark vom Wettbewerb abhebt, dass wir mit unseren mehr als 60 Ingenieuren sehr flexibel auf die Anforderungen unserer Kunden eingehen können. Dass wir sagen, wir können es dem Kunden genauso bauen, wie es für ihn optimal ist.

Inklusive der zunehmenden Koexistenz von Mensch und Roboter?

Jürgen Keller: Ja, das Thema Koexistenz ist absolut wichtig. Aber wir finden, es kommt darauf an, auch einen modularen Ansatz zu verfolgen und zu sagen, ich automatisiere da, wo es Sinn macht, entwickle den Bereich mit dem Kunden gemeinsam und lasse die Automatisierung da weg, wo ich gut funktionierende Prozesse habe.

Gibt es Branchen, in denen die Automatisierung stärker vorangetrieben wird als in anderen?

Jürgen Keller: Ja. Wir beschäftigen uns zum Beispiel ziemlich stark mit dem Thema Airportlogistik. Da haben wir einige neue Entwicklungen in der Pipeline. Hier geht es vor allem um das Thema Cargo-Handling. Weitere Treiber der Automatisierung sind natürlich die Automobil- und Luftfahrtindustrie, aber auch die Glasindustrie hat einen hohen Automatisierungsgrad in der Produktion.

Michael Röbig: Was der Kunde heute von uns erwartet, ist eine ordentliche Beratung und danach ein ideales Projektmanagement inklusive eines effizienten Services aus einer Hand. Was uns ausmacht ist, dass wir dem Kunden sehr lange und sehr genau zuhören, was seine Probleme und Aufgabenstellungen sind, wo ihn der Schuh drückt, und da versuchen wir anzusetzen. Das ist die Frage, die uns einfach treibt: Wie kann man das besser machen?

Besser machen auch, was neue Produkte und neue Märkte angeht?

Jürgen Keller: Ja, im Segment unserer Kernprodukte schließen wir gerade die Entwicklungsarbeiten unserer „Phoenix“-Serie ab. Dahinter verbirgt sich die komplette Neuentwicklung unserer Stapler-Baukästen. Bereits im Frühjahr haben wir den Tragfähigkeitsbereich bis 5.000 Kilogramm der Öffentlichkeit präsentiert, bis zum Jahresende werden dann die restlichen Tragfähigkeitsbereiche folgen. Auch hier liegt ein Fokus auf der Implementierung von AGV-Funktionalitäten, wie beispielsweise der Integration von Assistenzsystemen.

Michael Röbig: Wie bereits angesprochen ist eines unserer aktuellen Themen das Handling von genormten Luftfrachtcontainern am Flughafen. Da gibt es ja bisher schon relativ etablierte und reife Lieferketten in dem Bereich an Fahrzeugen und Fahrzeuglösungen. Wir aber haben hier einen anderen Ansatz gewählt. Und zwar zu sagen, wir kombinieren das Thema Containertransport mit dem Themen Mehrwegelenkungen, Elektromobilität und Automatisierung und können dem Kunden so eine längere Prozesskette bieten.

Wie kann man sich das dann genau vorstellen?

Jürgen Keller: Im Moment sind für die Warenverteilung aus dem Flugzeug heraus hin zum nächsten und übernächsten Bestimmungsort mehrere Systeme notwendig. Seien es Förderbänder, Dolly-Transporter, Stapler, Regalbediengeräte und noch einige mehr. Unsere Lösungen können das miteinander kombinieren. Hierfür setzen wir konsequent auf das Thema Elektro und auf das Thema Mehrwegelenkung. Das heißt, eine hohe Wendigkeit des Fahrzeuges, um im Innen- und Außenbereich verschiedene Subsysteme ersetzen zu können. Damit könnte ich die Last direkt am Flugzeug entnehmen und sie auch mehrstöckig einlagern.

Michael Röbig: Das Tolle dabei ist, dass wir diese Erfahrung auch in die Entwicklung anderer Produkte stecken können. Etwa in die Entwicklung von übertragbaren Automatisierungsbaukästen inklusive geeigneter Basisbausteine. Was wir mit dem „Phoenix“ begonnen haben – „AGV ready“ – übertragen wir nun Zug um Zug auf alle anderen Produkte. Vor allem bei den Schwerlastfahrzeugen stellen wir bereits jetzt schon fest, dass fast jede Anfrage teil- oder vollautomatisierte Anforderungen enthält.

Und welche Märkte haben Sie im Blick?

Jürgen Keller: Wir sind weltweit aufgestellt, mehr als 70 Prozent unserer Produkte gehen ins Ausland. Unsere Kernmärkte sind vor allen Dingen die westlich geprägten Märkte, also Europa, Australien, USA, sprich überall dort, wo Land- und Personalkosten relativ hoch sind und wirklich ein Bedarf besteht, Logistikprozesse zu optimieren. Auch Australien ist, obwohl weit weg, ein ganz wichtiger Partner.Michael Röbig: Interessant sind dabei, auch im Zusammenhang mit den Airport-Aktivitäten, die Potenzial-Märkte Japan, Katar, Dubai usw. Dabei spielt das Thema Automatisierung genauso eine Rolle wie neue Logistiklösungen. In unseren Kernmärkten Europa, USA und Australien bereiten wir den Roll-out der neuesten Geräteserien, wie zum Beispiel den „Phoenix“, vor und werden in diesen Märkten noch mit besonderen marktspezifischen Lösungen auf die besonderen Anforderungen eingehen.

Wo investieren Sie außerdem noch?

Michael Röbig: Zuletzt haben wir 20 Millionen Euro am Standort Fulda in die Fertigung, Sozialräume und Bürogebäude investiert. Aktuell bauen wir die Elektronikfertigung neu. Zusätzlich dazu planen wir, in diesem und den kommenden Jahren jährlich höhere sechsstellige Beträge für die Entwicklung neuer Produkte und Technologien zu investieren.

Jürgen Keller: In der Zukunft wird der Erfolg eines Unternehmens ganz erheblich durch die Logistik gesteuert. Daher prüfen wir ständig, welche sinnvollen Ergänzungen es für unser Produktportfolio und unser Unternehmen gibt.

.Herr Keller, Herr Röbig, 
vielen Dank für das Gespräch.

 

Technische Logistik 10/2019 PDF-Download (2.17 MB) Autor: C. Kasper