„Passt perfekt zusammen!“

„Passt perfekt zusammen!“

Carolin Paulus über Historie und Zukunft eines Traditionsunternehmens

Sie ist tatsächlich ein – wie man so sagt – richtiges Eigengewächs: Ihr Berufsleben begann mit einer Lehre bei Demag. Später folgten verschiedene Managementstationen bei dem in Wetter ansässigen Unternehmen. Heute sitzt Carolin Paulus im Chefsessel des Global Players und hat so gar nichts von ihrer Bodenständigkeit verloren.

2.  (Quelle: Demag)
3.  (Quelle: Demag)
4.  (Quelle: Demag)
5.  (Quelle: Demag)
6.  (Quelle: Demag)
7.  (Quelle: Demag)

Jan Kaulfuhs-Berger:Frau Paulus, Interviews sind in der Regel dazu da, nach vorn zu blicken. Wir wollen erst einmal zurückschauen – auf 200 Jahre Unternehmensgeschichte.

Carolin Paulus: Ja, wir haben, insbesondere in diesem Jahr, allen Grund, auch einmal zurückzuschauen. Und sicher, mit der Vorbereitung zu den Feierlichkeiten des 200-jährigen Unternehmensjubiläums haben wir uns auch intensiv mit unserer Geschichte beschäftigt.

Demag, ein großer Name in der Kran- und Hebetechnik und weltweit aktiv, hat hier im beschaulichen Wetter einmal ganz klein angefangen.

Ja, und das dort oben auf dieser Burg (und zeigt dabei aus dem Fenster). Sicher sehr ungewöhnlich, auch zu jener Zeit. Ausschlaggebend seiner Zeit war natürlich Friedrich Harkort, ...

... der inoffizielle Vater des Ruhrgebiets, der seinerzeit die „Mechanische Werkstätte Harkort & Co.“ gründete, die später in die „Deutsche Maschinenbau Aktiengesellschaft“, die heutige Demag überging, ...

... der die Industrialisierung gerade in unserer Region maßgeblich mitgeprägt hat. Auch er hat seinen Anteil daran, dass man Großbritannien, das Mutterland der Technik, überholen konnte.

Sicher ein wesentlicher Meilenstein in der gesamten Industriegeschichte. Welche technischen Errungenschaften aus Ihrem Haus sind aus Ihrer Sicht, Frau Paulus, besonders erwähnenswert?

Ich denke da an das Jahr 1912. Damals hat Demag den elektrischen Seilzug erfunden. Dieser wurde über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt. Aber im Grunde hat das Prinzip heute immer noch Bestand. Und ich denke an das Jahr 1963, in dem wir mit unserem Leichtbaukran KBK auf den Markt gekommen sind. Dies ist sicherlich das prägendste Produkt, welches wir heute noch im Angebot haben. Aber, bei aller Technik, vergessen Sie mir bitte auch das Jahr 1872 nicht.

Weshalb?

Das war das Jahr, in dem man gesagt hat: Wir verlassen die Burg dort oben und ziehen in den Ort hinunter. Das klingt möglicherweise auf den ersten Blick trivial, ist für mich aber ein wichtiges Thema, mit einem Unternehmen wie Demag auch zentral zu agieren. So etwas hat am Ende des Tages auch Auswirkungen auf die Unternehmenskultur.

Stichwort Unternehmenskultur. Der Meilenstein aus dem Jahr 2000, offen gestanden auch kein technischer, hat es nicht zu Ruhm und Ehre gebracht.

Sie meinen die Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns. Nein, ganz und gar nicht. Aber das gehört eben auch zu unserer Geschichte und ist auch für mich ziemlich prägend gewesen.

Dennoch steht Demag heute sehr gut da, und wir wollen dies – in der Gegenwart angekommen – zum Anlass nehmen, ein wenig in die Welt hinaus zu blicken.

Gern. Dadurch, dass wir nun im Konzern von Konecranes beheimatet sind, haben wir den großen Vorteil, dass wir heute weltweit noch präsenter sind als zuvor.

Wir gehen diesen Weg gleich weiter, lassen Sie uns hier aber bitte kurz einmal haltmachen. Konecranes und Demag – wie unterscheiden sich beide Unternehmen, insbesondere aus strategischer Sicht?

Konecranes ist sicherlich einen anderen Weg gegangen als Demag. Wir sind stets organisch gewachsen. Konecranes seinerseits hat versucht, auf den verschiedenen Märkten weltweit lokale Marken zu akquirieren und damit schließlich auch Präsenz zu zeigen.

Zwei Ansätze, die sich, nehmen wir einmal an, entsprechend ergänzen.

Sicher, und ich gehe soweit zu sagen, dass wir mit Konecranes im Verbund heute zu den absoluten Global Playern in unserer Branche gehören. Ich denke, es gibt keine Firma, die diese globale Präsenz und globale Stärke hat und über ein derart großes Produkt- und Serviceportfolio verfügt.

Dennoch gehen wir davon aus, dass Europa Ihr Heimatmarkt ist, oder?

Ja, sicherlich. Wenn ich mir die installierte Basis anschaue, dann sprechen wir über 800.000 Einheiten, und davon sitzt der größte Teil, ja, in Europa. Theoretisch könnten wir uns für die kommenden 20 Jahre hier eigentlich nur mit dem Service beschäftigen – ohne irgendetwas Neues hinzustellen. Theoretisch (lacht).

Dennoch ist Europa nicht alles. Wie sieht es in den anderen Märkten aus?

In den USA, beispielsweise, haben wir einen etwas anderen Weg gewählt. Wir sind dort zunächst ins indirekte Geschäft eingestiegen und haben uns Partner gesucht, die unsere Komponenten in ihren Kranen verbauen. Da steht natürlich nicht Demag drauf. Erst später sind wir dort ins Direktgeschäft eingestiegen. Und in Lateinamerika sind wir insbesondere in Brasilien sehr stark unterwegs.

Blicken wir einmal auf den Dauerbrenner Asien.

Nun gut in China, dem Treiber schlechthin, tun sich alle europäischen Firmen mehr oder minder schwer. In Südostasien, auf der anderen Seite, sind wir sehr stark präsent. Insbesondere für Asien haben wir ein Premium-Segment, was wir sehr gut bedienen können. Das gilt insbesondere für prozessgesteuerte Krane, speziell für die Papier- oder auch Müllverwertungsindustrie.

Womit wir beim Thema Branchen angelangt sind.

Wir genießen beispielsweise einen ganz starken Ruf bei den Aviation-Firmen. Wir haben so zum Beispiel bei Airbus – ok, Europa-dominiert – in nahezu allen Werken unsere Anlagen, aber auch in dem in China. Was Boeing betrifft, auch hier haben wir vor nunmehr vier Jahren die großen Boeing-Aufträge bekommen.

Das Gleiche gilt sicher für viele andere Branchen auch.

Sicher. Wir sind mit unseren Produkten schon führend, insbesondere mit unserem Leichtkransystem KBK, was gerade für die Montagewerke gilt.

Wir sprechen also im Grunde über Lösungen, die andere nicht haben?

Ja, das betrifft zum Beispiel die Verriegelungskrane, die in der Flugzeugindustrie zum Einsatz kommen. Hier handelt es sich um ein technisches Feature, das kein anderer anbietet. Und, wenn ich das an dieser Stelle sagen darf: Wir sehen, seit wir mit Konecranes im Verbund sind, welche spezifischen Lösungen die Kollegen in den Verbund gebracht haben und welche wir. Aus meiner Sicht passt das hervorragend!

Dann kehren wir noch einmal zurück zu diesem Thema. Welche Auswirkungen hat das Zusammengehen mit Konecranes beispielsweise auf Kundenbeziehungen?

Lassen Sie mich das bitte am Beispiel Service erläutern: Die ersten Gespräche gingen genau darum. Es macht natürlich keinen Sinn, in den Ländern zwei Service-Teams parallel laufen zu lassen. Es wäre hochgradig unvernünftig gewesen, dieses Netzwerk, welches unser Verbund bietet, nicht zu nutzen.

Was die Kunden sicher sehr positiv aufgefasst haben.

Ja, natürlich. Insbesondere deswegen, weil wir im Verbund nun eine viel größere Präsenz haben und deutlich flexibler sind.

Sie haben, Frau Paulus, das Thema Service eben angesprochen, welches in der gesamten Branche immer wichtiger wird.

Wenn Sie uns hierzu bitte noch ein paar Stichpunkte aus Demag-Sicht geben könnten?

Für Demag spielt der Service sicherlich eine besonders große Rolle. Im Grunde kann man sagen, man macht vom Umsatz her mehr, als mit dem Neu- oder Portgeschäft. Der Kunde zieht daraus auch einen ganz speziellen Nutzen. Er sieht, dass wir nicht nur vorbeikommen, um den Service zu machen. Sondern er erhält im Anschluss auch einen Report – mit Sicherheitshinweisen, mit einer Kostenübersicht, mit Verbesserungsvorschlägen und so weiter. Das ist der Weg, den wir bei Demag eingeschlagen haben und den wir im Verbund mit Konecranes weiter so intensiv verfolgen.

Auf Ihrer Homepage ist allenthalben von „committed to performance“ zu lesen. Was verstehen Sie genau darunter?

Wir haben uns im Jahr 2016 unseren Markenkern noch einmal genau angeschaut, viele Untersuchungen angestellt, mit einer Reihe unserer Kunden gesprochen. Wichtig war es uns, noch einmal herauszufinden, was unseren Markenkern ausmacht. Und dann finden Sie eine Reihe an Stichworten wie Qualität, Zuverlässigkeit, Sicherheit sowie Technologie und Innovation. Soweit die Einleitung. „Committed to perfomance“ heißt für Demag: Der Kunde erhält eine absolute Top-Leistung, beginnend mit dem Produkt. Dazu gehört aber auch, dass unser ganzes Team dahinter steht, also „committed“ ist. Der Kunde bekommt aber auch nicht nur einen Kran hingestellt, sondern das ganze Service-Paket mit dazu. Er soll sich aufgehoben fühlen, bei dem, was Demag ihm liefert.

Dies sieht man bei Konecranes vermutlich genau so.

Ja, das fiel im Vorstand von Konecranes auf fruchtbaren Boden, was schließlich auch ein Grund dafür war, dass sie am Ende des Tages Demag haben wollten. So gesehen passte das perfekt zusammen.

Eins klingt ja immer wieder durch, der – nennen wir es – direkte Draht zum Kunden. Dieser bringt sicherlich auch mit sich, dass Feedback mehr oder weniger direkt in die Produktentwicklung einfließt.

Sicher, es gibt hier viele Einflüsse und das finde ich auch richtig und gut so.

Zum Beispiel?

Beispielsweise möchte der Kunde heutzutage mehr und mehr über digitale Krandaten verfügen. Aber der Kreis zieht sich noch weiter, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Wir arbeiten gerade an einem ziemlich interessanten Projekt, das auch vom Bundesforschungsministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Sie sprechen das Optimum-Projekt an.

Ja, wir haben in diesem Jahr hier in Wetter die Demag Research-Factory errichtet, in der nicht nur Krane installiert sind, sondern diese mit den Maschinen, der Logistik und den Menschen kommunizieren lässt.

Es geht also nicht nur um die digitale Vernetzung der Krane untereinander ...

Nein, zum Beispiel auch mit einem Gabelstapler, der unterwegs ist, eine Maschine zu beschicken, an der dann auch der Kran benötigt wird. Smart Solution,um die Produktion der Zukunft mitzugestalten.

Kein Zufall, vermuten wir, dass dies im Rahmen der 200-Jahre-Feierlichkeiten realisiert wurde.

Nein, natürlich nicht. Es wird auch im Rahmen der 200-Jahre-Feier den einen oder anderen Tag der Offenen Tür geben – an dem wir genau diese Entwicklung zeigen möchten. Es war mir immer ein Anliegen, die Brücke zu schlagen und zu sagen: Schaut, das ist unsere Historie und das wird die Zukunft sein.

Dann blicken wir doch bitte abschließend kurz in die Zukunft.

Ich bin mir sicher, dass Demag im Konecranes-Verbund weiterhin zu den Technologieführern gehören wird. Dabei bildet die Demag Research-Factory – wie eben ausgeführt – ihren Anteil an der Weiterentwicklung des Standorts Wetter.

Können wir das thematisch ein wenig runterbrechen?

Sicher, was zukünftig ein wichtiges Thema sein wird, ist die Ergonomie – also dem Mitarbeiter das Handling der Lasten noch einfacher, gesundheitsschonender zu machen – bei noch mehr Sicherheit. Und natürlich der Zukunftstrend schlechthin: die Digitalisierung.

Wagen wir einmal einen Blick über das Jahr 2030 hinaus. Wo steht Demag dann?

Also ich sehe uns auch in zehn, zwölf Jahren immer noch Krane und Komponenten bauen und weiterhin sehr erfolgreich im Service unterwegs sein. Und ich könnte mir, wenn ich einen Wunsch frei habe, auch gut vorstellen, dass unsere Hebezeuge-Lösungen wieder mehr, und nicht nur im Kran zum Einsatz kommen.

Beispielsweise in den Fertigungsstraßen bei den Automobilisten?

Zum Beispiel, aber auch in Hochregallagern. Wie Sie wissen, gehörte dieses Kapitel einst zur Demag-Produktstrategie und bildete einen sehr erfolgreichen Beitrag zum Kerngeschäft.

Frau Paulus, herzlichen Dank 
für das Gespräch!

 

Technische Logistik 08/2019 PDF-Download (1.71 MB)