„Das ist ja das Coole an der Intralogistik“

„Das ist ja das Coole an der Intralogistik“

Ein Gespräch mit Philipp Hahn-Woernle über das Marktwachstum und die Automatisierung

Der oberste Stock der Viastore-Zentrale unweit der Stuttgarter Innenstadt ist fast rundherum verglast. Gemeinsam mit Philipp Hahn-Woernle schauen wir auf das Gebäude, in dem vor über 100 Jahren alles begann – unter dem Namen „Haushahn“ mit Aufzügen. In Aufwärtsfahrt befindet sich das Unternehmen nach wie vor, jedoch ist aus dem früheren Aufzugbauer längst ein Weltunternehmen der Intralogistik geworden.

"Ein wenig wirtschaftliche Normalisierung täte allen in der Branche gut." - Phillip Hahn-Woernle, Geschäftsführer Viastore Group
"Wir hätten vergangenes Jahr doppelt so viel verkaufen können, wenn wir es wirklich gewollt hätten. Aber wenn man nachhaltig wachsen und gedeihen möchte, macht das keinen Sinn." - Phillip Hahn-Woernle, Geschäftsführer Viastore Group
"Ein Geschäft, wie wir es seit mehr als fünfzig Jahren betreiben, lässt sich nicht über Nacht aus dem Boden stampfen."- Phillip Hahn-Woernle, Geschäftsführer Viastore Group

Jan Kaulfuhs-Berger: Herr Hahn-Woernle, Viastore ist natürlich ein Name in der Intralogistik. Dennoch möchten wir von Ihnen zu Beginn ein paar Worte zum Unternehmen hören.

Philipp Hahn-Woernle: Gern! Wir kommen klassisch aus der Lagertechnik, haben uns als Anlagenbauer etabliert und uns über die Jahrzehnte hinweg eine hohe Kompetenz rund um die Themen Software und Steuerung erarbeitet. Mit unserem Standardprodukt „Viadat“ sind wir mittlerweile so aufgestellt, dass dieses sich als eigenständige Softwarelösung verkauft – auch ohne Automatikanlagen.

Wie das?

Wir sind so positioniert, dass Viastore Systems für den Anlagenbau verantwortlich ist und Viastore Software für die Entwicklung, den Vertrieb und die Implementierung der „Viadat“-Software. Damit haben wir im Intralogistikmarkt zwei starke, zukunftsfähige Standbeine.

Klingt zusammen dennoch nach kompletter Automatisierung.

Eben nicht. Wir sagen ganz klar: Nicht jeder Materialfluss muss automatisiert werden. Aber die Güter müssen dennoch transportiert und gelagert werden, und das steuern und managen unsere Kunden mit „Viadat“.

Vor ein paar Jahren konnte man überall lesen: Der Markt boomt. Danach hieß es: Der Markt boomt. Heute sagen alle: Der Markt boomt.

(lacht) Es ist tatsächlich so, dass der Intra-logistikmarkt seit Jahren boomt. Seit der Wirtschaftskrise 2008/2009 ging es kontinuierlich bergauf. Die vergangenen beiden Jahre waren schon ein absoluter Hype.

Weltweit?

Ja, im Grunde weltweit. In Mitteleuropa tut sich besonders viel, die EU ist unheimlich stark ...

... und Deutschland?

Deutschland ist sogar noch stärker, als wir das ursprünglich vermuteten. Wir hatten angenommen, dass es hier irgendwann einmal zu einer Sättigung kommen würde.

Das ist nicht der Fall?

Nein, überhaupt nicht. Und Mitteleuropa ist recht stark, Spanien hat sich von der Krise erholt. In Frankreich tut sich im Moment einiges – ganz zu schweigen von Osteuropa. Und dann: Nordamerika. Nordamerika setzt immer stärker auf das Thema Automatisierung.

Warum gerade Nordamerika? Nachholeffekte?

Schauen Sie, man hat auch auf der anderen Seite des großen Teichs zurzeit Schwierigkeiten, Arbeitskräfte zu finden – selbst für einfache Tätigkeiten. Das führt letztlich dazu, dass dort zunehmend automatisiert wird.

Auf das Thema kommen wir sicherlich gleich noch einmal. Wie sieht es denn im Boom-Markt Asien aus?

Gut. In China laufen große Projekte, da sind wir selbst nicht involviert, weil das für uns ein sehr auf Hardware fokussierter Markt ist. Und da wir aus der Systemsteuerung und Software kommen, ist das weniger spannend für uns.

Ohne dem möglicherweise großen Zukunftsmarkt Afrika zu nahe treten zu wollen, bliebe im Moment eigentlich nur noch Südamerika.

Ja, und hier speziell Brasilien, wo wir einige spannende Projekte haben. Wobei man sagen muss, dort war es in den vergangenen Jahren eher etwas ruhiger. Der Markt hat erst 2018 wieder angezogen.

Wir fassen zusammen: Kernmärkte für Viastore sind neben Europa auch Nord- und Südamerika. Wenn aber Kunden von Ihnen in andere Regionen gehen, sind Sie natürlich mit von der Partie.

Selbstverständlich. Wir gehen mit unseren Kunden nach Korea, nach China, nach Australien – genau dorthin, wo sie uns brauchen. Hier sind wir äußerst flexibel und sehr international aufgestellt.

Stichwort Brexit: Haben Sie Vorbereitungen für Ihr Haus getroffen bzw. müssen Sie überhaupt welche treffen?

Müssen wir nicht. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: UK war und ist für uns kein zentraler Markt. Wir haben vor Ort eine Handvoll Bestandskunden, die wir natürlich intensiv betreuen und wo wir auch Modernisierungsthemen bearbeiten. Aber wir fokussieren uns dort nicht auf Neuaufträge. In einem Satz: Der Brexit ist für uns als Viastore weniger relevant.

Wir sprachen gerade über den ungebremsten Boom im Intralogistikmarkt. Sind zweistellige Wachstumsraten eigentlich dauerhaft gesund?

Streng genommen befinden wir uns in einem absoluten Grenzbereich. Wenn man hört, dass Maschinenbauer keine Paletten mehr bekommen, um ihre Produkte zu versenden, weil das Holz fehlt, ist das kein gutes Zeichen. Wir hätten im vergangenen Jahr doppelt so viel verkaufen können, wenn wir es wirklich gewollt hätten. Aber wenn man nachhaltig wachsen und gesund gedeihen möchte, macht das keinen Sinn.

Man muss also irgendwo Grenzen setzen?

Auf jeden Fall, denn sonst läuft man Gefahr, dass es bei einer Normalisierung schwierig wird. Daher achten wir darauf. Und viele andere Unternehmen um uns herum tun das auch. Man muss schon ein Auge darauf haben, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ein wenig Normalität täte auch gut. Und zwar nicht nur uns, sondern allen in der Branche.

Stichwort Branche: Auch hier ist Viastore breit aufgestellt.

Das ist richtig. Dennoch haben wir uns in den vergangenen Jahren vom Know-how-Aufbau, von den Strukturen und von den Inhalten her auf bestimmte Branchen fokussiert.

Die da wären?

Wir sind natürlich bei den Food-Herstellern und im Handel sehr stark, auch im Bereich Chemie und Pharma. Ganz vorn rangiert bei uns die produzierende Industrie – also die gesamte Palette vom Komponentenhersteller bis zum Maschinen- und Anlagenbauer.

Kurze Frage, kurze Antwort: Wie möchte Viastore im Markt wahrgenommen werden?

Wir sind ein Systemintegrator und ein Softwareanbieter, der seine Kunden unabhängig vom Automatisierungsgrad der Anlage zur Seite steht – von der ersten Beratung und Planung über die Installation und Implementierung bis zur Betreuung während des Betriebs.

Das heißt, Sie verkaufen dann unter Umständen auch Gabelstapler?

Wenn ein Schmalgangstapler-Lager Be-standteil der Anlage ist, gehört das dazu. Niemand hat alle Produkte in seinem Portfolio. Wenn unsere Regalbediengeräte dabei sind, ist das natürlich super. Wenn Shuttles unseres Partners Knapp dabei sind, ist das auch super. Die primäre Frage, die sich uns stets bei solchen Entscheidungen stellt, lautet: Welches ist die beste Lösung für den Kunden? Darauf aufbauend setzen wir die Systeme zusammen.

Also der klassische Systemintegrations-Ansatz.

Ja. Das zweite Bild, das wir nach außen tragen wollen, ist: Wir sind die absoluten Software-Experten für innerbetriebliche Materialfluss-Prozesse – insbesondere im Umfeld der Industrie. Einmal als Softwarehersteller, einmal als Implementierer.

Man hat heutzutage das Gefühl, dass nicht nur der Intralogistikmarkt wächst, sondern genau in Ihrem Segment auch der Wettbewerbsdruck. Stichwort: Übernahme von Vanderlande durch Toyota oder von Dematic durch Kion.

Grundsätzlich ist es gut nachzuvollziehen, dass viele Unternehmen in den Intralogistikmarkt investieren. Kion und Toyota, wie Sie gerade sagten. Über einen neuen Deal, bei dem ein Staplerhersteller involviert ist, wird gerade gemunkelt. Honeywell (hat Ende 2018 Transnorm übernommen, Anm. d. Red.) und andere investieren gerade riesige Summen, um mit dabei zu sein. Damit wächst sicher auch die Konkurrenz. Es wird Sie vielleicht wundern, aber wir beschäftigen uns mit anderen Themen.

Aha.

Schauen Sie, die bisherigen Deals haben rundweg große Unternehmen betroffen. Die sind jetzt auf der Suche nach Projekten jenseits der 100-Millionen-Euro-Grenze, um die Wachstumszahlen, die die Basis ihrer Strategie sind, überhaupt erreichen zu können. Das ist nicht unsere Baustelle. Wir haben das Ganze natürlich auf dem Radar, wissen aber auch, dass so ein Geschäft, wie wir es seit mehr als fünfzig Jahren betreiben, nicht über Nacht aus dem Boden gestampft werden kann.

Blicken wir ein wenig in die Zukunft. Wo sehen Sie die Trends?

Politisch, und damit möchte ich beginnen, müssen wir uns damit abfinden, dass wir in unsicheren Zeiten leben. Es ist dabei spannend zu sehen, wie unabhängig mittlerweile die Industrie von der Politik ist. Da geht es um Abgrenzung, Zölle, Handelskrieg und so weiter – und was passiert? Die Unternehmensumsätze gehen weiter in die Höhe.

Trotz zunehmender Unsicherheit, eigentlich Gift für eine jede Konjunktur, steigen die Umsätze?

Das ist irre, nicht? Die Kehrseite der Medaille ist, dass ein Unternehmen in solchen Zeiten immer ungenauer zu steuern ist. Wenn es keine Zusammenhänge mehr gibt, auf welche Indikatoren soll man dann achten?

Wohin wird aus Ihrer Sicht die Reise gehen?

Ich persönlich glaube, dass es in den kommenden zwei Jahren zu einer wirtschaftlichen Normalisierung kommt. Wie intensiv diese ausfallen wird, hängt von einzelnen Faktoren ab, die wiederum schlecht voraussehbar sind.

Wie verhält sich Viastore diesbezüglich?

Ganz grundsätzlich tut man gut daran, verschiedene Szenarien zu durchdenken. Wir konzentrieren uns auf langfristige Projekte. Beim Auftragseingang lagen wir 2018 über dem Plan, auch 2019 schaut es schon sehr positiv aus. Daher liegt unser Fokus darauf, für die Jahre 2020 bis 2022 zu akquirieren, um – vorausschauend – für einen eventuellen Abschwung abgesichert zu sein.

Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, an dieser Stelle über das Thema Trends in der Technik zu sprechen.

(lacht) Ja, da gibt es ein riesiges Füllhorn. Ganz spannend ist das Thema AGV, ...

... also Fahrerlose Transportsysteme ...

... das noch einmal durch neue Technologien, wie zum Beispiel eine deutlich verbesserte Navigation oder günstigere Komponenten, einen gewaltigen Schub bekommen hat. Die Branche merkt seit einiger Zeit, dass Rechenleistungen kein Problem mehr darstellen und die richtige Sensorik die AGV immer smarter machen. Die Software wird immer einfacher, vor allem für den Benutzer. Damit kommen jetzt Technologien ins Spiel, die zwar seit vielen Jahren existent sind, jetzt aber viel schneller eingeführt werden können, viel betriebssicherer sind und viel mehr können.

Was sich auch Viastore zunehmend zu Nutze macht, nehmen wir an.

Wir sind gerade an einer Vielzahl an Projekten dran, bei denen wir stärker AGV integrieren, wo wir teilweise weggehen von der klassischen Fördertechnik und die Materialflüsse über Fahrerlose Transportsysteme abbilden. Das ist ganz spannend, und der Treiber dahinter ist die Software ...

... das zweite große Trendthema im Intralogistikmarkt und bei Viastore ...

... und sie beinhaltet eine ganze Reihe an Themen. Zum Beispiel Data Analytics – aufbauend auf Big Data.

Schon wieder so ein Begriff, der an jeder Ecke auftaucht.

Was hier wichtig ist, ist die einfache Handhabbarkeit dieser Daten und einen konkreten Nutzen daraus zu ziehen. Jeder ist heute durch sein Smartphone daran gewöhnt, Einstellungen und Aktivitäten durchzuführen. Das muss einfach, ansprechend und ergonomisch sein – reduziert auf das, was man wirklich benötigt. Das hört sich zunächst alles gar nicht bahnbrechend an. Hier kann man aber unheimlich viel in Sachen Benutzerfreundlichkeit und damit Effizienzsteigerung machen.

Das Thema Robotik ist auch in aller Munde.

Bei uns natürlich ebenfalls. Und das ist sicher ein weiterer Technologie-Schwerpunkt. Da kommt in Bälde noch einiges auf uns zu – und, das ist ja genau das Coole an der Intralogistik, dass sie Trends aus verschiedenen Bereichen integriert. Nehmen Sie – nächstes Beispiel – die Datenbrillen: Ursprünglich waren diese einmal für den Consumer-Bereich gedacht. Heute findet man in der Industrie viel mehr Anwendungen. Das alles sind unheimlich spannende Themen, die zum einen das Potenzial haben, die Intralogistik noch weiter nach vorn zu bringen, zum anderen Wachstumschancen für Unternehmen bieten und damit spannende Arbeitsplätze schaffen werden.

Genau der Punkt Digitalisierung, und darüber sprechen wir ja im Wesentlichen, jagt dem Einen oder Anderen in Sachen Arbeitsplätze aber Angst ein.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der aber gesamtgesellschaftlich viel zu – Sie sagen es – angstbezogen diskutiert wird. Es gibt Umfragen, da sagen bis zu 70 Prozent der Menschen, sie haben Angst, von einem Roboter ersetzt zu werden.

Was ja so nicht der Realität entspricht.

Sicher, aber die Umfrage spiegelt eben ein Gefühl wider. Die Frage ist, wer hier die Diskussion und die Kommunikation übernimmt. Eines ist jetzt schon klar, und das muss ganz deutlich gesagt werden: Für uns in Deutschland ist die Automatisierung ein Wohlstandsträger! Bei einer alternden Gesellschaft wird es mittelfristig ohne weitere Automatisierung gar nicht gehen. Wir können es uns im ureigenem Interesse der gesamten Gesellschaft überhaupt nicht leisten, auf Automatisierung, Robotik und intelligentes Arbeiten entlang der Prozesse zu verzichten.

Herr Hahn-Woernle, wir wollten Sie eben nach einem schönen Schlusswort fragen. Mit Ihrem letzten Satz waren Sie schneller.

(lacht) Dann vielleicht noch: Wir sehen uns auf der Logimat!

Machen wir und ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Technische Logistik 02/2019 PDF-Download (1.79 MB) Autor: Jan Kaulfuhs-Berger