„Alle reden von Green Port”

Ein Gespräch mit Achim Dries über Stromschienen, Datenübertragung und Automatisierung

Wenn man auf die Webseite der Vahle-Group schaut, spürt man, über welche Bandbreite das in Kamen bei Dortmund ansässige Unternehmen verfügt: von der Intralogistik inklusive Hafentechnologie, über Automotive und People Mover, ja bis hin zu Amusement Rides – also beispielsweise der technischen Ausstattung von Achterbahnen. Im Gespräch mit Achim Dries, Geschäftsführer der Paul Vahle GmbH & Co. KG, werden wir uns jedoch – weitgehend – auf die Intralogistik und die Hafentechnik konzentrieren.

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Jan Kaulfuhs-Berger: Herr Dries, wenn man Paul Vahle hört, dann hört man automatisch Stromschiene.

Achim Dries: Naja, das ist natürlich historisch bedingt. Die Stromschiene in ihrer vollen Varianz, auch im Hinblick auf die Anwendungen, ist der Ursprung unserer Firma. Auch heute noch besteht unser Kerngeschäft zu etwa 80 Prozent aus der Stromschiene, ...

... aber?

... aber in den vergangenen drei, vier Jahren haben wir uns deutlich in Richtung Automation weiterentwickelt. Unser Anspruch ist es, im Markt als Systemanbieter wahrgenommen zu werden und in der Lage zu sein, die Herausforderungen der Kunden zu lösen. Die Stromschiene ist dabei natürlich ein zentraler Bestandteil. Aber ich bin sicher, die Zukunft sieht anders aus.

Wie sieht sie denn aus?

Ich bin davon überzeugt, dass wir uns in der digitalen Welt, die die Zukunft sein wird, mehr in Richtung Problemlöser entwickeln müssen. Platt gesagt bedeutet das, dass wir den Kunden Lösungen bieten müssen, die sie in die Lage versetzen, besser und schneller zu sein.

Klingt zunächst recht simpel.

Ist es aber nicht. Wir werden uns weg entwickeln müssen vom reinen Baukasten-Produkt-Anbieter hin zu dem Anbieter im Markt, der in der Lage ist, die Anforderungen der Kunden schnell, zuverlässig und kostengünstig zu lösen.

Was nicht nur hardwaretechnisch geschieht?

Genau. Das können und werden auch Dienstleistungen sein. Stichwort: Predictive Maintenance, Datenübertragung und Datenanalyse, Digitaler Zwilling, um die wichtigsten Themen zu nennen. Daran arbeiten wir heute schon – allerdings noch etwas im Verborgenen.

Das heißt, an dieser Stelle tiefer zu bohren, wäre vergebens.

Ich kann zumindest nicht ins Detail gehen.

Zumindest nicht in jedes.

Nein, nicht in jedes.

In welches denn?

Sagen wir so, das Schöne bei Vahle ist, wenn wir etwas elektrifizieren, dann wollen unsere Kunden ja etwas positionieren, etwas steuern. Und wenn sie etwas steuern wollen, benötigen sie Daten. Und wenn man über diese, nennen wir es Ingredienzien, verfügt, dann kann man auch automatisieren. Und dann ist man auch in der Lage, Dienstleistungen und Softwarelösungen anzubieten. Ich bin davon überzeugt, dass das die Zukunft von Vahle ist.

Die, mit Blick auf Ihre Homepage, ja in den unterschiedlichsten Branchen stattfinden wird.

Nun, wir haben uns schon fokussiert und uns vor fünf Jahren gefragt: Was sind unsere Zielmärkte? Das ist zum einen natürlich unsere Ursprungsbranche, die Krantechnik, sowie die Intralogistik inklusive der Hafentechnik. Auf der anderen Seite haben wir das Thema Automotive. Hinzu kommt der sogenannte People Mover, also, wenn Sie so wollen, die Straßenbahn der Zukunft. Und natürlich Amusement Rides.

Letzteres passt auf den ersten Blick so gar nicht.

Die Vahle-Technologie kommt beispielsweise auch in Achterbahnen zum Einsatz. Und Themen wie Walt Disney oder Universal Studios sind natürlich sehr reizvoll. So etwas wie das „AIN-Dubai“, das größte Riesenrad der Welt, ist für uns natürlich ein Leuchtturm-Projekt. Dieses wird von Vahle bestromt, mit Energie versorgt und teilweise auch gesteuert.

Im – vermeintlich – trockenen Bereich der technischen Logistik sicherlich ein zusätzlicher Motivator nach innen wie nach außen.

Ja, sicher. Wir waren kürzlich auf einer Fachmesse in Orlando. Es ist faszinierend, die Leute gehen strahlend durch die Hallen und abends glücklich nach Hause.

Wir behaupten einmal, und sei es nur, um die Kurve zu bekommen, glückliche Menschen gibt es auch in der Intralogistik.

Ja, natürlich. Insbesondere, wenn wir auf realisierte Projekte zu sprechen kommen.

Nur zu.

An dieser Stelle erwähne ich gern ein Projekt ganz in unserer Nähe. Dort haben wir in einem Hochregallager von Ikea mit Partnern wie Jungheinrich oder Mias die Logistik, teilweise auch die Positionierung der Regalbediengeräte realisiert. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch Folgendes: Wir automatisieren auch bei uns selbst. Dies ist der Schritt in die digitale Welt für Vahle. Man kann nicht die beste Lösung am Markt anbieten wollen, diese aber dann nicht vorleben.

Stichwort Digitalisierung. Wir haben herausgehört, dass auch dies ein Thema für Vahle ist. Das bedeutet aber gleichzeitig Veränderung – nach innen wie nach außen.

Wenn man Prozesse innerhalb eines Unternehmens verändert, ist Folgendes unabdingbar: Transparenz und Kommunikation. Man muss offen mit den Menschen umgehen, auch, um ihnen mögliche Ängste zu nehmen. Das Erste, was man immer hört, ist, dass durch Industrie 4.0 Arbeitsplätze abgebaut werden.

Und, werden sie das?

Ein ganz klares Nein! Die Arbeitsplätze werden wertschöpfungssteigender, schneller und effizienter sein. Das führt in der Folge zu mehr Umsatz – und sichert damit Arbeitsplätze.

Transparenz und Kommunikation, das sprachen Sie gerade an, sind bei innerbetrieblichen Veränderungsprozessen notwendig. Gleiches gilt sicher auch für die Kommunikation nach außen.

Ja, sicher. Extern kommt es auf den Dialog mit den Kunden an – was unter dem Strich dann beiden hilft. Lassen Sie mich das bitte an einem Beispiel verdeutlichen. Ein bekannter Automobilhersteller, der immer wieder mit Ausfällen zu tun hatte, ist in Sachen Datenkommunikation auf uns zugekommen. Es ging um Predictive Maintenance – und wir beide haben bei diesem Projekt Neuland betreten. Das Wissen bündeln, voneinander lernen, so erschließen wir bei Vahle die digitale Welt – und das ist natürlich sehr kundenabhängig.

Das heißt, der Kunde geht den Weg mit, was sicher auch einen Einfluss auf die Strategie des Unternehmens hat.

Absolut. Früher hat man eine Strategie aufgesetzt und die Mitarbeiter haben diese Punkt für Punkt abgearbeitet. Das geht heute nicht mehr …

… da sich die Welt rasant verändert.

Ja, man muss selbst mobil, agil und kreativ sein und sich permanent hinterfragen: Sind wir auf dem richtigen Weg? Man benötigt eine Vision. Und unsere ist klar: Wir werden uns vom Komponenten-Hersteller der Vergangenheit zum Systemanbieter der Zukunft wandeln – im Übrigen auch außerhalb von reinen Hardware-Lösungen.

Die Frage, die sich uns stellt, lautet: Wie sieht dieser Weg aus?

Diesbezüglich haben wir klare Vorstellungen. Wir müssen wissen, welche Innovationen notwendig und welches die Zielmärkte sind. Hinzu kommt die Frage, welche Entwicklungen wir tätigen müssen, um im Markt bestehen zu können. Und, ganz wichtig, wir müssen permanent in den Markt schauen, erkennen, wohin der Trend geht, sowie mit den Kunden reden, mit den Kunden reden, mit den Kunden reden. Der Kunde steht bei Vahle ganz klar im Fokus. Wir müssen schauen, was der Kunde möchte und ob wir diese Lösungen anbieten können. Diese müssen innerhalb unserer Vision liegen. Denn es macht keinen Sinn, dem Kunden etwas zu versprechen, was wir nicht halten können.

Dazu bedarf es neben einer hohen technischen Kompetenz, die wir einmal unterstellen, auch eines hohen Maßes an Ingenieurkunst. Wo nehmen Sie heute und vor allem in Zukunft die Manpower her?

Sie haben Recht, das wird natürlich immer schwieriger. Sagen wir einmal so: Der Arbeitsmarkt ist in den vergangenen Jahren recht arbeitnehmerfreundlich geworden. Aber unabhängig davon ist Vahle bereits heute auch dort sehr aktiv, wo sich potenzieller Nachwuchs tummelt.

Also in den Online-Medien.

Ja, selbstverständlich. Dort sind wir viel stärker aktiv, als in den vergangenen Jahren. Aber natürlich auch „offline“, wenn Sie so wollen. Wir gehen an Schulen, Universitäten, bieten duale Systeme an. Vahle hat zudem ein neues Ausbildungszentrum eröffnet. Hier wollen wir die Ausbildungsquote auf über zehn Prozent schrauben. Ziel ist es, permanent mindestens 50 Auszubildende über alle Jahrgänge zu haben.

Das kostet sicher eine Stange Geld.

Ja, aber das ist gut investiertes Geld. Ich bin auch zutiefst davon überzeugt, dass nicht jeder Mensch einen akademischen Abschluss benötigt …

… was aber in der Realität anders aussieht.

Schauen Sie, wir haben in verschiedenen Mana-gement-Positionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bei uns eine Ausbildung gemacht und sich dann weiterentwickelt haben. Dennoch, und auch das möchte ich betonen, sind wir kein altes Unternehmen. Von der Demografie her liegen wir irgendwo zwischen 35 und 40 Jahren.

Es kommt also, so verstehen wir es, permanent Nachwuchs nach.

Ja, und das funktioniert sehr gut. Das hat natürlich auch damit etwas zu tun, dass wir in der Region bekannt sind. Vahle ist der größte Arbeitgeber in Kamen, wenn nicht sogar einer der größten im Kreis Unna. Dortmund ist nicht weit weg. Und mein Steckenpferd ist es, als Botschafter den Namen Vahle nach außen zu tragen, überall präsent zu machen.

Überall präsent ist auchdas Thema Qualität.

Bei diesem Thema werden viele schnell zum Phrasendrescher: die höchste Qualität, die beste Qualität. Bei Vahle gibt es einen einfachen, aber wahren Satz: Der aktuelle Zustand ist stets der denkbar schlechteste.

Man muss sich also permanent verbessern.

Ja, man muss stets überlegen, ob und wie Prozesse anders, besser gestaltet werden können, ob wir Entwicklungen anders angehen müssen. Jeder will natürlich immer die beste Qualität, aber diese Denke darf nicht von oben angeordnet werden müssen, sondern muss im Kopf der Mitarbeiter verankert sein.

Hohe Qualitätsansprüche kommen auch vom Kunden.

Selbstverständlich. Zudem möchte der Kunde Liefertreue, möchte seine Lösungen im Kosten- und Zeitrahmen geliefert haben. Aber hier ist Vahle sehr gut aufgestellt.

Messen Sie so etwas?

Lassen Sie es mich so sagen. Wir sehen ja, was wir an Reklamationen haben. Das ist überschaubar. Vor meiner Vahle-Zeit habe ich gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass sich ein Kunde beim Geschäftsführer bitterböse über etwas beschwert hat. Das kommt hier überhaupt nicht vor. In den sechs Jahren, die ich jetzt bei Vahle bin, hat mein Telefon aus diesem Grund noch nie geklingelt. Und das ist schon ein Qualitätsmerkmal.

Herr Dries, wir hatten uns zu diesem Interview eigentlich unter dem VorzeichenHafentechnik verabredet. Insofern, was gibt es hier Neues?

Die traditionellen Produkte sind ja weitgehend bekannt. Aber mittlerweile bieten wir bei Vahle auch verschiedene Kommunikationslösungen an.

Zum Beispiel?

Wir bringen prozesssichere Kommunikation auf die Krananlagen. Das heißt, der Kranführer sitzt nicht mehr auf dem Kran, sondern steuert ihn von einem Leitstand aus mittels eines Joysticks – und nicht nur einen, sondern nach Möglichkeit drei oder vier.

Was auch bereits in der Praxis umgesetzt ist?

Ja, beispielsweise seit 2015 in England. Dort haben wir einen kompletten Containerhafen elektrifiziert und automatisiert. Zuvor hatte man dort mehr als 170 RTG und demzufolge auch mehr als 170 Kranführer – mindestens. Denn das Teuerste in einem Hafen ist der Kranführer. Mit unserer Lösung entfällt mit einem Schlag ein großer Teil der Fixkosten. Deshalb wollen die Kunden auch diese Lösung haben.

Was wahrscheinlich auf der Arbeitnehmerseite nicht immer auf ungeteilte Zustimmung trifft.

Wir haben vor fünf Jahren, als Vahle ins Hafengeschäft eingestiegen ist, diskutiert, ob die Containerhäfen dieser Welt nicht automatisiert werden könnten. Da gab es einen Aufschrei, nicht nur von den Gewerkschaften. Und wie sieht es heute aus? Schauen Sie nach Dubai, nach Thailand, nach Amerika, ja nach Schweden – alle reden von Green Port, alle wollen automatisieren. Der Hafen Hamburg ist auch dabei. Alle wollen eine prozesssichere umweltfreundliche Lösung, um Schiffe zu entladen. Das ist der Trend, da sind wir vorne mit dabei!

Ein Trend, der mit der Elektrifizierung begonnen hat.

Ja, die Elektrifizierung eines Containerterminals ist ja heute bereits Standard – allerdings auf hohem Niveau. Um es kurz zu fassen, die Elektrifizierung eines Terminals ist für uns tägliches Brot. Wenn es aber um die Leitstandtechnik geht, um Prozesssicherheit, dann geht es auch um sicherheitsrelevante Dinge auf dem Kran und somit ans Eingemachte.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie den Not-Aus-Schalter. Hier geht es um Latenzzeiten, die tödlich sein können. Vahle beherrscht dieses Thema mit der entsprechenden Datenrate und Steuerungstechnik. Dieses Sicherheitsmodul haben wir patentiert. Es kann zudem keiner von draußen in die Daten eingreifen. Umgekehrt dürfen wir die anderen auch nicht stören, wenn Daten durch die Kommunikationsschiene gehen. Das ist das ganze Geheimnis der prozesssicheren Datenübertragung.

Stichwort Geheimnis: Die TOC in Rotterdam steht vor der Tür, welche Innovationen wird es von Seiten Paul Vahles geben?

Wir werden wieder Neues zeigen, auf jeden Fall. Im vergangenen Jahr hatten wir ja unseren Leitstand präsentiert – echt und in Farbe (lacht). Wir haben damals von der TOC aus über den Leitstand eine Krananlage gesteuert und auf einem großen Bildschirm präsentiert. Da waren einige ganz schön perplex. Und nicht nur Marketingleiter, sondern insbesondere Anwender.

In diese Richtung wird es dieses Jahr auch gehen?

Mit Sicherheit, aber Genaues kann ich noch nicht verraten.

Herr Dries, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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