„Dit is Berlin!“

Der Flughafen der schweren Geburt ist am Netz – nicht ganz ohne Pannen

Die Erbauer des Hauptstadtflughafens haben nun – nach wieviel Jahren eigentlich? – Deutschlands Milliardenprojekt im Märkischen Sand errichtet. Ob in der Tat errichtet oder nur gesetzt – nun, das wird die Zukunft zeigen.

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Die Freude weilte nur kurz. Der Airbus 319 der Eurowings, aus Düsseldorf kommend (EW 8047), in dem auch der Chefredakteur dieser Zeitschrift saß, setzte am 23. November (also etwa drei Wochen nach der Eröffnung) rund 20 Minuten zeitiger als geplant am Berliner Hauptstadtflughafen auf. Was dann folgte, erinnerte an die früheren Abläufe in Tegel: Warten.

Obgleich anzunehmen ist, dass auch am neuen Hauptstadtflughafen der Betrieb Corona-bedingt derzeit nicht an seine Grenzen stößt, ließ sich das Personal, welches für das De-Boarding zuständig ist, verdächtig viel Zeit. Nach gut 15 Minuten meldete sich der Co-Pilot mit der Erläuterung für die Verzögerung des Aussteige-Vorganges: Die Ausweise der für das De-Boarding zuständigen Mitarbeiter waren falsch codiert, wodurch sich keine Türen im Flughafengebäude öffnen ließen. Man müsse zunächst auf den Supervisor warten. Berlin-Vielflieger haben für solche Dinge eine treffende kurze Erklärung parat: „Dit is Berlin!“

Pleiten, Pech und Pannen von Anfang bis Ende – und darüber hinaus. Weshalb an einem hochmodernen und im Moment nur wenig frequentierten Flughafen die Passagiere über das Rollfeld zum Flughafengebäude (das sich zunächst nicht öffnen ließ) laufen mussten (wie in Harare, Vientiane oder Udon Thani) wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.

In gerade einmal 31 Minuten am Flughafen

Blickt man einmal von der anderen Seite auf den Flughafen, also auf die Anbindung nach außen, kommt man schnell zu dem Ergebnis: Diese ist sehr gut gelöst. Obwohl gefühlt weit draußen im Märkischen Sand errichtet, ist man von der Innenstadt, je nach Wohnlage, innerhalb von 30 bis 45 Minuten im Terminalgebäude. So etwas schafft nicht einmal München, Deutschlands Vorzeigeflughafen. Mit dem sogenannten Flughafen Express FEX (der eigentlich FLEX heißen müsste, was aber wahlweise zu Verwechslungen, Häme oder Spott Anlass geben würde) braucht man – mit nur zwei Zwischenstationen – vom Hauptbahnhof gerade einmal 31 Minuten zum Flughafen. Vom Ostkreuz dauert das Ganze nur eine kurze Viertelstunde.

Dabei ist die Vorgeschichte dieses gigantischen Neubauprojektes alles andere als kurz. Als 2006 die Bauarbeiten begannen, hatte man, ob Zweckoptimismus oder nicht, noch einen Eröffnungstermin fünf, sechs Jahre später (wir erwähnen an dieser Stelle nicht die Bauzeiten der Mega-Flughäfen in Beijing oder Istanbul) im Auge – bis die nicht funktionierende Brandschutzanlage, nun, der planmäßigen Eröffnung das Wasser abgrub.

Einher mit der immer weiteren Verzögerung der Eröffnung, am Ende waren es mehr als acht Jahre, gingen auch die Geschäftsführerwechsel der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH (FBB) – teilweise die (vermeintliche) Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft. Abhilfe schuf erst der vergleichsweise unbekannte Stadtplaner Engelbert Lütke Daldrup, der am 6. März 2017 als Nachfolger des zurückgetretenen Karsten Mühlenfeld berufen worden war.

Rekordbauzeit von zwei Jahren

Danach, so scheint’s, lief es besser. Bereits am 7. Juli 2017 gab der FBB-Aufsichtsrat den Startschuss für den Bau von Terminal 2 – dem, wie es heißt, Schlüsselprojekt des Ausbauprogramms. Nachdem die Baugenehmigung im Juli 2018 erteilt worden war, konnten das Gebäude in einer – vergleichsweise – Rekordbauzeit von zwei Jahren im Sommer 2020 fertiggestellt sowie alle Prüfungen der Sachverständigen und Wirkprinzipien erfolgreich abgeschlossen werden. Selbst die Kosten des Gesamtprojekts (Bau von Terminal 2, Planung und Erschließung sowie Bau des Bundespolizeigebäudes) liegen nach Angaben des Betreibers mit 200 Millionen Euro im geplanten Gesamtbudget.

Auch wenn das Terminal 2 auf Grund der eingebrochenen Passagierzahlen derzeit nicht benötigt wird (geplant ist eine Eröffnung zum Sommerflugplan 2021), wurde der von Lütke Daldrup versprochene Eröffnungstermin des Flughafens am 31. Oktober 2020 (dass dies der 64. Geburtstag des Flughafenmanagers war, bleibt an dieser Stelle nur eine Randnotiz) allen Unkenrufen zum Trotz gehalten.

Mit der ursprünglich parallel geplanten, aber dann witterungsbedingt gestaffelten Ankunft einer Easy-Jet- und einer Lufthansa-Maschine erfolgte schließlich die Inbetriebnahme des neuen Terminal 1 am Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt (BER). Bis es soweit war, mussten jedoch – nach Vollendigung des Baus – die internen Prozesse einschließlich Logistik auf Herz und Nieren geprobt werden. (Am Rande erwähnt sei hier, dass die Baggage-Handling-Anlagen schon seit 2012 in voller Bereitschaft standen und nun über mehr als acht Jahre den nötigen Service bekommen mussten und auch bekamen.)So wurden beispielsweise bereits seit Januar 2020 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Flughafengesellschaft und der Prozesspartner, wie Airlines, Bundespolizei, Zoll, Bodenverkehrsdienste, auf die Eröffnung vorbereitet. Ab April, Corona zum Trotz, liefen zweimal in der Woche der Probebetrieb mit eben diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Später, im Juli 2020, also ein gutes Vierteljahr vor der letztendlichen Eröffnung des Hauptstadtflughafens, kamen täglich rund 400 Komparsen hinzu, die hilfsweise Passagiere spielten und so ihren Beitrag zur Inbetriebnahme des Flughafens leisteten. Allein 129 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Logistik-Bereich sorgten dabei für die Koordination nicht nur dieser Komparsen, sondern auch der Gepäckstücke und, ja, der Verpflegung.

Die Komparsen hätten, so heißt es, bei ihren Tests wertvolles Feedback hinterlassen. Noch während des laufenden Probebetriebs wurde damit begonnen, die am häufigsten kritisierten Mängel abzuarbeiten. Und oftmals waren es die Details. So wurden Mülleimer vergrößert, die Beschilderung angepasst, fehlende Uhren aufgehangen und – Chapeau! – Ladesäulen für Handys geschaffen.

Realistischer Flughafeneindruck

Und die Zahlen sind, gemessen an dem kurzen Zeitraum, durchaus beeindruckend: Insgesamt konnten an 47 Probetagen über 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 9.897 Komparsen den BER kennenlernen. Etwa 179.000 Gepäckstücke, 54.000 „Buchungen“ für 2.350 „Flüge“ trugen, so hieß es, zu einem realistischen Flughafeneindruck bei.

Auch die anderen Zahlen können sich sehen lassen: Der Flughafen erstreckt sich laut FBB über eine Fläche von insgesamt 1.470 Hektar, was etwa 2.000 Fußballfeldern entspricht. Die Terminals 1 und 2 (welches, wir erwähnten es bereits, erst zum Sommerflugplan 2021 eröffnet werden soll) befinden sich demnach zwischen den beiden parallelen Start- und Landebahnen, während der ehemalige Flughafen Schönefeld (das jetzige Terminal 5 – wobei dem oberflächlichen Betrachter der Situation sofort die Frage nach den Terminals 3 und 4 in den Kopf schießt) im nördlichen Bereich liegt. Die beiden Start- und Landebahnen können unabhängig voneinander betrieben werden.

Der neue Flughafen konzentriere nun den gesamten Flugverkehr der Hauptstadtregion an einem Standort mit einer Gesamtkapazität von über 40 Millionen Passagieren im Jahr, so die Betreibergesellschaft. Am Terminal 1 können demnach jährlich etwa 25 Millionen Passagiere abgefertigt werden.

Ausgerechnet während einer Pandemie

Experten, wie Großunternehmer Hans-Rudolf Wöhrl, der in der Luftfahrtbranche auch kein unbeschriebenes Blatt ist, nutzen auch bereits die Gunst der Stunde zur Kritik. Auf Xing äußerte er sich wie folgt: Es sei Glück im Unglück für die Betreibergesellschaft des neuen Hauptstadtflughafens BER, dass er nach jahrelanger Hängepartie nun ausgerechnet während einer Pandemie eröffnet wird. „Wäre BER schon vor einem Jahr so weit gewesen, dann wäre er, weil viel zu klein, sofort im Chaos versunken.“ Ob damit auch schon die falsche Codierung der Türkarten am 23. November 2020 gemeint war – wer weiß.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sich der Flughafen der schweren Geburt, das optische Reziprok seines Vorgängers in Tegel, behauptet und, rückblickend betrachtet, der mühevoll erreichte Eröffnungstermin als das erweist, worauf man am 31. Oktober 2020 bewusst verzichtet hat: Ein Termin zum Feiern!

Jan Kaulfuhs-Berger

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