„An die Grenzen des Möglichen gehen“

„An die Grenzen des Möglichen gehen“

Zwei FTS-Experten über branchenspezifische Herausforderungen und technische Möglichkeiten

Fahrerlose Transportsysteme (FTS) leisten einen entscheidenden Beitrag zur Optimierung von Prozessen in der Intralogistik. Der FTS-Spezialist EK Automation behauptet sich bereits seit 40 Jahren am Markt und hat weltweit über 1.000 Anlagen installiert. Die Redaktion besuchte das Unternehmen in Rosengarten bei Hamburg und sprach mit Ronald Kretschmer, Director of Marketing & Sales, und CIO Jan Drömer über das FTS als Multifunktionswerkzeug und neue Projekte des Unternehmens.

1.  (Quelle: EK Automation)
2. Quelle: EK Automation

» Eine unserer Stärken ist, dass wir ein sehr breites Produktportfolio anbieten. Wir sind nicht auf ein oder zwei Produkte oder Seriengeräte fixiert, sondern liefern praktisch alle FTS-Lösungen, die man sich am Markt vorstellen kann.

Ronald Kretschmer, Director of Marketing & Sales, E&K Automation GmbH

» Wir gehen an die Grenzen des Möglichen. Die Grenzen der Physik können wir natürlich nicht überwinden, aber wir versuchen, mit dem Kunden gemeinsam eine Lösung zu finden.

Jan Drömer, CIO, E&K Automation GmbH

» Unsere großen Erfahrungen, gepaart mit den innovativen Themen, mit denen wir uns beschäftigen, stellen in meinen Augen ein riesiges Potenzial dar, mit dem wir gut wachsen und unseren Kunden einen erheblichen Mehrwert bieten können.

Jan Drömer, CIO, E&K Automation GmbH

» Wir haben uns vorgenommen, stark zu wachsen und das mit Partnern weltweit.

Ronald Kretschmer, Director of Marketing & Sales, E&K Automation GmbH

Christina Kasper: Herr Kretschmer, EK Automation kann bereits auf eine lange Historie zurückblicken, wie schaffen Sie es, sich schon seit über 40 Jahren im FTS-Bereich zu behaupten?

Ronald Kretschmer: Eine unserer Stärken ist, dass wir ein sehr breites Produktportfolio anbieten. Wir sind nicht auf ein oder zwei Produkte oder Seriengeräte fixiert, sondern liefern praktisch alle FTS-Lösungen, die man sich am Markt vorstellen kann: branchenübergreifend, Indoor- und Outdoor-Applikationen. Wir haben also eine passende Lösung für jede Anwendung.

Jan Drömer: Natürlich ist kein Kunde gleich. Aber wir stellen uns den Kundenanforderungen und entwickeln daraufhin eine Lösung. Das genau ist es auch, was unser Know-how ausmacht, dieses Verständnis der Kundenanforderungen bis hin zur Umsetzung einer für ihn perfekten, funktionierende Anlage.

Kommen die Kunden mit ihren Anfragen direkt auf Sie zu?

Ronald Kretschmer: Ja, wir haben das Glück, dass der Kunde zu uns kommt – beispielsweise auch auf Messen, wie der Logimat. Wir machen zwar auch kleinere Fachausstellungen, aber unser Hauptfokus liegt auf der Logimat. Die Kundenanfragen selektieren wir dann anhand der Aufgabenstellungen nach verschiedenen Kriterien, so dass jedes Projekt individuell bearbeitet werden kann.

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ronald Kretschmer: Ein Projekt in England bei einer Frischmolkerei war eine sehr große Anlage und eine entsprechende Herausforderung. 90 Fahrzeuge in einem System für mehrere tausend Transportaufträge pro Tag. Das war schon sehr außergewöhnlich.

Jan Drömer: Es war ein komplett neues Lager. Wir haben den Auftrag seinerzeit im Oktober 2012 erhalten. Die Produktion startete im Oktober 2013. Wir hatten also ein Jahr Zeit, um den Fahrzeugtyp zu entwickeln, die gesamte Anlage zu installieren und in Betrieb zu nehmen. Das war schon sehr sportlich.

Haben Sie die Möglichkeit, die entsprechenden Prozesse virtuell vorher durchzuspielen?

Ronald Kretschmer: In diesem konkreten Fall haben wir vorher eine Simulation durchgeführt. Die 90 Fahrzeuge mussten in einem sehr engen Bereich fahren, das ergab natürlich herausfordernde Verkehrssituationen. Wo warten die Fahrzeuge aufeinander, wo begegnen sie sich? Eine solche Simulation führen wir bei immer mehr Projekten durch, um so einerseits für den Kunden eine Planungssicherheit und andererseits für uns eine Auslieferungssicherheit zu schaffen.

Jan Drömer: Das Simulieren der Transportprozesse im Lager ist ein sehr gutes Mittel, um das geplante Intralogistiksystem zusammen mit dem Kunden einmal durchzugehen. Also den gesamten Warenfluss zu prüfen, die nachgelagerten Systeme oder wie hoch der Output ist. Wir haben mittlerweile ein hervorragendes Expertenteam für die digitale Fabrikplanung hier im Haus. Man kann sich so mit relativ geringem Aufwand ein Bild davon machen, was eine Anlage tatsächlich leisten kann.

Welche speziellen Herausforderungen sehen Sie im FTS-Geschäft?

Ronald Kretschmer: Die besondere Herausforderung liegt immer in den vor Ort gegebenen Rahmenbedingungen. Wir als FTS-Integrator sind immer die letzten, die kommen, und müssen uns an die Rahmenbedingungen anpassen, die da sind – an die aufgestellten Maschinen sowie an den installierten Materialflussrechner. Das sind alles Dinge, die man im Vorfeld nicht komplett testen kann. Wir müssen uns mit dem Fußboden, mit Dehnungsfugen, mit Kanälen, Kanaldeckeln auseinander setzen. Alles Faktoren, die immer erst am Ende des Projektes sichtbar werden.

Jan Drömer: Allerdings fängt da ja auch der Spaß erst an. Wir gehen dann eben an die Grenzen des Möglichen. Die Grenzen der Physik können wir natürlich nicht überwinden, aber wir versuchen, mit dem Kunden gemeinsam eine Lösung zu finden.

Die FTS-Systeme sind also immer ganz individuell auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten?

Ronald Kretschmer: Ja, wir wollen uns allerdings ein bisschen von dem Sondermaschinenbau lösen. Was wir möchten, sind skalierbare Lösungen, also auch für uns skalierbar verwertbare Lösungen. Ein Fahrzeug, das für unterschiedliche Aufgabenstellungen genutzt werden kann. Unser Produkt „Fast Move“ beispielsweise ist so aufgebaut, dass praktisch immer der gleiche Unterbau mit der gleichen Technologie als Basis dient. Auf diesen Unterbau kann ich eine Plattform wie einen Roboter, eine Fördertechnik, ein Kommissionierregal aufbauen. Das heißt, dass ein Baukasten-Basisfahrzeug mit einer adaptierten kundenspezifischen Lösung verbunden wird.

Das FTS also als ein an die Gegebenheit anpassbares Multifunktionswerkzeug?

Jan Drömer: So ähnlich, eben eine Fahrzeugplattform, die skalierbar und flexibel ist, wo ich immer gleiche Module verwenden kann, um dem Fahrzeug eventuell auch einen zweiten Lebenszyklus zuzuordnen. Das heißt, der Kunde gibt das Fahrzeug nach einer gewissen Zeit X zurück und wir können es wieder verwenden oder wesentliche Komponenten daraus für eine neue Aufgabe umrüsten. Das ist heute die Herausforderung. Es gibt so einen Secondhand-Markt für FTS eigentlich nicht, eben weil das alles so individuell ist. Wir sehen da aber großes Potenzial.

Welche technischen Neuerungen sind, Ihrer Meinung nach, zu erwarten?

Jan Drömer: Grundsätzlich sehe ich da ganz starke Entwicklungen im Bereich der kognitiven Fähigkeiten, also bei den Fahrzeugen. Wir Menschen sehen, hören, nehmen wahr und reagieren – und genau das müssen wir auch unseren Transportrobotern beibringen. Dafür müssen diese Transportroboter aber noch viel besser verstehen, was um sie herum passiert und auch, was es für Toleranzen gibt – also das Zusammenspiel von Sensorik und Algorithmen.

Was meinen Sie damit genau?

Jan Drömer: Mit einer Kamera sieht der Computer im Prinzip fast wie ein Mensch. Die Herausforderung ist nun, dem Computer dabei zu helfen, auszuwerten, was er da eigentlich sieht. Also Hindernisse und andere Objekte zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Vielleicht auch, Ware selbst erkennen zu können und zu wissen, was damit als nächstes gemacht werden muss. In diesem Bereich wird sicher noch sehr viel passieren.

Das hieße, die Geräte mit einer großen Datenmenge zu füttern, auf Basis derer dann eine Auswertung erfolgen kann?

Jan Drömer: Genau, wir können so Modelle zukünftig trainieren und werden genau dann diese Ketten an Toleranzen dem Gerät „beibringen“. Das Ziel ist, so Projektlaufzeiten zu reduzieren und dem Kunden mehr Flexibilität zu bieten. Das ist zwar noch ein sehr langer Marsch, aber wir sind auf dem Weg.

Gibt es noch andere Bereiche, an denen Sie gerade forschen?

Ronald Kretschmer: Wo wir gerade dran sind und schon ein kleines Highlight verzeichnen konnten, ist das Thema 5G. Wir bauen ganz stark darauf, dass dieses Thema in den nächsten Jahren weiter ausgebaut wird, denn „Vernetzung“ ist eine Herausforderung, die uns bei unseren Kunden auch immer häufiger begegnet. Die Frage ist, wie die Datenverarbeitung, die auf den Fahrzeugen abläuft, ablaufen muss, und die dafür notwendige Rechenleistung gewährleistet werden kann. Das Ganze also so schnell zu machen, dass es in Echtzeit gesteuert werden kann.

Jan Drömer: Das ist es, was wir in Berlin, als Partner der Deutschen Telekom, mit dem 5G-Prototyping-Programm ausprobiert haben. Wir haben die 3D-Sensorik auf unser Fahrzeug gebaut und diese Sensordaten nicht auf dem Fahrzeug verarbeitet, sondern in die sogenannte Edge-Cloud transportiert. Dort fand dann auch die Datenverarbeitung statt. Die entsprechenden Steuerungsbefehle wurden von dort an das Fahrzeug zurückgeschickt, so dass es Hindernissen ausweichen konnte. Ich glaube, dass sich uns damit die spannende Möglichkeit eröffnet, die Einsatzmöglichkeiten der Fahrzeuge deutlich zu vergrößern.

Eine andere Möglichkeit, um die Fahrzeuge zu verbessern und ihre Einsatzmöglichkeiten zu erweitern, ist das Modernisieren der Geräte oder auch der FTS-Systeme. Wie wichtig ist dieser Bereich für Sie?

Ronald Kretschmer: Das Modernisieren von Bestandsfahrzeugen ist für uns ein ganz wichtiges Thema. Wir haben über 1.000 Anlagen mit mehr als 10.000 Fahrzeugen geliefert. Davon sind natürlich nicht mehr alle in Betrieb, aber eben noch ein sehr großer Teil. Unsere FTS-Anlagen sind ja 10, 20 oder 30 Jahre lang im Einsatz. Das Problem, das nachher auftritt, ist irgendwann die Steuerung. Elektronische Komponenten sind irgendwann nicht mehr verfügbar. In solchen Fällen führen wir dann ein Refit durch, damit die Systeme auch die nächsten Jahre fehlerfrei laufen können. Das ist eine der großen Stärken von EK und für uns auch ein ganz wichtiges Geschäftsfeld.

Jan Drömer: Dafür braucht es das Anlagenwissen. Auch die technischen Dokumentationen müssen immer gepflegt und ordentlich abgelegt werden. Das allein ist oft schon eine Herausforderung. Unsere Serviceabteilung verfügt hier zum Glück über das nötige Know-how, so dass der Kunde im Verlauf eines Refits auch weitere FTS-Stationen oder zusätzliche Funktionen der Geräte einfügen kann.

Das ist dann problemlos möglich?

Ronald Kretschmer: Es ist überwiegend unproblematisch möglich. Wichtig ist zu verstehen, was ist inzwischen alt und neu, wie kann ich die Funktionen wieder generieren, die damals hergestellt wurden. Das erfordert schon ein tiefgehendes technisches Wissen der Anlagen. Daher ist auch die Dokumentation so wichtig.

Jan Drömer: Ich denke, dass EK mittlerweile tatsächlich eines der letzten, unabhängigen Unternehmen ist. Diese Unabhängigkeit ermöglicht es uns, wirklich die beste Lösung für unsere Kunden zu liefern – die beste Lösung, die viele Logistiksysteme miteinander verknüpft. Gepaart mit unserer großen Erfahrung und den innovativen Themen, mit denen wir uns beschäftigen, stellt die Unabhängigkeit in meinen Augen ein riesiges Potenzial dar, mit dem wir gut wachsen und unseren Kunden einen erheblichen Mehrwert bieten können.

Was sind sonst noch Ziele für die nächsten Jahre?

Ronald Kretschmer: Wir haben uns vorgenommen, stark zu wachsen – auch weltweit. Wir liefern heute schon Anlagen nach Australien, China, momentan nach Ägypten, nach Südamerika. Mit unseren Partnern wachsen, das ist unser Ziel. Daran arbeiten wir.

 Herr Kretschmer, Herr Drömer, 
vielen Dank für das Gespräch.

Autor: C. Kasper