„Ja, es ist schon ein Hype!“

„Ja, es ist schon ein Hype!“

Ein Gespräch mit Markus Külken über die Renaissance von Fahrerlosen Transportsystemen

Obgleich schon einige Wochen her, kommen wir doch noch einmal auf die bisher erfolgreichste Logimat aller Zeiten zurück. Der Redaktion „Technische Logistik“ ist auf der Messe vieles aufgefallen, allen voran aber eines: Gefühlt jeder zweite Stand verfügte über so etwas wie ein Fahrerloses Transportsystem (FTS). Grund genug für uns, hier noch einmal nachzuhören. Am besten tut man dies in einem Expertengespräch – an dieser Stelle mit Markus Külken, Director Business Development Self Driving Technology bei SSI Schäfer.

Jan Kaulfuhs-Berger: Herr Külken, Fahrerlose Transportsysteme sind, wenn man so will, zunächst ein Thema aus dem vergangenen Jahrhundert.

Markus Külken: Sicher, diese Systeme gibt es schon ein paar Jahre. Aber die Technologie hat sich schon ein bisschen weiterentwickelt ...

Ein bisschen?

(lacht) Gut, sie hat schon einen gewaltigen Sprung gemacht.

Das wollten wir sagen, gerade im Hinblick auf die Sensortechnologie.

Ja, aber nicht nur. Nehmen Sie beispielsweise die Themen Navigation oder Sicherheit. Ich persönlich glaube, dass gerade das Gesamtpaket der sich weiterentwickelten Technologien diesen technologischen Fortschritt in den vergangenen Jahren, ja Jahrzehnten, möglich gemacht hat. Unter dem Strich fällt es heutzutage deutlich leichter, in diese Systeme zu investieren, zumal diese heute auch deutlich vielfältiger einsetzbar sind.

Das dröseln wir jetzt einmal etwas auf – und bleiben zunächst bei der Sensortechnik. Diese hat unseres Erachtens durchaus dem Thema Fahrerlose Transportsysteme einen regelrechten Schub gegeben.

Sie sprachen ja eben von einem Thema aus dem vergangenen Jahrhundert. Insofern kann man sagen, was wir heute durchlaufen, ist eine gewisse Renaissance der Fahrlosen Transportsysteme. Und das hat natürlich etwas mit der sich weiterentwickelnden Technologie zu tun. Viele Anwender sind, aus welchen Gründen auch immer, auf der Suche nach Erweiterungsmöglichkeiten für bestehende Anlagen oder nach ganzheitlich neuen Lösungsansätzen mit Fahrerlosen Transportsystemen.

Was sich dann mehr oder weniger direkt auf den Markt auswirkt.

Sicher, das geht dann einher mit der Thematik Angebot und Nachfrage. Insbesondere im Bereich der Fahrerlosen Transportsysteme sind heute sehr viele Anbieter auf dem Markt. Es gibt zurzeit auch eine riesige Nachfrage. Das wird sich sicher irgendwann regulieren, aber im Moment sind die Anfragen so hoch, dass das Thema ordentlich Fahrt aufnimmt.

Beziehungsweise bereits aufgenommen hat. Wenn man über die Logimat läuft, sieht man gefühlt an jedem zweiten Messestand so etwas wie ein Fahrerloses Transportsystem. Das Ganze klingt schon etwas nach Hype, oder?

Ja, es ist schon ein Hype. Aber ich glaube, wir müssen hier an der einen oder anderen Stelle auch ein wenig differenzieren.

Bitteschön!

Fahrerloses Transportsystem ist nicht gleich Fahrerloses Transportsystem.

Sondern?

Man sieht zwar physisch schon, dass Transporte von A nach B stattfinden. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Software. Also physisch: Passen Lastaufnahme und Lastabgabe zum Prozessfluss? Und softwareseitig: Wie implementiert sich dies in ein bestehendes Gesamtumfeld? Zudem: Wo kommen die Transportaufträge her? Wie sollen sie quittiert werden? Wie wird die Flotte gesteuert? Viele, so scheint es, simple Fragen, die aber eine genaue Beantwortung benötigen, damit am Ende die Gesamtlösung reibungslos funktioniert.

Klingt logisch, klingt sogar einfach. Der Teufel steckt aber sicher im Detail?

Genau das ist der Punkt! Zum Beispiel das Thema Not-Handling ist eins, das stark differiert...

... womit wir beim Punkt Sicherheit angekommen sind.

Richtig. Und hierbei stellen sich vielfältige Fragen. Mit welchen Geschwindigkeiten ist man unterwegs? Welche Sicherheitssensoren sollen zum Einsatz kommen? In welcher Branche findet der Einsatz überhaupt statt und so weiter.

Stichwort Branche. Wie groß ist die Rolle, die diese im Zusammenhang mit Fahrerlosen Transportsystemen spielt?

Das ist nicht zu unterschätzen. Es ist schon ein Unterschied, ob man in einem, sagen wir, normalen Distributionslager, in der Getränkeindustrie oder bei einem Unternehmen der Spritzgusstechnik unterwegs ist. Es gibt Branchen, in denen sind die Fahrerlosen Transportsysteme noch nicht sonderlich ausgeprägt, andere sind bereits sehr stark in die Thematik automatisierte Fördertechnik und autonomes Fahren eingetaucht. Ja, und es gibt heute schon Anbieter, die sich auf bestimmte Branchen spezialisiert haben.

Wie ist diesbezüglich SSI Schäfer aufgestellt?

Basierend auf langjähriger Erfahrung integrieren wir kundenspezifische FTS-Lösungen für unterschiedlichste Anwendungsbereiche passgenau in ganzheitliche Logistiklösungen. Mit der Beteiligung an DS Automotion haben wir nun unsere FTS-Kompetenz noch umfassender ausgebaut. Wir ergänzen unser Leistungsspektrum um Systemrealisierungen, die auf individuellen Kundenanforderungen basieren, sowie um Lösungen für spezielle Anwendungsbereiche, die für SSI Schäfer noch relativ neu sind.

Die da wären?

Es geht darum, für die Fragestellung der ständigen intralogistischen Materialflussherausforderung logistische und produktionsnahe Prozesse zu vernetzen. Hier finden wir jetzt mit dem Fahrzeugportfolio von DS Automotion mehr Antworten als zuvor. Das Automatisieren von produktionsversorgenden und -entsorgenden Tätigkeiten, von End-of-Line-Abläufen, Produktionslinienverkettungen oder von einfachen Lagernachschub- oder X-Docking-Funktionen verbindet physisch und systemisch das bisher vorhandene SSI-Schäfer-Produkt- und Lösungsportfolio. Sowohl die Erfahrung von DS Automotion in Branchen wie der Intralogistik oder Automotive als auch die für SSI Schäfer neuen Branchen Agriculture und Hospital bringen viele Optionen mit sich.

Stichwort Optionen: Da hat SSI Schäfer sicher bisher schon einiges zu bieten.

Richtig, aber wir erweitern mit dieser Beteiligung unser bestehendes FTS-Portfolio, welches bereits für zahlreiche Implementierungen von „2Move“- oder „2Store“-Applikationen steht. Des Weiteren haben wir das eigene Produkt „Weasel“ im Programm. Das bedeutet, dass wir in der Tat die gesamte Bandbreite von Klein- und Großladungsträgern, Unterfahr- und Gabel-FTS in allen möglichen Ausprägungen in den unterschiedlichsten Ausbau- und Adaptionsstufen anbieten können – jeweils auf die individuelle Kundenanforderung zugeschnitten.

Blicken wir von den Kooperationen seitens SSI Schäfer auf andere Kooperationen bzw. Übernahmen im Markt. Hier fallen uns zuerst die Firmen Dematic und Vanderlande ein, die nun zum Kion-Konzern bzw. zu Toyota Material Handling gehören. Ist das der neue Trend im Markt?

Das ist meines Erachtens nur eine These. Ich glaube eher, das Ganze hat mit der rasanten technologischen Entwicklung und den Herausforderungen in Sachen Digitalisierung und Industrie 4.0 zu tun. Wir merken mehr und mehr, dass Unternehmen auf der Suche nach Gesamtlösungsanbietern sind. Sie wollen einen Ansprechpartner haben, wenn es beispielsweise um die Implementierung vor Ort oder die IT-Systemintegration geht – und nicht fünf. Das Gleiche gilt für den After-Sales-Service- Bereich. Um die Frage kurz zu beantworten: Im Markt als Gesamtlösungsanbieter aufzutreten, dem Kunden einen einzigen Ansprechpartner zu bieten – ja, das ist sicher ein Trend.

Wenn wir in die Zukunft blicken und uns mit Flurförderzeugherstellern – die so nicht mehr genannt werden wollen, Stichwort Gesamtlösungsanbieter – unterhalten, kommen wir oftmals zu der Frage: Wie sieht der Stapler der Zukunft aus? Frage an SSI Schäfer: Ist der Stapler der Zukunft ein Fahrerloses Transportsystem?

(lacht) Schwer zu sagen. In die Zukunft zu schauen, ist immer so eine Sache. Blicken wir in die kommenden fünf Jahre, sehe ich schon Herausforderungen, die wir zusammen mit den Technologien, die Fahrerlose Transportsysteme ausmachen, angehen dürfen und meistern werden.

Zum Beispiel?

Da ist natürlich das anfangs angesprochene Thema Sensortechnologie. Aber auch Batteriekonzepte gehören dazu. Dies wird sich alles weiterentwickeln, Transporte sicherer und wahrscheinlich auch noch schneller machen. Und dann wird es sicher noch größere Varianzen in Sachen Lastübernahme und Lastabgabe geben. Insbesondere dann, wenn es in Richtung Robotik und Piece-Erkennung geht. Hinzu kommt die Kameratechnologie, Stichwort 3D. Sie merken also, es gibt nicht nur eine ganze Menge an technologischen Aspekten, sondern darauf aufbauend auch eine deutliche Bewegung im Markt. Was wir heute wissen: Der Markt ist zurzeit alles andere als gesättigt.

Wir haben bisher nur über Technologien als Treiber der Fahrerlosen Transportsysteme gesprochen. Wir hören aber immer wieder heraus, dass auch der zunehmende Arbeitskräftemangel das Seinige tut.

Ja, definitiv! Das Arbeitsumfeld der Staplerfahrer, Lagerarbeiter und Transporteure ist eines, in dem viel Fluktuation vorherrscht bis hin zu klarem Arbeitskräftemangel. Auch diesen Einfluss spüren wir bei der Nachfrage nach Fahrerlosen Transportsystemen, die dann nämlich nicht nur ersetzen, sondern auch Vorteile, wie zum Beispiel erhöhte Sicherheit, verringerte Lagerumfeldschäden, verlässliche 24/7-Transportzyklen und -priorisierung oder Ladungssequenzierung, mit sich bringen.

Was in der Zukunft auch noch mehr werden wird?

Ja, wenn sich dieser Trend verstärkt – was sicherlich auch am Gesamtkonstrukt der Wirtschaft und somit an der Entwicklung des Arbeitsmarktes liegt.

Mit anderen Worten, der Mensch, der Arbeitnehmer, braucht die zunehmende Automatisierung nicht zu fürchten?

Nein, der Mensch wird nicht abgelöst werden, sondern – sagen wir – smart ergänzt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Technische Logistik 05/2019 PDF-Download (1.5 MB) Autor: J. Kaulfuhs-Berger