„Beim FTS scheiden sich die Geister“

„Beim FTS scheiden sich die Geister“

Ein Gespräch über Flexibilisierung in der Automation und die Rolle des Menschen

Wie man in einer Stunde Online-Interview von Kuckucksuhren über Hidden Champions zu Fahrerlosen Transportsystemen (FTS), Robotik und Semantik kommt, zeigt das Gespräch, welches „Technische Logistik“ mit Michael Hauth, Professor für Logistik und Einkauf an der Hochschule Mannheim und Vorsitzender des Vorstands des Intralogistik-Netzwerks Baden-Württemberg, geführt hat.

Prof. Michael Hauth, Vorsitzender des Vorstands, Intralogistik-Netzwerk in Baden-Württemberg e.V.

Jan Kaulfuhs-Berger: Alles spricht von Logistik – in den unterschiedlichsten Facetten. Wenn Sie uns den Begriff „Intralogistik“ aus Ihrer Sicht bitte einmal einordnen können?

Prof. Dr. Michael Hauth: Ich bin sehr stolz auf den Begriff „Intralogistik“, denn dieser macht uns, unsere Branche, in der Tat etwas größer. Er ist auf der einen Seite speziell, zeigt aber auf der anderen Seite, dass der Markt sehr breit ist, dass es viele unterschiedliche Spezialisten gibt und dass diese zusammenarbeiten müssen. Eine fertige Lösung bekommt man hier nicht, in dem man in einen Laden geht. Man erhält sie nur dann, wenn verschiedene Teillösungen sinnvoll miteinander kombiniert werden können.

Unter dem Strich also doch eine spezielle Branche?

Sicher. Und mit einer speziellen Geschichte gerade hier im Südwesten Deutschlands.

Sie spielen auf die, sagen wir, „Hidden-Champions-Dichte“ in Baden-Württemberg an.

Ja, und wenn wir das noch weiter verdichten, kann man sagen: Wir hier im Südwesten haben auch die größte Dichte an Intralogistik-Unternehmen. Und wissen Sie warum?

Nein, aber gleich.

(lacht) Viele Unternehmen kommen aus der Kuckucksuhr-Produktion aus dem Schwarzwald. Als diese Uhren aus der Mode kamen, haben sich viele Uhrmacher neue Geschäftsfelder gesucht.

Und einige Jahrzehnte weitergedacht, sind wir dann beim Intralogistik-Netzwerk Baden-Württemberg angelangt.

De facto. Nach unserer Gründung im Jahr 2006 erhielten wir über sechs Jahre eine projektgebundene Anschubfinanzierung des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums, die unsere Eigenmittel flankierte. Seit dem Jahr 2013 stehen wir komplett auf eigenen Beinen. Und: Wir haben eine Nische gefunden, in der wir die einzelnen Player zusammenbringen können – von der kleinen Firma mit vielleicht zehn Personen bis hin zu den ganz Großen, den DHLs dieser Welt.

Welchen Mehrwert bietet das Netzwerk seinen Mitgliedern?

Nun, zum einem bündeln wir hier ganz unterschiedliche Kompetenzen. Zum anderen sind wir ein innovationsgetriebenes Netzwerk. Das heißt, unser Anspruch ist es auch, gemeinsam mit unseren Mitgliedern nach vorn zu schauen und die Entwicklungskompetenzen zu bündeln.

Jetzt sind wir wahrscheinlich beim Dauerbrenner Industrie 4.0.

Auch, aber nicht nur. Lassen Sie mich bitte folgendes Beispiel nennen. Vor über vier Jahren haben wir mit dem Thema Lokalisierung angefangen. Damals hatte noch keiner darüber geredet. Anfangs haben manche unserer Mitglieder sich in der Tat beklagt über, wie sie es nannten, fehlenden Mehrwert. Aber den können wir monetär nicht bieten, sonst wären wir im Wettbewerb. Was wir aber tun können und auch tun, ist Unternehmen zusammenzubringen, Themen zu diskutieren und diese gemeinsam zu pushen.

Dann greifen wir uns doch einmal ein solches Thema heraus, und kommen zum Kapitel FTS, …

… ein in der Tat sehr spannendes Thema, …

… das seit einiger Zeit eine wahre Renaissance erlebt.

Ja, aber FTS – das klingt immer so leicht: FTS machen wir schon lange! Was ja auch stimmt …

… aber?

Aber nicht in einer Umwelt, die wirklich dynamisch ist. Man muss jetzt lernen, sich auch in einem größeren Umfeld mit kognitiven Fähigkeiten zurecht zu finden. Da ist sehr viel Semantik im Spiel. Es ist nicht so, dass man programmieren kann, ob ein anderes FTS oder ein Mensch daherkommt. Für die Lokalisierung ist das nur eine Bewegung – fertig. Ich muss also im Kontext betrachten, was da wirklich passiert. Aber bleiben wir beim FTS an sich.

Gern.

Alle sagen: Wir brauchen das. Aber ich selber habe als Professor eine ganze Reihe Arbeiten zu diesem Thema betreut. Letztlich sind diese Projekte immer an der Umsetzung gescheitert.

Wie bitte?

Lassen Sie mich das bitte an einem Beispiel erläutern. Wenn man ein FTS nur dazu benutzt, um einen Rohling zum Lackieren in die Lackierstraße zu fahren, dann ist diese spezielle Lösung zu teuer. Aber wenn das System noch dies und jenes könnte, wäre das Projekt spannend. Allerdings scheiden sich hier beim FTS noch die Geister. Die können genau eine Aufgabe und diese können sie frei und autonom. Die Geschwindigkeiten aber sind bedenklich gering.

Was brauchen wir Ihrer Meinung nach?

Wir benötigen eigentlich ein Universalgerät, das auch im Umfeld überall eingesetzt werden kann. Die Herausforderung ist nach wie vor, zu erkennen und zu entscheiden, was das Gerät alles können muss. Das gleiche Problem haben wir in der Robotik: der Roboter und das Greifen. Es gibt natürlich, gar keine Frage, für viele Produkte viele passende Greifsysteme. Man scheitert aber im Moment noch daran zu erkennen, was das richtige Greifsystem für die jeweilige Situation ist.

Es geht also um die Semantik?

Ja, und zurück zum FTS: Es geht darum, das Umfeld exakt zu erfassen und das geht im Moment nur schwer oder gar nicht.

Dennoch ist, wenn man in den Markt hineinschaut, ordentlich „Musik“ drin.

Sicherlich. Es gibt Lösungen ohne Ende. Es wird ganz viel entwickelt. Aber nicht diese Grundkomponenten, die wir benötigen. Eine Aufgabe funktioniert immer super. Aber die Intelligenz das Fahrumfeld zu verstehen, ist nach wie vor die große Herausforderung. Das jemand ein Gerät betreiben kann, das auch lokalisieren kann, das bekommen wir hin. Aber deren Systeme in das Umfeld zu integrieren, ohne dass irgendetwas angelernt werden muss – schwierig.

Was ist zu tun?

Die Vision beim FTS muss sein, dass dieses ein Datenformat wie auch bei Google bekommt und dann losfährt. Davon sind wir aber noch meilenweit entfernt. Was wir brauchen, ist, dass der Roboter in einer unbekannten Umwelt sich selber zurechtfindet. Und wir brauchen ein Entdecker-Gen im FTS.

Dann kommt das FTS eines Tages auf die Idee und sagt: Ich mache jetzt Pause auf dem Hof, weil dort die Sonne scheint.

(lacht) Nun, soweit ist die Technik noch lange nicht. Die Vision an dieser Stelle ist aber die Kontextuierung im System. Wir haben gesagt, wir brauchen Flexibilisierung in der Automatisierung – und das erfordert Kontext. Man muss die Umwelt verstehen und in der Lage sein, diese zu interpretieren. Ansonsten wird es mit dem Einsatz schwierig.

Dann brauchen wir wieder den Menschen.

Den brauchen wir auch so. Denn dieser hat immer noch das größte Flexibilisierungspotential.

Herr Prof. Hauth, besten Dank für das Gespräch!

 

Technische Logistik 05/2021 PDF-Download (1.6 MB)